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Filmkritik
„Man sieht nur mit dem Herzen gut“, zitiert zu Beginn von „Das gewisse Etwas“ der Einbrecher Alex (Max von der Groeben) den „kleinen Prinzen“ aus dem Off, noch bevor die erste Einstellung des Films zu sehen ist – so, als gelte es bereits, der folgenden Geschichte eine verbindliche Maxime vorauszuschicken. Von unzweifelhaft goldenem Herzen scheint dieser heranwachsende Räuber zu sein, der mit knuffiger Fuchsmaske auf dem Gesicht ein Juweliergeschäft beraubt, aber einem ängstlichen Angestelltenpaar unumwunden einen Ring überlässt, als er erfährt, dass sie sich verloben wollen.
Weniger zartfühlend ist sein Vater Karlo (Florian Lukas). Da ihr Fluchtauto in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit abgeschleppt wurde, drängt er seinen Sohn in einen Reisebus, mit dem eine Gruppe beeinträchtigter Menschen zu einem Ferientrip in die Berge gebracht werden soll. Um in dieser Reisegesellschaft nicht aufzufallen, muss Alex eine Behinderung vortäuschen; Karlo hingegen übernimmt die weitaus weniger fordernde Rolle seines Pflegers.
Weitaus brachialer als das Original
Rund zehn Millionen Zuschauer zog 2024 die Komödie „Was ist schon normal?“ des Regisseurs und Hauptdarstellers Artus in die französischen Kinos und wurde so zum erfolgreichsten Film des Jahres. In Deutschland fiel die kommerzielle Bilanz mit 200.000 Tickets weitaus geringer aus; möglicherweise ein Beleg dafür, dass das deutsche Publikum längst nicht mehr so sehr am komödiantischen Import aus Frankreich interessiert ist wie noch vor anderthalb Dekaden bei „Willkommen bei den Sch’tis“ (2008) und „Ziemlich beste Freunde“ (2011). Umso naheliegender mag es für die im Populärkino sattelfeste Produktionsfirma Constantin gewesen sein, den Stoff für den deutschen Markt noch einmal eigenständig zu adaptieren. Mit „Das gewisse Etwas“ des lustspielerprobten Routiniers Marc Rothemund ist gleichwohl ein Film entstanden, der zwar dem Original mitunter penibel im Wortlaut folgt, sich aber dennoch weitaus brachialer im Ton vergreift.
Auch wenn schon „Was ist schon normal?“ von entschieden grobem Witz geprägt war, so konnte sich der Film wenigstens auf die schauspielerische Gabe des in Frankreich immens populären Artus verlassen, der seiner Hauptfigur einen unschuldigen, tastenden Touch verlieh. Mit schüchternem Lächeln schien er sich geradezu selbst darüber zu wundern, inwieweit sich aus der Idee, dass ein Mensch ohne sichtbare Beeinträchtigungen eine Behinderung simuliert, eine Form von Humor gewinnen lässt, die nicht ins Karikaturhaft-Diffamierende tendiert.
Reiner, hemmungsloser Klamauk
Worüber „Das gewisse Etwas“ sich lustig machen möchte, demonstriert der Film hingegen weitaus weniger skrupulös. „Du verhältst dich wie die. Schau sie dir an und mach sie nach“, bedrängt Karlo seinen Sohn, der daraufhin vorgibt, von körperlichen Spasmen und inkonsistenten Artikulationsproblemen eingeschränkt zu sein. Die Rolle spielt Max von der Groeben, ein in Filmen wie „Doktorspiele“ und der „Fack ju Göhte“-Reihe durchaus wunderbarer Slapstick-Darsteller, als reinen, hemmungslosen Klamauk: mit konsterniertem Blick und grotesk aufgerissenen Augen, mit verstockter Aussprache und überdeutlichen Verrenkungen der Gliedmaßen.
Neben dieser Darbietung erfüllen die von Menschen mit tatsächlichen Behinderungen gespielten Nebenfiguren lediglich eine zuspielende Funktion. Sie fungieren dabei ausschließlich als Zielscheiben wiederkehrender Pointen, die auf ihre Kosten ausgespielt werden: Ein junger Mann flucht stets in den unpassendsten Momenten, eine junge Frau wird immer wieder aufs Neue durch geworfene Gegenstände am Kopf verletzt.
Überwunden geglaubte Spielart der Filmklamotte
„Du bist nicht bekloppt, und ich bin kein Betreuer“: Seine wahre Bestimmung findet die Maskerade am Ende in einer sentimentalen Aussöhnung zwischen Vater und Sohn und der gegen alle Plausibilität erblühenden Liebesbeziehung zu einer die Reise begleitenden Pflegerin (Mala Emde). Mit „Das gewisse Etwas“ feiert eine längst überwunden geglaubte Spielart der deutschsprachigen Filmklamotte ihre Wiederkehr, die jene Ressentiments und Klischees bestätigt, über die sie vorgibt, sich lustig machen zu wollen. Was ist daran schon normal?






