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Der letzte Walsänger

91 minZeichentrickFSK 6
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Vincent, ein jugendlicher Buckelwal, ist der verwaiste Sohn des letzten Walsängers, dessen magisches Lied einst die Ozeane beschützte. Belastet durch den Verlust seiner Eltern zweifelt Vincent an seinen eigenen Fähigkeiten. Als der monströse Leviathan aus einem schmelzenden Eisberg ausbricht und mit seiner giftigen Tinte alles Leben in den Meeren bedroht, muss Vincent sein eigenes Lied finden, um die Gefahr zu stoppen. Doch überwältigt von Selbstzweifeln begibt er sich stattdessen auf eine gefährliche Reise zum tiefsten Punkt des Meeres, um seine Eltern aus dem mystischen Sternenbecken zurückzuholen, in der Hoffnung, dass sein Vater den Leviathan an seiner Stelle besiegen kann. Begleitet von Walter, seinem pedantischen Schiffshalter-Nanny, und Darya, einer mutigen gehörlosen Orca-Kämpferin, muss Vincent seine Ängste überwinden und sein eigenes Lied entdecken, um die Ozeane zu retten.

Männliche Buckelwale sind lautstarke Zeitgenossen. Bis zu 190 Dezibel und damit lauter als ein Düsenflugzeug lassen sie ihre „Gesänge“ erklingen, individuelle, für jedes Tiere spezifische Geräusche in Strophenform. Die vielfältigen Äußerungen sind vor allem während der Paarungszeit zu hören. Der kleine Buckelwal Vincent ist damit aber überfordert und scheitert vorerst noch an seinem eigenen Gesang; er wird ja auch noch von seinen Eltern umsorgt und ist erst neun und noch keine zwölf Meter lang – und damit keineswegs paarungsreif. Sein musikalisches Unvermögen beschäftigt ihn jedoch sehr, will er es doch seinem Vater Humphrey nachmachen, der als „Walsänger“ besondere Kräfte besitzt. Mit seiner Stimme kann er sogar abgestorbene Korallenriffe wieder zum Leben erwecken, das Meer und seine Bewohner gesunden lassen und außerdem auch noch gefährliche Monster wie den riesenhaften Kraken Leviathan in einem Eisberg einschließen.

Doch nachdem Vincents Eltern von einem Schiff tödlich verletzt werden, als sie ihn genau vor diesem Schicksal bewahren wollen, fühlt sich der junge Wal schuldig und – ohne eigenes Lied – nutzlos. Aber sein Putzerfisch Walter, ein stolzer Absolvent der „Akademie für interozeanisches Pflegepersonal“, hat ihm die Geschichte vom Weißen Wal erzählt, der seinen verstorbenen Sohn aus dem „Sternenbecken“ zurückgeholt hat, wohin die Meeresbewohner nach ihrem Tod gehen. Was, wenn er diesen Ort finden und seine Eltern zurückholen könnte?

Alte und neuen Mythen

„Der letzte Walsänger“ von Reza Memari macht die Walgesänge zum Mittelpunkt einer Geschichte übers Erwachsenwerden und mischt dafür alte und neue Mythen: ein wenig Orpheus und Eurydike, reichlich Moby Dick, dazu die ihrerseits schon oft vermischten Geschichten vom Kraken und dem Leviathan. Als zeitgenössischer Unterton grundiert der menschliche Einfluss das Bild der Ozeane. Ein eingebildeter Walrosskönig, dem Vincent und Walter begegnen, residiert auf einer aufgeblasenen Hüpfburg; sein Hofstaat aus Walrossen und Pinguinen schmückt sich mit Plastikresten aller Art. Und als die Reisenden mitten im Ozean auf große Batzen aus Müll treffen, hängen diese wie die schwebenden Felsen auf dem Planeten Pandora in den „Avatar“-Filmen herum.

Filmbezüge und Umweltverschmutzung dominieren den Film. Dass die Menschen auch für die ergrauten Korallenriffe verantwortlich sind, wird hingegen nicht weiter thematisiert, sondern als bekannt vorausgesetzt – was schon etwas eigenartig ist, weil ausgerechnet der Gesang des Walsängers Wundermittel und Rettung für diese Zerstörung ist. Der Film entlässt die Zuschauer so mit einer kräftigen Portion Naturmystik etwas allzu leicht aus der Verantwortung. Nur in einem kleinen Moment erlaubt sich „Der letzte Walsänger“ eine subversive Publikumsbeschimpfung. Da taucht aus dem Müllberg zunächst eine Hai-Attrappe auf, die durchaus aus „Der weiße Hai“ stammen könnte, deren Mund dann ein Plastik-Clownfisch entwischt. Ein sehr kleiner, kurzer Verweis auf den Merchandise-Unsinn rund um große Filmproduktionen. Für „Der letzte Walsänger“ will man dies anders handhaben; laut Produktionsfirma sorgt jedes verkaufte Kinoticket für eine Spende an die „Whale and Dolphin Conservation“.

„Hört auf, an mich zu glauben!“

Der Clownfisch ist nicht die einzige Referenz an „Findet Nemo“; auch in „Der letzte Walsänger“ bekommt der Protagonist einen Sidekick mit Behinderung – der Killerwal Darya ist schwerhörig und behilft sich mit Gespür und Lippenlesen. Dass der Film hierbei sowohl Gehör als auch Mundanatomie realer Meeressäuger endgültig hinter sich lässt, wird allenfalls zehnjährige Ozeanographie-Nerds richtig stören. Die Animation der Tiere gibt das her; wie der ganze Film auf der großen Leinwand für Momente buntleuchtender Schönheit sorgt. Es sind generell einzelne Szenen, an die man sich erinnert. Vincents verzweifelter Ausruf „Hört auf, an mich zu glauben“, den man im Kino gerne von mehr vermeintlich oder tatsächlich „Auserwählten“ hören möchte. Die Seegurke, die das weltliche Dasein auf den Begriff bringt: „Wir schnabulieren, wir exkretieren.“

Bedauerlich bleibt aber, dass „Der letzte Walsänger“ sich aus einem großen Geflecht an Geschichten bedient, mit Anspielungen und strahlenden Augenblicken punktet – und dann doch wenig Originelles zu sagen hat. Die Figuren bleiben charakterlich eindimensionale Abziehbilder ihrer narrativen Funktion, die praktisch keine Entwicklung durchlaufen, sieht man von jenen Schritten ab, die man auf jeden Fall erwartet hätte. Ohne Überraschungen und echte Herausforderungen hebt sich der Film kaum aus dem Überangebot an Animationsfilmen für Kinder heraus. Es gibt Verfolgungsjagden mit Geschrei, lustige und seltsame Sidekicks, vage pädagogisch gemeinte Botschaften von Freundschaft, Umweltschutz und Selbstvertrauen – alles wie aus dem Handbuch. Der kleine Buckelwal bläst keine großen Fontänen, sondern schwimmt bloß brav mit.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDer letzte WalsängerVon: Rochus Wolff (4.2.2026)
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