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ENDLESS COOKIE

Komödie, Dokumentarfilm, Animation
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Filmemacher und Illustrator Seth Scriver aus Toronto ruft seinen Halbbruder Pete Scriver an. Dessen Wohnort erfährt man, als auf der visualisierten Landkarte Nordamerikas ein kleines Schild mit der Aufschrift „Dominion of Canada“ beiläufig weggeschnippt wird. Darunter tritt „Shamattawa“ hervor – der Name von Petes First-Nations-Gemeinde. Die Brüder scherzen herum, müssen einen Film drehen. Markant in Erinnerung von dem gemeinsamen Telefonat bleibt vor allem Petes schrullig-tiefe Lache.

Ausgehend von den aufgenommenen Gesprächen entwickelt der kreativ angereicherte Animationsfilm ein Eigenleben. Zwar wollten die Brüder ursprünglich sieben Geschichten anekdotisch erzählen, doch die über neun Jahre entstandene Familienchronik scheint kein Ende zu finden – auch, weil ihre Aufnahmen ständig von der Großfamilie unterbrochen werden. Oder von Petes Hund, der während der munteren Plauderei an seinem großen Zeh leckt, der aus dem löchrigen Strumpf herausquillt.

Unterhalten sich eine rauchende Ratte und eine sprechende Socke…

„Witzig, wunderschön, spirituell, politisch, komplex, simpel und wahr“, formuliert ein mürrischer Produzent, dessen Körper die Form eines Lineals annimmt, die Anforderungen an das Filmprojekt. Jede Figur in dieser quietschbunten Welt hat ein unverwechselbares Design; ulkige Outfits und deformierte Körper prägen die individualisierte Gestaltung. In „Endless Cookie“ kann alles ein Gesicht haben: Rübennasen, Toastgestalten und das namensgebende Keks-Kind. Zwischenzeitlich unterhalten sich eine rauchende Ratte und eine sprechende Socke. Nebenfiguren haben absurde Namen wie „Lucky Troll Simone“ oder „Sideway Sandwich Seth“.

Die schrillen Gestalten sind als Familienmitglieder und Bekannte der beiden Halbbrüder kenntlich gemacht, die selbst mit markanten Nasen und flamboyanter Garderobe gezeichnet sind. Während Seth seinen Bruder im Norden Kanadas besucht und dessen Geschichten aus der Jugend lauscht, werden sie fortwährend von lebhaften Hintergrundgeräuschen unterbrochen. Mal rülpst eines der zahlreichen Kinder ins Mikrofon, dann dröhnt das Programm aus dem zu laut eingestellten Fernsehgerät. Pete kommt gar nicht erst dazu, die Geschichte zu Ende zu erzählen, wie er eines Tages mit der Hand in einer Bärenfalle eingeklemmt war. Organisch nährt sich der Film aus diesen chaotischen Gesprächen, eignet sich ihre scheinbare Redundanz bewusst an und manövriert sich so durch eine eigentümliche Mixtur aus genuinem Quatsch und Erfahrungen von strukturellem Rassismus.

Denn Pete, der dem indigenen Volk der Cree angehört, hat Diskriminierung am eigenen Leib erfahren. Er erzählt, wie er als „Indianer“ verunglimpft wurde, besonders wenn er mit seinem weißen Halbbruder unterwegs war. Während er von den Ungerechtigkeiten berichtet, denen die Cree in der weißen Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt waren und sind, von Landenteignung bis hin zu Polizeigewalt, fällt Seth ihm ins Wort und verweist auf die Klospülung im Hintergrund. Wieder bricht Pete in sein unverwechselbares Gelächter aus.

Animierte Podcast-Aufnahme

„Endless Cookie“ changiert zwischen Doku-Anthologie, Filmessay und animierter Podcast-Aufnahme. Mal mehr, mal weniger ausgeformte Kurzgeschichten, Gedanken und Randnotizen werden assoziativ visualisiert. „Manchmal weiß ich nicht, ob die Geschichte mir folgt oder ich ihr folge“, murmelt Seth vor sich hin, während er das konfuse, eigens erstellte Storyboard betrachtet. Simultan, anarchisch und von leichtfüßiger Selbstironie getragen lavieren die Gebrüder Scriver durch das Geschehen, auch wenn sie mit ihren verknoteten Nebensträngen und Ablenkungen bisweilen die Geduld strapazieren.

Die farbenträchtigen, ins Surreale kippende Animation evoziert idiosynkratische Werke wie „Fantastic Planet“ oder den psychedelischen Beatles-Trip „Yellow Submarine“. Wenn die kreativ gestalteten Figuren alle versammelt sind, wirken die Momentaufnahmen gar wie cartooneske Hieronymus-Bosch-Gemälde oder verquere Wimmelbilder, die immer neue Details freilegen. Die sprunghaften Ebenenwechsel lassen wiederum an die interdimensionalen Reisen der Zeichentrickserie „Rick and Morty“ denken.

Rauchzeichen und Rentiereintopf

Stolz posiert Petes schüchterne Tochter, erkennbar an der weißen Strähne im Haar, mit einem Welpen auf dem Kopf. Wenn im Film plötzlich echte Fotografien aus dem Familienalltag erscheinen, erkennt man, wie nah sowohl die originalen Tonaufnahmen als auch die quirlige Animation der eigentümlichen, aber sympathischen Familienbande kommen. Ihre tradierte Kultur wird zudem in Szenen an einem Tipi, multimedialen Rauchzeichen und einem wohlschmeckenden Rentiereintopf der geschiedenen Großmutter ganz beiläufig gewürdigt. „Wîhkasin wiyâs“ – „Das Fleisch schmeckt gut“, wie es in der Sprache der Cree heißt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deENDLESS COOKIEVon: Felix Knorr (22.4.2026)
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