Die Töchter Europas

Dokumentarfilm
  • Veröffentlichung02.07.2026
  • Verena Kuri, Iris Janssen

Das Dach einer riesigen Kuppelhalle, die einem Pantheon ähnelt, viele ausgemusterte Linienbusse mit kyrillischer Aufschrift in einer anderen Halle, dazu Geräusche von fallenden Regentropfen, gefolgt von einem schwachen Donnergrollen, das immer lauter wird. Der Blick wechselt auf einen nächtlichen Omnibusbahnhof, wo Menschen vor dem strömenden Regen Schutz suchen, während auf Italienisch Verspätungen angesagt werden. Nächster Perspektivwechsel: das Innere eines Überland-Busses. Die Fahrerin in der schmucken Uniform ihres Reiseunternehmens, eine Mitreisende mit einer Katze. Dazu ist ein literarisch anmutender Text zu hören, gesprochen von einer weiblichen Stimme: „Ein gleichmäßiger Takt – Tag und Nacht. Sie folgen Spuren, Linien aus Gummi und Zeit.“

Die Figuren sind einzig durch den Reisebus verbunden

Vielleicht ist die schläfrige junge Frau, die mit ihrem Kater unterwegs ist, die Urheberin des Textes. Man weiß es nicht, und man erfährt es auch nicht im Dokumentarfilm „Töchter Europas“. Namen und Zuordnungen sind nicht wichtig in diesem Film, der ausschließlich in einer Welt der Frauen spielt. Hier geht es nicht um individuelle Schicksale oder Probleme, es geht um Stimmungen und Reisen von Frauen, die sich nicht kennen und nichts gemeinsam haben. Sie sind einzig und allein verbunden durch das Verkehrsmittel, das sie nutzen: den Reisebus. Irgendwie geht es wohl auch um den Krieg in der Ukraine, um Geflüchtete und professionelle Nomadinnen. Diese Reisenden sind nicht auf Urlaubstour, sondern Fahrgäste von Linienbussen im transeuropäischen Verkehr.

Eine zentrale Rolle nimmt die deutschsprachige Fahrerin eines Reisebusses ein, eine Frau mit bewegter Vergangenheit, die schon mal Fünfe gerade sein lässt. Während für die Reisenden die Grenzkontrollen oft Stress und Aufregung bedeuten, sind für sie Ausweise, Pässe und Visa unwichtig, nur ein gültiges Busticket verlangt sie. Doch die Kontrollen an den innereuropäischen Grenzen sind für viele ein Stressfaktor. Manche müssen wegen fehlender Dokumente aussteigen, andere hingegen, wie die Frau mit der Katze, sind froh, wenn sie verschont bleiben. Das Tier ist zu Reisebeginn in den Frachtraum verbannt worden und bleibt auf diese Weise an den Grenzen unentdeckt – sonst würde es beschlagnahmt werden. Der niedliche Falbkater heißt Benja, wie aus dem Abspann zu erfahren ist, während die Namen der mitwirkenden Frauen zwar genannt werden, aber nicht zuzuordnen sind.

Wenig Informationen oder Bezugspunkte

Damit ist das zentrale Problem des Films offenkundig: Es gibt keine Informationen, weder einen Kommentar noch Inserts. Die Namen der Protagonistinnen bleiben unklar, es gibt kaum Hinweise auf die Reiseroute, die zwar offenbar (siehe Titel) quer durch Europa, aber nicht in gerader Linie von A nach B führt. Das könnte ein dramaturgischer Kniff sein, ist es aber offenbar nicht, denn es gibt keine erkennbare Route, und für die mitwirkenden Frauen scheint es keine Ziele zu geben. Da besucht die Frau mit der Katze ihre ukrainische Familie, vermutlich Mutter und Schwestern, die in einem Wohnwagen auf einem Wald-Campingplatz irgendwo im Nirgendwo leben. Bevor sie weiterreist, gibt es lediglich einige beinahe feuilletonistische Äußerungen zum Krieg, wenn eine Tochter unter Gelächter die WhatsApp-Nachricht ihrer Mutter zum Kriegsbeginn vorliest.

Wüsste man mehr über die Familie oder gäbe es Bezugspunkte zu den einzelnen Persönlichkeiten, könnte die Szene durchaus interessant sein. Hier wird jedoch die Desorientierung zum Programm gemacht, ohne dass sich der Grund dafür erschließt. Wer reist hier eigentlich wohin und warum? Darauf gibt es keine Antworten, und die Tatsache, dass es sich um ein Road Movie handelt, rechtfertigt keinesfalls die Wahllosigkeit im Umgang mit Menschen, Orten und Bezügen. Ebenso wenig hat all das speziell mit Europa zu tun. Ähnliche Bilder hätte es auch aus Asien, Amerika, Australien oder Afrika geben können. Denn Reisebusse gibt es überall.

Reisemittel ohne Privatsphäre

Auch die Bilder von den Frauen, ob sie gerade im Bus sitzen, auf einen anderen warten oder möglicherweise am Ziel angekommen sind, bleiben immer irgendwie beliebig. Der einzige rote Faden, der dem Publikum geboten wird, sind die unterschiedlichen Reisebusse mit allem, was dazu gehört: von der Reinigung und der Wagenwäsche über die Reparatur bis zur Neulackierung. Diese teils sehr akribischen Aufnahmen könnten auf den Essaycharakter des Films hinweisen, der sich vielleicht mit dem Thema „Frauen in Omnibussen“ hätte beschäftigen können. Die Atmosphäre ist eine andere als in der Bahn, die Reisenden sitzen gedrängt, es gibt noch weniger Privatsphäre als im Zug, man kommt eher ins Gespräch. Doch all das wird nicht an- und ausgesprochen.

Tatsächlich wirkt der Film von Verena Kuri und Iris Janssen insgesamt weniger essayistisch als prätentiös. Wohlwollend ließe sich sagen, dass der Wille zur Kunst vorhanden ist und die Filmemacherinnen einen hohen Anspruch verfolgen. Der indes so unklar definiert ist, dass sich in dem vorhandenen Material nur wenig Substanz entdecken lässt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDie Töchter EuropasVon: Gaby Sikorski (15.6.2026)
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