Das Ding mit Federn










- Veröffentlichung15.10.2026
- RegieDylan Southern
- TMDb Rating6/10 (45) Stimmen
Cast
Vorstellungen
Filmkritik
Auf Kinder habe Routine im Alltag eine besänftigende Wirkung, versichert der Psychotherapeut dem aufgelösten Familienvater (Benedict Cumberbatch). Für den im Film namenlos bleibenden Protagonisten ist die Bewahrung dieser Routine aber leichter gesagt als getan. Wenn er seinen Söhnen vor der Schule Brote schmiert, sind seine Handgriffe zittrig und ungeschickt. Nicht nur, dass er diese Arbeit sichtlich nicht gewohnt ist; er versucht zudem, angestrengt die Fassade aufrechtzuerhalten. Ständig verliert er sich in Gedanken, kämpft mit den Tränen oder reagiert übermäßig gereizt auf den Lärm der Kinder.
Indem der Vater aus „The Thing with Feathers“ Normalität erzwingt, wird das Problem nur noch größer. Die Ehefrau und Mutter der Familie ist vor kurzem tot in der Küche zusammengebrochen und wurde gerade beerdigt. Viele bekunden ihr Beileid oder spenden Trost in Gesprächen. Doch mit dem Verlust müssen die Hinterbliebenen allein fertigwerden. Die Bilder sind deshalb quadratisch verengt, und der Großteil des Films ist in der immer unordentlicheren und klaustrophobischeren Wohnung angesiedelt. Langsam schleicht sich etwas Unheimliches ein. Krähen ziehen ums Haus, und es klopft an der Tür, ohne dass jemand da wäre. Dann erscheint dem Vater plötzlich eine dunkle Präsenz.
Trauer & Verzweiflung in Großaufnahmen
Max Porters Roman „Trauer ist das Ding mit Federn“ legt mit seinem Titel bereits alle Karten auf den Tisch. Die Verfilmung „The Thing with Feathers“ von Dylan Southern lässt die Sache hingegen noch eine Weile im Unklaren. Das schleichende Gefühl der Hilflosigkeit und die Angst, den Verstand zu verlieren, vermittelt der Film zunächst mit einer Mischung aus Kitchen-Sink-Realismus und radikaler Subjektivität. Die Trauer drückt sich vor allem im emotionalen Mienenspiel von Benedict Cumberbatch aus. Seiner Nervosität und Verzweiflung widmet sich der Film beharrlich in Großaufnahmen. Immer stärker beginnt sich auch die Wahrnehmung des Vaters zu verzerren. Ein belebter Supermarkt wird mit einem Mal zu einer dunklen Kammer des Schreckens.
Sobald die Bedrohung auftaucht, ist sie auch schon entlarvt: Ein Krähenmann, der von nun an bei der Familie lebt und unzweifelhaft die Verkörperung des Kummers sein soll. Von den anfänglichen Horror-Anklängen hat sich der Film aber weitgehend verabschiedet. Die im Original von dem Schauspieler David Thewlis mit krächzender Stimme gesprochene Kreatur wirkt weniger furchteinflößend als ein pöbelnder Betrunkener im Pub. Er spielt mit den Gefühlen der Kinder, macht sich über die Sentimentalität des Vaters lustig oder prügelt ihn durch die Wohnung. Dabei ist schon bald klar, dass man diesen Vogel nicht loswerden kann, sondern lernen muss, mit ihm zu leben.
Ein markiger Krähenmann
Die Idee des Films klingt origineller als seine Umsetzung. Der Krähenmann wird zwar als markiger Charakter eingeführt, übernimmt aber lediglich die Funktion, verschiedene Phasen der Trauerbewältigung zu illustrieren: Verleugnung, Wut, Teilnahmslosigkeit und schließlich Erkenntnis und Akzeptanz. Der fantastische Kniff von „The Thing with Feathers“ gibt vor, eine Parallelwelt zu öffnen, die in Wahrheit sehr buchstäblich bleibt. Anstatt dass sich die beiden Ebenen ergänzen oder bereichern, dient die Fantasie lediglich dazu, die Wirklichkeit zu illustrieren. Die schaurig märchenhafte Welt in der Wohnung der Familie fühlt sich weit entfernt vom Alltag der anderen an. Die hier wütende Krähe pendelt zwischen Bösewicht und Kumpel, ohne zur eigenständigen Figur zu werden.
Eindringlicher schlägt sich das Verständnis von Trauer als Besessenheit in Cumberbatchs Krählauten und sonderbaren Vogelbewegungen nieder. Aber auch das schauspielerische Wechselbad der Gefühle kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ständig Intensität heraufbeschworen werden soll, aber wenig erzählt wird. Nicht nur bei der Darstellung des Kummers dreht sich „The Thing with Feathers“ zu oft im Kreis. Auch die Entwicklung seiner Hauptfigur bleibt häufig auf die exaltierte Darstellung von Gefühlsausbrüchen beschränkt. Der Weg vom düsteren Anfang des Films bis zu seinem geigenjauchzenden und lichtdurchfluteten Finale fühlt sich deshalb ein wenig abrupt und unverdient an.

