Vorstellungen
Filmkritik
Ganz nah zeigt die Kamera ein Gemälde mit einer Blüte, die ziemlich eindeutig wie eine Vulva aussieht. Langsam fährt das Bild zurück und offenbart, dass man sich in einer Praxis befindet. Dort erzählt die Protagonistin Fanny (Alexandra Lamy) ihrer von der Regisseurin Reem Kherici selbst gespielten Sexualtherapeutin, dass sie noch nie einen Orgasmus hatte, auch nicht mit sich selbst. Um ihren Mann Tom (François Cluzet) nicht zu kränken, spielt sie den Höhepunkt in der zwanzigjährigen Ehe immer nur vor. Aus dieser Einlassung erwächst ein längerer Dialog, in dem die Therapeutin ihrer anorgasmischen Klientin rät, mit diesem Thema in ihrer Beziehung offen umzugehen. Genau das setzt Fanny in der folgenden Szene um, auch wenn es eine Weile dauert, bis das Gespräch mit Tom den Knackpunkt erreicht. Fanny stolpert in ihr Geständnis, das Tom erst einmal entgeistert.
Die beiden langen Dialogszenen führen zum Auftakt der Beziehungskomödie „Chéri, ich komme!“ umstandslos ins Thema und die Beziehungsdynamik des langjährigen Ehepaars ein. Die Karten liegen damit auf dem Tisch. Fortan sucht die Filmemacherin Reem Kherici gemeinsam mit den Hauptfiguren nach Lösungen für die Misere. Dabei kommen beide Parts gleichrangig vor. Kherici strickt aus der Ausgangslage kein „Mann gegen Frau“-Szenario, sondern eine gemeinsame Problemlösung, die sympathisch anzuschauen ist.
Viel Humor & Situationskomik
Auch wenn die Figuren ernst genommen werden, ist dabei viel Humor und Situationskomik im Spiel. Tom recherchiert erotische Tipps im Internet und nimmt sicherheitshalber Maß an sich, doch das Maßband schnappt zurück wie eine Peitsche. Bei einem Testausflug in einen Swingerclub zieht Tom der Keime wegen eine FFP2-Maske über und erlebt kurz darauf ein blaues Wunder; Fanny will den munter weiter vibrierenden Vibrator, mit dem der Mann sie ertappt, zunehmend verzweifelt als Mobiltelefon tarnen; und ihr erotisches Hörbuch sprengt versehentlich ein Familientreffen.
Parallel fragt man sich eine ganze Weile, warum die einleitende Texttafel darüber aufgeklärt hat, dass der Film von wahren Begebenheiten inspiriert ist. Schließlich ist ein Ehepaar mit Sexproblem weder weltbewegend noch exklusiv. So gesehen basiert „Chéri, ich komme!“ nicht auf einer, sondern auf tausenden wahren Geschichten. Der deutsche Zusatztitel „Die Erfindung der Lust“ gibt aber schon einen Hinweis auf die alles erklärende Wendung. Denn der Film wandelt sich zur Entstehungsgeschichte des „Womanizers“, ein an den Bedürfnissen von Frauen orientierter Vibrator. Inspiriert ist das von der realen Geschichte eines deutschen Ehepaars, das den Sextoy-Verkaufsschlager entwickelt hat. Ab der zweiten Hälfte des Films werkelt Tom, der als Ex-Ingenieur eine kleine Tüftlerwerkstatt hat, fieberhaft an der Sextoy-Revolution – und Fanny stößt bald als seine Komplizin dazu. Dabei erlebt das Paar wie schon bei den vorherigen Versuchen, aus der Routine auszubrechen, Hochs und Tiefs und verliebt sich erwartbarerweise neu ineinander.
„Sex für Doofe“
Eine komische Sequenz, die ihren Gag genüsslich ausspielt, trifft zugleich auch eine Aussage über den Film selbst. Darin kauft Tom einen Stapel erotischer Ratgeberlektüre, aber der Barcode des Buchs „Sex für Doofe“ funktioniert nicht. Unter den amüsierten bis pikierten Blicken der Umstehenden wird der Titel mehrfach genannt und schließlich sogar über die Kaufhauslautsprecher durchgesagt. „Es ist für einen Freund“, versucht Tom sich aus der peinlichen Lage zu winden. Das passt zum Film, weil Reem Kherici so etwas wie einen Ratgeberfilm gedreht hat, der einige Aufklärungsarbeit leistet. In ihrer Rolle als Therapeutin führt Kherici mögliche Ursachen für Anorgasmie auf und ordnet ein, dass 30 Prozent der Frauen davon betroffen sind. Ob der weibliche Orgasmus wirklich „das größte Geheimnis der Menschheit“ ist, wie es im Film einmal heißt, sei dahingestellt; dass die weibliche Lust aber im Vergleich zur männlichen oft als Tabu gehandhabt wird, ist unbestritten. Daher kann (und will) der Film auch als Eisbrecher fungieren.
Umgesetzt ist das alles eingängig und unterhaltend, mit lichtdurchfluteten Bildern, einem gut aufgelegten Ehepaar und wunderbar romantischen Momenten, wenn die beiden einander zugewandt auf einem Fahrrad sitzen. Die Kuschelrock-Montagen zu Songs wie „I Put a Spell on You“ sind vielleicht abgeschmackt, funktionieren aber. Etwas ärgerlicher sind unnötige Kameraflüge oder der Umstand, dass das Haus des Ehepaars wie in einem Prospekt gefilmt ist. Den Sex selbst, der hier schon zu Testzwecken immer wieder vorkommt, blendet Kherici richtigerweise aus. Schön gelöst ist eine verspielte Montage, in der im Takt wackelnde Gegenstände wie Toms Werkzeuge, ein Autoschlüssel oder eine Kaffeetasse das Geschehen stellvertretend visualisieren. Ein filmischer Höhepunkt ist auch der erste Orgasmus, den Fanny schließlich erlebt: Die Musik schwillt an, in Makroaufnahmen ziehen sich Muskel zusammen, die Pupille weitet sich, Härchen stellen sich auf, dann schwebt Fanny über dem Bett und ruft euphorisch nach Tom. Ein doppeltes Happy End.








