Vorstellungen
Filmkritik
Die Geschehnisse halten sich eng an den gleichnamigen Roman, dessen wunderlich weite Verbreitung von Literaturkritikern mit der formalen Begabung und der illusionslosen Lebenssicht der minderjährigen Autorin, mit der modischen Vorliebe unserer Zeit für die Enthüllungen frühreifer Mädchen, aber auch mit den gerissenen Methoden des französischen Verlegers recht verschiedenartig zu erklären versucht wird. Raymond, der verwitwete Lebemann aus Paris, verbringt mit seiner derzeitigen Mätresse und mit seiner achtzehnjährigen Tochter Cécile sorglose Ferienwochen in einer Mietvilla an der Côte d`Azur. Vom Vater als Kameradin seiner zahlreichen Amouren behandelt, die sie für durchaus angebracht hält, hat sich Cécile zu einem leichtfertigen Luxusgeschöpf entwickelt, auf das die Erziehung in der Klosterschule ohne positiven Einfluß blieb. Da trifft eines Tages Anne, eine befreundete Modeschöpferin mit seriöseren Lebensauffassungen, in der Villa ein. Anne verdrängt die Mätresse, beschneidet die Freiheiten Céciles und weigert sich, für Raymond ein einfaches Amüsierobjekt zu sein. Cécile begreift, daß eine solche Stiefmutter ihr den Vater entfremden und ein Hindernis für ihre Schrankenlosigkeit sein würde. Sie beschließt, Anne zu entfernen: Mit Hilfe ihres Geliebten aus der Nachbarvilla und der verdrängten Halbwelt-Dame leitet sie eine Intrige ein, die den Vater in die Arme seiner Mätresse zurücktreibt. Als sich Cécile -der Scheußlichkeit dieses Unternehmens bewußt wird, ist es zu spät: Die tief verletzte Modeschöpferin hat sich auf der fluchtartigen Abreise das Leben genommen. Fortan wird Cécile die Traurigkeit kennen... Der Film ist als Erinnerungsbild aufgebaut. Es wird von Cécile im Ich-Ton erzählt und erscheint abwechselnd schwarz-weiß (Gegenwart) und farbig (Vergangenheit) fotografiert. Dieser distanzschaffende Kunstgriff und die Darstellung der französischen Personen durch englisch-amerikanische Schauspieler hat den Geist, den Charakter und die Atmosphäre des Romans bedeutend abgekühlt. Optische Anstößigkeiten sind sorgfältig vermieden worden. Cécile wird von der aparten Jean Seberg ("Die heilige Johanna") gespielt; sie wirkt weder französisch noch dekadent genug, um ihre Verderbtheit glaubhaft zu machen. Dagegen ist die totale Amoralität des Buches erhalten geblieben: Weder Sünde noch Reue existieren in diesem Milieu. Bezeichnend ist, daß Vater und Tochter nach der Katastrophe an der Côte d`Azur ihre vorherigen Lebensgewohnheiten wieder aufnehmen. Trotzdem finden sich in dem Film keine Anzeichen, daß er mit seiner Amoral sympathisiere. Obwohl er die Verhaltensweise von Raymond und Cécile sittlich unbewertet läßt und nur psychologisch an ihr interessiert zu sein scheint, erlaubt er es, sie wenigstens in ihren Folgen als verurteilt anzusehen. So betrachtet, wäre dieser Film vielleicht gar eine Manifestation der schlecht orientierten Daseinssicht eines gewissen Teils der modernen Jugend und eine Anklage gegen ihre Väter, - denn daß Raymond der Hauptschuldige ist, darf nicht übersehen werden. Aus solchen möglichen Aspekten kann freilich nicht die Hoffnung abgeleitet werden, als sei "Bonjour Tristesse" eine nützliche Lektion. Um dies zu bewirken, hätte der Regisseur von der blassen Traurigkeit, in der er Céciles Seele baden läßt, zur Tragik des wahren Kunstwerks weiterschreiten müssen. Statt dessen entstand nur eine - wenn auch interessante - Romanverfilmung.




