Die vergessene Insel










- Veröffentlichung08.10.2026
- RegieJanuel Mercado, Joel Crawford
- ProduktionVereinigte Staaten (2026)
- GretaUntertitel, Audiodeskription
- OriginalspracheEnglisch
- IMDb Rating7.3/10 (288) Stimmen
Cast
Vorstellungen
Filmkritik
Jo versteht nicht, warum ihre Mitschüler über sie lachen. Leidenschaftlich hält sie einen Vortrag über die magische Insel Nakali, die in ihrem philippinischen Wohnort in Vergessenheit geraten ist. Na gut, vielleicht hat sie das Thema verfehlt. Aber dennoch brennt sie für diese tradierte Geschichte. Ihre energische Art sorgt aber auch dafür, dass sie vor dem Büro des Rektors auf eine Rüge wartet.
Kurz darauf erhält sie Gesellschaft: Die zurückhaltendere Raissa war als einzige von ihrem leidenschaftlichen Vortrag begeistert und teilt ihr Interesse für die philippinische Mythologie. Wie es bei Kindern so ist, reicht das, um sich zu verbinden. Jo und Raissa sind fortan unzertrennlich und beste Freundinnen; ihr erstes Aufeinandertreffen halten sie materiell mit einem Anhänger an einem Armband fest. Bei Jos Tante, die einst selbst mutmaßlich auf der Insel Nakali war, hören sie sich Geschichten über prächtige Fabelwesen an, futtern Chips, bauen Höhlen und singen „Don’t Stop Believin’“ bei Karaoke-Abenden.
Ihr Glaube an den magischen Ort verlässt sie auch dann nicht, als sie älter werden und zahlreiche Anhänger am Armband baumeln. Doch ihre Wege trennen sich: Raissa erhält als Musterschülerin eine Zusage für eine renommierte Universität in den USA. Jo, die bei einer Fast-Food-Kette arbeitet, kann ihre Enttäuschung darüber nur halbwegs verbergen; seit dem Tod ihrer geliebten Tante hat sie außer Raissa niemanden mehr. Bei der Abschiedsparty wollen sie einen letzten Abend zusammen verbringen, an ihrem Stammplatz im Bus am Strand über das Leben philosophieren und ihre Erlebnisse Revue passieren lassen. Doch plötzlich öffnet sich ein mysteriöses Portal.
Launige Rekonstruktion
Von da an knüpft der Animationsfilm von Januel Mercado und Joel Crawford an andere Genrevertreter an. Denn Jo und Raissa gelangen tatsächlich nach Nakali und tauchen in eine verborgene Welt voller tradierter Kulturgeheimnisse und Familiensagen ein. Während „Vaiana“ (2016) die polynesischen Weiten des Pazifiks und „Coco“ (2017) das mexikanische Land der Toten erkundeten, führt „Forgotten Island“ die Freundinnen auf die titelgebende Insel und damit in die Welt der philippinischen Mythologie.
Doch diese Welt etabliert sich hier auf rückwärtsgewandte Art. Die Figuren haben jegliche Erinnerung an ihre erste Nacht auf der Insel verloren und müssen diese im Verlauf einer umtriebigen Schnitzeljagd rekonstruieren. Lediglich ihre Partner-Tattoos, eine Krone auf Jos Kopf und die an Raissas Rücken geklammerten Flügel geben Hinweise darauf, was in dieser Nacht geschehen sein könnte. „Forgotten Island“ ist gewissermaßen die familienfreundliche Version von „Hangover“: Die Figuren leiden unter einem großen Kater und werden bei der Rekonstruktion der vergangenen Nacht von einem Hund mit Gettoblaster begleitet.
Zwischen authentischer Einschreibung und Ethnokitsch
In schnellen Schnitten und hektischen Bildwelten saut das Trio durch die vielfältigen Orte der Insel und trifft dabei auf ein Dämonen-Baby mit riesigem Hunger, einen stets austrocknenden, stählernen Meeresprinzen mit kantigem Kinn sowie ein nervöses Naturgeist-Medium, das an den wertvollen Erinnerungen anderer interessiert ist. Alle diese Wesen baut „Forgotten Island“ in ein spaßiges Rekonstruktions-Abenteuer ein, bei dem Joe und Raissa jenes Amulett finden müssen, das sie in ihre Realität zurückbringen kann.
Gerne taucht man in die Mikrokosmen von Nakali ein, mit putzigen Waldkriegern und gutmütigen Ureinwohnern, auch wenn eine kompaktere Ausrichtung der Erzählung hilfreich gewesen wäre. Die zahlreichen Ideen und der schnelle Schnitt gleichen sich der Dynamik der beiden Freundinnen an, die kreative 3D-Animationstechnik wechselt sich mit 2D-Sequenzen ab, die von philippinischen Zeichnern gestaltet wurden, und auch der mythologische Unterbau wirkt authentisch. Durch die poetisch-mystische Atmosphäre stellt sich mitunter ein Ghibli-Gefühl ein, allerdings nur bis zu dem Punkt, an dem sich der Film für Spektakel, Sidekicks und gängige Pointen entscheidet. Zwischenzeitlich droht die kulturelle Einschreibung auch in überbordendem Ethnokitsch zu versinken.
Der Film glänzt mit schimmernd-bunten Farben und magischen Ideen, mutet der jungen Zuschauerschaft aber auch düstere Szenen zu. Denn die Flügel gehören zu Manananggal, einem Fabelwesen der philippinischen Folklore, das seinen Oberkörper vom Unterkörper trennen kann. Mit dem vampirähnlichen Aussehen samt dämonischen Augen bedroht es die chaotische Gruppe und auch die Freundschaft von Jo und Raissa. Doch ihr Band ist enger als das, was an ihren Armen hängt – gestärkt durch gemeinsame Kindheitserlebnisse, den Glauben an Familientraditionen und die Liebe zur geschiedenen Tante.
Mit der Insel verbunden
Jo und Aissa hängen an diesen Erinnerungen und müssen sich schließlich die Frage stellen, was sie dafür einzutauschen bereit sind. „Forgotten Island“ ist ein Film über das Erwachsenwerden, über den Wert von Erinnerungen, wenn sich das Leben verändert. Das Zeitkontinuum kann dabei durchaus durchbrochen werden – insbesondere in den transzendentalen Welten von Nakali, wo man sich noch an Jos Tante erinnert. Manchmal sind Freundschaften eben nicht nur Phasen im Leben, sondern tief in der Persönlichkeit verankert, so wie auch kulturelle Einschreibungen. Besonders dann, wenn sie zum Ersatz für eine Familie werden.

