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Filmkritik
Veska ist eine Finderin. Ohne Eile und hochkonzentriert schabt sie als Archäologin zusammen mit ihrem Team kleine Bruchstücke vergangener Epochen aus der ausgemergelten Erde in der bulgarisch-türkisch-griechischen Grenzregion. Dem vorgefundenen Material wendet sie sich mit derselben Sorgfalt zu, mit der sie auch in den Gesichtern, Gesten und Worten der Menschen Merkwürdiges und Bedeutsames registriert. Den Stoffen ihrer Blusen ist anzusehen, wie angenehm sie sich auf der Haut anfühlen, wenn die Sonne von oben brennt oder stechende Blicke von Männern sie einzuschüchtern versuchen. Viel spricht sie nicht. Einmal findet sie eine Waffe, eine aus heutiger Zeit, genau dort, wo sie sie vermutet hat, und steckt sie ein.
Der Lonely Cowboy und die Finderin
„Western“ hieß der letzte, ebenfalls in Bulgarien spielende Film von Valeska Grisebach, und zunächst wirkt es so, als ob auch in ihrem fast dreistündigen Epos „Das geträumte Abenteuer“ wieder ein männlicher Lonely Cowboy im Zentrum steht: Said, gespielt von Syuleyman Letifov. Man kennt sein knorriges, von Lachfalten umzingeltes Gesicht noch aus „Western“. Said fährt allein durch die Gegend, lebt von halbseidenen Geschäften wie Benzinschmuggel, kein großer Mafioso, eher ein bescheidener Kerl. Doch sein Auto wird ihm gestohlen, sein wichtigstes Arbeitsinstrument. Zum Glück findet ihn Veska (Yana Radeva), wie sie eben alles findet. Anlässlich einer Grabung ist sie in ihre Heimatstadt Svilengrad zurückgekehrt und bietet dem alten Jugendfreund an, ihn zu fahren.
Von diesem Zeitpunkt an ist es Veskas Film. Said hingegen verschwindet für mehr als eine Stunde aus der Erzählung. In seiner Abwesenheit übernimmt Veska zusammen mit einer Einheimischen eine Diesellieferung für ihn und legt sich dafür mit dem örtlichen Mafiaboss an. Nach und nach kommt sie größeren kriminellen Strukturen auf die Spur: Weil die Gegend ein lukrativer Umschlagplatz für Menschenschmuggel ist, soll ein alter Bauer sein Grundstück hergeben, doch der weigert sich; junge Frauen werden zu zweifelhaften Partys eingeladen und wollen dennoch einfach Spaß haben. Ältere Frauen erinnern sich an Übergriffe seit dem Umbruch 1990, auch Veska trägt offenbar schmerzhafte Erinnerungen in sich. Doch sie alle sind nicht einfach als traumatisierte Opfer definiert; Veska beobachtet, setzt sich ungefragt sowohl zu den Männern als auch zu den Frauen, lächelt.
Begehren vibriert wie Benzindampf in der Luft
Das Western-Genre samt Showdown streift Grisebach auch diesmal durchaus, doch mit Veska als Lonely Cowgirl kommen andere Dynamiken ins Spiel. Die Männer, allen voran „Der Rabe“ (Zhivko Ahopov) und Iliya (Stoicho Kostadinov), haben seit den Neunzigern eine straffe Hierarchie und illegale Geschäfte aufgebaut. Eine schnüffelnde Archäologin können sie da natürlich nicht gebrauchen. Andererseits vibriert noch altes, schnell entflammbares Begehren wie Benzindampf in der Luft und sind noch offene Rechnungen zu begleichen. Die Frauen hingegen spüren, dass Veska ihre Geschicke versteht, und würde sie es nicht tun, wäre es auch egal. Sie erwarten nichts.
Hier fühlen sich alle von Europa weitgehend vergessen und hangeln sich mehr oder weniger legal durchs Leben. „Du bist jetzt eine Europäerin“, sagt mal jemand zu ihr, und darin ist die ganze Ambivalenz enthalten: Die weltläufige Souveränität und intellektuelle Überlegenheit der nach Svilengrad Zurückgekehrten machen sie bei den Daheimgebliebenen verdächtig und interessant zugleich.
Wie in „Western“ arbeitet Grisebach erneut mit Laienschauspielern. Letifov war im realen Leben Koch in einer Dorfschule und verkauft seit 20 Jahren Autoteile; Kostadinov war Kraftsportler, arbeitete bei der Spionageabwehr und baut heute Wohnwagen aus. Die Ingenieursgeologin Yana Radeva verdiente ihr Geld unter anderem als Managerin in der Glücksspielbranche und beschäftigt sich heute mit Buddhismus. Veskas aufrechte Art, sich unerschrocken, aber vorsichtig durch zwielichtige Räume und unter gleißendem Licht zu bewegen, musste Radeva in keiner Schauspielschule lernen.
Zwischen Tristesse und Aufregung
Sie alle bringen also ihre eigenen Erzählungen in den Film ein. „Die Wirklichkeit als Sparringspartner der Fiktion“, so nennt die Regisseurin den Entstehungsprozess zwischen Recherche und Dreh. Doch der Film wirkt dadurch weder dokumentarisch noch thesenhaft. Er interessiert sich nicht so sehr für Opfer- oder Tätergeschichten, sondern für ein spezielles Lebensgefühl zwischen Tristesse und Aufregung, in einer Landschaft und einem kleinstädtischen Kosmos, die sich in Gesichter und Gespräche eingegraben haben, wie man es auch aus den Filmen von Nuri Bilge Ceylan kennt. Anders als bei ihm bleibt die Landschaft jedoch pragmatische Umwelt, ist weniger aufgeladen. Bei Grisebach gibt es keine gemütlichen Tees oder Häkeldecken, bei ihr herrscht die Poesie des weißen Plastikstuhls.
Alltäglich, archaisch und mythisch zugleich, nimmt sich dieses Erzählen allen Raum. Es fordert vom Zuschauer ein, diese Dauer hinzunehmen, und nicht einmal suggestive Musik vertuscht etwaige Langeweile. Spannend ist der Film auf andere Weise. Veskas gefasstes, in sich ruhendes Schreiten, dem die Kamera von Bernhard Keller wie einem Guide folgt, in dessen Nähe einem nichts passieren kann, führt durch die ganze Erzählung. Diesem Schritttempo entspricht auch Bettina Böhlers wie auf einem unendlichen Band vorangleitende Montage, die mit kleinen Widerhaken dennoch jederzeit mit etwas Unvorhersehbarem rechnen lässt: einer Gefahr, einem Glück oder beidem. Veskas zugewandter Blick entspricht dem, den man beim Zuschauen selbst entwickelt: gelten lassend und trotzdem auf der Hut. „Das geträumte Abenteuer“ wird indirekt zur Allegorie: Was da geträumt und ausgestanden wird, ist keine ferne Episode vom Rande der Welt, es ist Europa.










