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Ein einfacher Unfall

103 minDrama, Thriller, KrimiFSK 16
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EIN EINFACHER UNFALL ist der neueste Film des renommierten Regisseurs Jafar Panahi (Taxi Teheran). Verortet im heutigen Iran löst ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit eine Rachewelle aus. Ausgehend von diesem kleinen Zwischenfall schafft Panahi ein kraftvolles und intensives moralisches Drama, das sich mit verdrängten Traumata, staatlicher Gewalt, Gerechtigkeit und Straflosigkeit auseinandersetzt und dafür bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2025 mit der Goldene Palmen ausgezeichnet wurde!

Es beginnt harmlos. Ein Mann mittleren Alters fährt mit seiner schwangeren Frau und ihrer kleinen Tochter in dunkler Nacht nach Hause. Die Familie wohnt im Umfeld von Teheran; die Straße ist holperig, die Sicht schummrig. Ein Aufprall lässt Eghbal (Ebrahim Azizi) die Fahrt unterbrechen. Er steigt aus dem Auto aus, man hört kurz das Jaulen eines Hundes, dann steigt er wieder ein und fährt weiter. „Du hast einen Hund überfahren“, sagt seine Tochter empört. Die Mutter beschwichtigt und erzählt von schlechter Sicht und streunenden Hunden und dass es bloß ein einfacher Unfall gewesen sei.

Das Auto kommt nach einigen Minuten jedoch erneut zum Stehen. Der Vater sucht in einer nahegelegenen Werkstatt Hilfe. Er hat Glück; zumindest bis nach Hause sollte es die Familie an diesem Abend im provisorisch geflickten Wagen noch schaffen. Am nächsten Tag aber müsse das Auto unbedingt zur Reparatur in eine Autowerkstatt gebracht werden.

Das Quietschen der Beinprothese

Zwischen dem nächtlichen Stopp und dem Aufbruch am nächsten Morgen nimmt allerdings eine andere Geschichte ihren Anfang. Sie wird von einem Mechaniker namens Vahid (Vahid Mobasseri) vorangetrieben, der das Gespräch zwischen dem Fahrer und dem Mechaniker mitanhört. Was ihn dabei am meisten erschreckt, ist das Knirschen von Eghbals Beinprothese. Dieses Geräusch, davon ist Vahid überzeugt, kennt er aus der Zeit im Gefängnis. Es verbindet sich mit der Person eines Gefängniswärters mit dem Spitznamen „Peg Leg“, der Vahid wiederholt gefoltert hat.

Die Erinnerung überfällt ihn wie ein Albtraum. Ohne zu überlegen, folgt Vahid seinem vermutlichen Peiniger auf dem Motorrad bis zu dessen Haus. Am nächsten Morgen wartet er in einem Lieferwagen etwas verdeckt vor Eghbals Anwesen und folgt ihm in die Stadt. Dort zerrt er Eghbal in einem günstigen Moment in den Lieferwagen, fesselt ihn und fährt in die Wüste, wo er ihn neben einem verdorrten Baum lebendig begraben will. Doch Eghbals Beteuerung, nicht der Gesuchte zu sein, verunsichert Vahid. Und dies umso mehr, als Vahid immer nur mit verbundenen Augen gefoltert wurde und er Peg Leg tatsächlich nie gesehen hat. Um sicher zu sein, dass er sich nicht an einem Unschuldigen rächt, fährt er mit dem geknebelten Mann zurück in die Stadt, wo er sich von einem ehemaligen Mitgefangenen dessen Identität bestätigen lassen will. Der aber ist entsetzt über Vahids Vorhaben, verweigert ihm die Auskunft und verweist ihn an andere Ex-Mitinsassen.

Kreuz und quer durch Teheran

So beginnt in „Ein einfacher Unfall“ eine Irrfahrt, die kreuz und quer durch Teheran und die Umgebung führt, bei der eine Fotografin, ein Hochzeitspaar und der zum Jähzorn neigenden Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr) aufgegabelt werden. Die Frage, ob Eghbal und Peg Leg tatsächlich die gleiche Person sind, kommt dabei immer mal wieder auf, gerät aber schnell auch wieder in den Hintergrund. Denn es gibt noch ganz andere dringliche Fragen. Etwa die, ob es wichtiger ist, Rache zu üben oder den Kreislauf der Gewalt durch Vergebung zu durchbrechen. Und daran anknüpfend: Ob man Eghbal, der zeitweilig bewusstlos, zeitweilig sie aber alle gesehen und ihre Stimmen gehört hat, einfach wieder laufen lassen kann.

Der iranische Regisseur Jafar Panahi hat „Ein einfacher Unfall“ ohne offizielle Dreherlaubnis, aber in einer Zeit realisiert, in der er nicht in Haft war und unter Hausarrest stand und sich relativ frei bewegen durfte. Nachdem er in seinen fünf davor entstandenen Filmen selbst oft als fiktionalisiertes Alter Ego mitgespielt hat, tritt er hier nicht im Bild in Erscheinung. Die Handlung baut aber auf Panahis Erfahrungen im Gefängnis auf. Die sich daraus entwickelnde Story ist jedoch fiktiv. Sie kommt über weite Strecken in Form eines furiosen Rachethrillers daher, wird aber zunehmend von dem unterwandert, was Panahis Filme grundsätzlich kennzeichnet: der Frage nach der Menschlichkeit. Nach dem Mut, der Courage, der Resilienz, der Weitsicht und inneren Größe, die es braucht, um statt wütend Rache zu üben, zu vergeben und zu verzeihen.

„Ein einfacher Unfall“ ist heftig anzusehen, mutet gleichzeitig aber auch großartig grotesk an. So wirkt das Rächer-Quintett allein schon durch die Kleidung der einzelnen reichlich skurril: Das künftige Ehepaar trägt festliche Hochzeitskleidung, Vahid kommt im Handwerkerklamotten, Hamid in T-Shirt und Jeans, die Fotografin in einer Reportage-Weste daher. Zudem nimmt der Film mehrmals kuriose Wendungen, bei denen die bunt zusammengewürfelte Gruppe immer wieder in brenzlige Situationen gerät, in denen ohne Schmiergeld nichts mehr gehen würde. Ganz lässt Panahi die Regime- und Gesellschaftskritik auch in diesem Film nicht beiseite.

Schmiergeld für die Entbindung

Unerwartete Leichtigkeit bringt gegen Ende des Films Eghbals kleine Tochter ins Geschehen. Die ist zwar nicht mehr ganz so vergnügt wie zu Beginn des Films, hat aber ihre kindliche Sicht auf die Welt und die direkte Art zu kommunizieren nicht verloren. Genauso wie ihre Mutter hat sie von Eghbals Entführung nichts mitbekommen. Als ihre Mutter zu Hause plötzlich ohnmächtig wird, ruft sie auf Eghbals Handy an, woraufhin die Entführer losstürmen, um die hochschwangere Frau zur Entbindung ins Krankenhaus zu bringen. Das dafür ebenfalls benötigte Bestechungsgeld wird ebenso zusammengekratzt, wie das für die Geschenke zur Geburt.

„Ein einfacher Unfall“ lässt allerdings den in anderen Panahi-Filmen mitschwingenden subtilen Subtext etwas vermissen. Trotz seiner schwerwiegenden Thematik und dem darin implizierten Dilemma ist der Film dennoch leicht zu verstehen. Auch findet die Inszenierung trotz heftiger Diskussionen und erbitterter Auseinandersetzungen immer wieder zu einem dezent humorvollen Tonfall. Vor allem aber bezeugt „Ein einfacher Unfall“ einmal mehr den großen Mut und das unerschrockene Engagement seines Regisseurs, der – selbst mehrmals inhaftiert und immer wieder mit Ausreise-, Arbeitsverbot und Hausarrest belegt – in Cannes 2025 die „Goldene Palme“ persönlich in Empfang nehmen konnte.

Veröffentlicht auf filmdienst.deEin einfacher UnfallVon: Irene Genhart (7.1.2026)
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