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Filmkritik
Wie der felsige Buckel eines alten Tieres ragt die Insel aus dem Meer. Die Wolken hängen tief darüber, der Wind pfeift über alles hinweg, Bäume recken ihre Äste in den Himmel. Weit hinten steht auf einer Anhöhe ein einfaches Holzhaus, das mit verriegelten Fenstern und Türen dem langen Winter getrotzt hat. Es gehört der Familie der neunjährigen Sophia (Emily Matthews), die dort jedes Jahr die Sommermonate verbringt, um ein einfaches Leben inmitten der Natur zu führen, mit warmen, lichten Tagen, die im Norden nicht enden wollen.
Doch dieses Mal ist alles anders: Sophias Mutter ist tot, ihr trauernder Vater (Anders Danielsen Lie) findet kaum noch Worte für sein Kind. Er tut, was getan werden muss, hackt Holz, besorgt Vorräte, pflegt den Baum, den seine Frau so geliebt hat, und geht seiner Arbeit als Illustrator nach. „Seit sie gestorben ist, liebt er mich nicht mehr“, sagt das Mädchen zu seiner Großmutter (Glenn Close), die das entschieden als Unfug abtut. Sie weiß, dass Trauer ihre Zeit braucht, findet aber auch, dass man ihr etwas entgegensetzen muss.
Am Anfang und am Ende des Lebens
Das junge Mädchen und die alte Frau, die eine am Anfang, die andere am Ende ihres Lebens. Ihre liebevolle, mitunter knorrige, aber immer innige Beziehung ist Dreh- und Angelpunkt von „Das Sommerbuch“ nach dem gleichnamigen Roman von Tove Jansson (1914-2001), die mit ihren Geschichten über die Mumins weit über Finnland hinaus bekannt geworden ist. Sie hat das 1972 erschienene Buch ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter geschrieben und es auf einer Schäreninsel im Finnischen Meerbusen angesiedelt – in einer Gegend, die ihr seit Kindheitstagen vertraut war und in die sie sich bis ins hohe Alter immer wieder zurückgezogen hat.
Die Natur, die Wellen, das Licht in den Bäumen, die feuchte Erde im Wald spielen auch in der Inszenierung von Regisseur Charlie McDowell eine zentrale Rolle, der diese Landschaft mal in weiten Einstellungen, dann wieder in vielen Details einfängt. Ähnlich wie in der Romanvorlage erzählt er in seinem Film diesen Inselsommer in vielen kleinen Vignetten, in denen Sophia und ihre Großmutter über die Insel streifen, gemeinsam einen Zauberwald erkunden, ein verregnetes Mittsommerfest und einen Sturm erleben. Ständig reden sie miteinander über das Leben und den Tod, über Gott, Ängste und Wünsche, sogar über die Liebe, ohne dabei jedoch ein Wort über den Tod der Mutter zu verlieren.
Heimlich rauchen und nackt durch den Wald laufen
Fast schon kammerspielartig wirkt der Film, der sich nur selten von der Insel fortbewegt, aber stets seinen drei Figuren folgt: Sophia, die sich oft selbst überlassen ist und immer wieder ihre Großmutter aufspürt, herausfordert, befragt, und die alte Frau, die auf ein langes Leben zurückblickt, heimlich Zigaretten raucht, nackt durch den Wald läuft, oft ganz im Hier und Jetzt lebt und dann wieder genervt ist, dass ein Tag auf den anderen folgt und Zeit auf Zeit auf Zeit. „Alles gleitet von mir weg“, beklagt sie einmal und stellt betrübt fest, dass sie sich nicht daran erinnern kann, wie es ist, nachts in einem Zelt zu schlafen. Zwischen Sophias Aufbruch ins Leben und dem nahenden Ende der Großmutter steht die Stagnation des vom Schmerz übermannten Vaters, der im Film eine gewichtigere Rolle spielt als in der literarischen Vorlage. Damit verschiebt sich der Fokus im Film auch stärker auf die Themen Verlust, Abschied und Trauer.
Ganz nah ist der Film bei der Familie, beobachtet, ist bewusst kontemplativ und lässt Zeit zum Hinschauen. Manchmal ist es aber auch ein wenig zu viel, wenn Klaviermusik alles mit der leichten Melancholie des Vergänglichen unterlegt, wenn die wirklich grandiose Glenn Close ihren Kiefer ein Stückchen weiter vorschiebt und ihr hageres Großmuttergesicht noch spitzer macht oder Anders Danielsen Lie in der Rolle des verwitweten Vaters als Leidensfigur fast seine Konturen verliert, bis ihn seine Tochter ins Leben zurückholt.
Ein zärtlicher, stiller Kinomoment
Dennoch ist dieser Film ein Kleinod, ein zärtlicher, stiller Kinomoment in einer tosenden Zeit, der einen womöglich mit ein paar Fragen entlässt oder mit einer großen Sehnsucht nach dem Meer, dessen Weite den Blick öffnen kann für das Wesentliche. Die Wellen kommen und gehen. Die Menschen atmen ein und aus und hören eines Tages damit auf. „Das Sommerbuch“ – Roman wie Film – erzählt vom Auf und Ab des Lebens und von der Liebe zwischen einer Greisin und einem Kind.










