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Die Melodie des Meeres

93 minFantasy, Familienfilm, TrickfilmFSK 0
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Ben und seine kleine Schwester Saoirse lieben die magische Muschel, die sie von ihrer verstorbenen Mutter bekommen haben. Wann immer sie sich diese ans Ohr halten, können sie das Meer rauschen hören. Eines Tages entlockt das Mädchen der Muschel eine wundersame Melodie, welche die Kinder mitten in ein Märchen führt: Saoirse erfährt dabei, dass sie in Wahrheit ein auf dem Land lebendes Robbenmädchen ist. Eine aufregende Zeit zwischen zwei Welten bricht an, aber der Tag, an dem sie sich für eine davon entscheiden muss, rückt näher... (v.f.)
Und so werden seine beiden Kinder eines Tages wenig begeistert in die Stadt geschickt, wo sie fortan bei ihrer Großmutter (Fionnula Flanagan) leben sollen. Doch vor allem Saoirse zieht es schnell zurück ans Wasser, ist sie doch eine so genannte Selkie, eine sagenumwobene Fee, die an Land eine menschliche Gestalt hat, sich im Wasser aber in eine Robbe verwandelt. Als ihr dann auch noch andere Feen begegnen und zu verstehen geben, dass ihr eine wichtige Aufgabe bevorsteht, fassen Saoirse und ihr Bruder endgültig den Beschluss, ans Meer zurückzukehren. In einer sich langsam entzaubernden Welt, in der mythische Geschöpfe fast in Vergessenheit geraten sind, muss das kleine Mädchen das Lied seiner Vorfahren singen, um die in der modernen Welt gefangenen Wesen zu befreien. Eine schwierige Mission für ein Kind, das obendrein noch nie gesprochen hat.

Da sind sie wieder, all die Kreise und Wellenlinien, die unendlich detaillierten Verzierungen, die formal so exakt gestalteten Bilder, die auch schon Tomm Moores Regiedebüt „Das Geheimnis von Kells“ (2009; (fd 41 418)) ausgezeichnet haben. Auch in „Die Melodie des Meeres“ legt Moore die Bilder seines Zeichentrickfilms an wie kleine Kunstwerke, unterstreicht durch die bewusst falschen Perspektiven, die räumliche Tiefe zu einer Fläche verdichten, geometrische Formen oder imitiert keltische Motive. Schön sind diese Bilder und irgendwie eigenartig, soghaft, aber nicht aufdringlich. Zusammen mit dem träumerischen Score von Bruno Coulais und Kila setzen sie schon in der Eröffnungsszene eine melancholische Stimmung und verweisen auf die Kernthemen des Films: Um Trauer geht es. Und um Folklore. Kurz vor der Geburt ihrer Tochter übt Bronagh mit ihrem Sohn Ben noch einmal traditionelle Lieder über die Selkies ein, jene mythischen Wesen, die ihre Gestalt wandeln können und zu Wasser Seehund, zu Lande Mensch sind. Wissbegierig lauscht Ben den Geschichten und Liedern seiner Mutter. Wenig später verschwindet sie für immer im Meer. Ben, sein Vater und die neugeborene Saoirse bleiben zurück. Oft steht der Vater seither schweigend auf der Brücke vor dem Leuchtturm auf der kleinen Insel vor der Küste Irlands, auf der die Familie lebt. Vor lauter Trauer vernachlässigt er seine Kinder. Und auch das Geschwisterverhältnis ist stark belastet, weil Ben seine Schwester indirekt für das Verschwinden der Mutter verantwortlich macht. Vorsichtig ist der Junge geworden, das Meer ist ihm suspekt. Nur Saoirse hat keine Angst. Auf geradezu magische Art fühlt sich das Mädchen, das bis zu seinem sechsten Geburtstag noch immer kein einziges Wort gesprochen hat, zum Meer hingezogen. Kein Wunder, denn auch Saoirse ist ein Selkie. Als ihre Oma Saoirse eines Nachts durchnässt am Strand findet, spricht sie ein Machtwort. Die Kinder sollen zu ihr in die Stadt ziehen. Aber da passt das Mädchen nicht hin. Zudem werden Na Daoine Sidhe, geisterähnliche Wesen, auf die Selkie aufmerksam. Mit ihrem Gesang soll Saoirse all die versteinerten Geister wieder zum Leben erwecken und sie dadurch befreien. Saoirse aber bringt kein Wort über die Lippen. Ohne ihre Hilfe drohen alle mythischen Wesen und das Wissen um sie verloren zu gehen. An der Oberfläche entspinnt sich ab diesem Zeitpunkt eine abenteuerliche Rettungsgeschichte gegen die Zeit, im Laufe derer die zunehmend schwächer werdende Saoirse entführt wird und von Ben befreit werden muss, die die Kinder zu einer Hexe und zurück ans Meer führt. Das Faszinierende aber ist, wie Tomm Moore diese Ereignisse und Begegnungen in die irische Mythologie einbettet. Die Selkies, die Sidhe, der Meeresgott Mac Lir und die Hexe Macha – es gibt sie wirklich in den irischen Legenden. Doch an einer akkuraten Nacherzählung ist Moore nicht interessiert. Wie schon in „Das Geheimnis von Kells“ mischt er die Elemente der Vorlagen vielmehr neu, führt Figuren zusammen, greift Handlungsbögen und Motive auf und vernachlässigt andere. So verschafft er diesen eine ungemeine Präsenz. Hinter der Handlung blitzt stets ein immenser Kosmos der irischen Mythologie auf. Ganz so wie Hayao Miyazaki in „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001; (fd 36 002)) nutzt Moore folkloristische traditionelle Elemente als erzählerischen Rahmen und visuellen Anker. Emotionale Anknüpfungspunkte für Kinder bieten dabei die sorgfältig angelegten kindlichen Protagonisten, vor allem Ben. Eigentlich ist dieser zu Beginn kein Sympathieträger, weil er seine Schwester insgeheim ablehnt. Und doch bleibt kein Zweifel daran, wie sehr er sie liebt. Für seine Schwester nimmt Ben die gefährliche Reise auf sich. Auf einer metaphorischen Ebene erzählt der Film von Verlust und Trauerarbeit – und davon, was von geliebten Menschen bleibt. Für Ben sind die Erinnerungen an seine Mutter, die Geschichten, die sie ihm erzählt hat, und die Muschelflöte mit dem Lied des Meeres, die sie ihm geschenkt hat, eine Quelle der Hoffnung. Auch wenn seine Mutter nicht mehr da ist, wird ihm niemand dieses Band zu ihr nehmen können. Während Saoirses Vater unfähig war, über seine Gefühle zu sprechen, weisen ausgerechnet die Kinder schließlich einen Weg. Erzählungen und Erinnerungen können uns stark machen. Das gilt nach Moore für persönliche Beziehungen ebenso wie für Mythen und Legenden, zu deren Entdecken er in seinem wunderbaren Animationsfilm einlädt und denen er damit neues Leben einhaucht.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDie Melodie des MeeresVon: Stefan Stiletto (14.7.2026)
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