Eine Krankheit wie ein Gedicht







- Veröffentlichung08.10.2026
- RegieJelena Ilić
- ProduktionDeutschland (2026)
- GretaAudiodeskription, Tonverstärkung
- OriginalspracheDeutsch
Vorstellungen
Filmkritik
Zu Beginn ihres Dokumentarfilms „Eine Krankheit wie ein Gedicht“ fragt Jelena Ilić ihren Vater Detlef Kissel, was sie sagen soll, wenn sie nach seinem Beruf gefragt wird. Soll sie sagen, dass er ein Verbrecher ist? – Er antwortet, er sei kein Verbrecher, sondern Künstler, ein normaler psychisch Kranker. Und „Scheißebauer“. Da lebt er bereits seit fünf Jahren in der forensischen Psychiatrie, was der euphemistische Ausdruck für den sogenannten „Maßregelvollzug“ ist – eine Kombination aus Haft und Therapie für psychisch kranke Straftäter.
Vater und Tochter teilen sich ein Buch
Der Einstieg ist Programm – Jelena Ilić liebt ihren Vater, zu dem sie lange keinen Kontakt hatte, aber sie hat auch Angst vor ihm. Seine Krankheit macht ihn unberechenbar, und auch wenn in Aussicht steht, dass er nach Hause entlassen wird, ist das keine Erleichterung für Jelena. Im Gegenteil: Solange er unter Aufsicht ist, weiß sie nicht nur, wo er ist. „Jetzt ist er in Sicherheit“, sagt sie, „und ich auch.“ Detlef kann seine Krankheit nicht nur nennen, sondern auch rappen: eine schizoaffektive, drogeninduzierte, chronifizierte Psychose des manischen Formkreises, kein Morphintyp.
Während andere Familien gemeinsame Abendessen haben, teilen sich Jelena und ihr Vater ein Buch, das sie hin- und herschicken – es ist vor allem mit Zeichnungen gefüllt, die Detlefs (und Jelenas) künstlerisches Talent zeigen, aber auch zumindest ansatzweise seine dämonischen Seiten. Bis jetzt war das Buch ihre einzige Verbindung, aber nun nimmt sich Jelena vor, ihn endlich einmal im Vollzug zu besuchen. Es wird ein bestürzend ehrliches Treffen, und langsam, sehr langsam nähern sich die beiden an.
Die Krankheit von Kindheit an in sich
Tatsächlich geht es in diesem komplexen, dabei aber auch tatsächlich sehr humorvollen Film weniger um die Krankheit, die Detlef offenbar schon als Kind in sich trug und die das Verhältnis zu Jelena und ihrer Mutter von Anfang an beeinflusste. Vielmehr steht die Beziehung zwischen Vater und Tochter im Mittelpunkt, und die verändert sich im Verlauf einer ungewöhnlichen Familiengeschichte, die vor allem aus geschickt geschnittenen Gesprächen zwischen Vater und Tochter und aus Jelenas eigenen Kommentaren besteht. Begleitet werden sie von aktuellen Bildern, alten Fotos und TV- beziehungsweise Filmaufnahmen und kleinen Animationen, die Jelena Ilić selbst gestaltet hat.
Laut Jelenas Mutter war Detlef ein „Wow-Mann“ – ein hübscher Kerl … und ein Monster. Die Ehe hielt nicht lange. Für Jelena wurde er ein Vater, der aus unbekannten Gründen häufig abwesend war. Dann war er in der Psychiatrie oder im Knast, aber das erfuhr sie erst später. Detlef war ein lieber Wochenendpapa, der mit ihr gezeichnet hat, aber auch einer, der sie und ihre Mutter bedrohte und gewalttätig wurde. Gegen Ende des Films, als er auch noch eine Krebserkrankung überstanden hat und nach eigenem Bekunden frei von Depressionen ist, sagt er ihr, dass er nicht wisse, wie er damit umgehen soll, dass er ein Monster war.
Lakonie und eine künstlerische Ader als Erbe
Jelena selbst möchte endlich ihr eigenes Leben führen, aber ihr Vater hat niemanden außer ihr. Für sie ist es selbstverständlich, dass sie sich um ihn kümmert, auch wenn sie ihn lieber wieder im Knast sehen würde. Das spricht sie auch ganz locker und nebenbei aus – das Talent zur Lakonie hat sie offenbar ebenso vom Vater geerbt wie ihre künstlerische Ader.
Die große Offenheit ist mit das Beeindruckendste an diesem Film, und sie herrscht nicht nur zwischen Vater und Tochter, sondern auch von Seiten Jelenas gegenüber der Kamera. Manchmal, wenn sie gar zu verzweifelt ist und keine Worte findet, arbeitet sie mit Animationen, die ebenso klug wie witzig sind und manchmal auch ein bisschen verstörend. Nicht so extrem wie bei Detlef – er kam in der Psychiatrie zum Malen und erfuhr mit seinen Bildern eine gewisse Bekanntheit, die den Zustand seiner Seele in oft erschütternder Form spiegeln –, aber diese kleinen Filme im Film bleiben im Gedächtnis: Da balanciert die gezeichnete Jelena kunstvoll auf der Oberkante eines nur auf einem seiner Füße stehenden Schrankes und wird von ihm erschlagen. Ein ebenso schreckliches wie einleuchtendes Bild ihrer Situation.
Die kathartische Wirkung ist Teil des Konzepts
Daraus lässt sich lesen: Auch wenn es mit dem Verhältnis zwischen ihr und ihrem Vater voranzugehen scheint, ist die Beziehung doch ebenso fragil wie ihre eigene persönliche Situation, gibt es doch immer wieder Rückschläge. Über die alten Fotos und Filmaufnahmen rekonstruiert sie die Beziehung zu ihrem Vater, und zusätzlich zeigt sie seine Entwicklung, den alten Mann, dem es gar nicht mal so sehr darum geht, gesund zu werden, und der sich – mit Jelenas Unterstützung – wieder aufrappelt.
So tragisch seine Geschichte ist, so optimistisch ist er diesmal, dass er mit dem Leben in Freiheit zurechtkommt. Dabei ist er auf Jelenas Hilfe angewiesen. Und sie hat sich entschlossen, Detlefs Leben, seine Kunst und ihre gemeinsame Geschichte in diesem sehr persönlichen, autobiografischen Film festzuhalten, seine Biografie zu erzählen, vielleicht auch, um Erklärungen zu finden, sicherlich aber, um ihn besser zu verstehen und sich selbst mit der Situation besser zurechtzufinden. Die kathartische Wirkung ihres autobiografischen Films ist auch Teil des Konzepts. Ihr Vater weiß von Beginn an Bescheid, er nimmt öfters Bezug auf den Film, macht sich schon mal lustig darüber, aber er akzeptiert Jelenas filmische Auseinandersetzung mit seinem Leben. „Ein schönes Projekt“, sagt er, „und auch wichtig.“ Vielleicht, so spekuliert er, bekomme er durch den Film sogar Heiratsangebote.
Nicht nur sein Humor, sondern vor allem die Liebe für seine Tochter ist im Film immer spürbar, und das macht den inzwischen alten Mann irgendwie immer sympathischer. Mit dem wachsenden Optimismus, den beide, Vater und Tochter, immer stärker demonstrieren, entsteht ein sehenswertes Kinoerlebnis. Ein kleiner Film mit großer Wirkung.

