Vorstellungen
Filmkritik
„Sind die Hände im Bild?“ Mit dieser Frage von Werner Dütsch (1939-2018) beginnen die „Erzählungen eines Kinogehers“, um anschließend noch klarzustellen, dass sein Blick Christiane Büchner, der Filmemacherin und hier auch Adressatin seiner Erzählungen, gilt. Knapp an der Kamera vorbei – „wie bei Ozu“. Daran wird sich im Verlauf der folgenden 100 Minuten wenig ändern, die das Ergebnis eines mehrstündigen Gesprächs sind, wobei die Fragen und Einwürfe der Regisseurin weniger als Impulse zu werten sind, denn als Hinweise auf die Vertrautheit. Für das Resultat dieser 100 Minuten „Dütsch“ gibt es eine Phrase der älteren Musikkritik: „All hits, no fillers!“
Was Dütsch und Büchner hier verdichtet montiert haben, ist eine Mischung aus Bildungsroman, Medien- und Institutionengeschichte nach 1945, basierend auf einer Dialektik von Mangel und Überfluss. In Marl-Hüls, wo der junge Kino-Enthusiast Dütsch nach Kriegsende lebte, gab es in unmittelbarer Nähe vier Kinos ganz unterschiedlicher Programm-Prägung, die ihr Programm zudem alle paar Tage wechselten. Danach waren die Filme in der Regel für immer verschwunden. Man musste also, zumal angesichts der verfügbaren Mittel fürs Eintrittsgeld, wählerisch sein. Jeder gesehene Film stand gegen sieben Filme, für die das Geld nicht reichte und von denen man sich bestenfalls erzählen lassen musste. Zudem musste Dütsch die überständigen Kinobesuche vor den Eltern geheim halten. Reichlich Abenteuer.
Die Filmerzählung der Mutter beschert ein Déjà-vu-Erlebnis
Wie wichtig und tiefgreifend wiederum dieser Erfahrungsaustausch über Filme war, vermittelt Dütsch anhand einer Anekdote. In „Königin Christine“ gibt es eine Szene, in der Greta Garbo nach einer nicht gezeigten Liebesnacht das reich ausgestattete Zimmer ihres Liebhabers durchstreift und die Gegenwart in eine Erinnerung für später transformiert: „I’ve been memorizing this room!“ Diese Szene habe seine Mutter ihm erzählt – und als er später selbst den Film sah, bescherte ihm dies ein Déjà-vu-Erlebnis. Aber – und auch das ist Dütsch – nebenbei ist diese Szene von 1933 auch ein Beleg dafür, dass entgegen der Ansicht von Deleuze das Zeit-Bild nicht erst nach 1945 relevant wird. Das Nachdenken über Film ersetzt nicht das Sehen von Filmen.
Hier kommt eine weitere Qualität von „Erzählungen eines Kinogehers“ ins Spiel. Wo konventionelle Dokumentation die Erzählungen mit entsprechenden Filmausschnitten „bebildert“ hätten, wählt Büchner die Zeichnung plus Original-Tonspur, was die Offenheit oder auch Unzuverlässigkeit der erinnerten Filmbilder produktiv macht. So könnte es gewesen sein.
Dütsch erzählt davon, wie sich sein anfänglicher Film-Enthusiasmus weiter professionalisierte, indem er in der Stadtbibliothek Filmkritiken las und diese gegen den Strich operativ machte („Filme, von denen die konfessionelle Filmkritik abriet, hatte man im Auge zu behalten!“). Erste Filmliteratur kam hinzu, die Hintergründe der Filmindustrie beleuchtete oder auf noch größere Mängel aufmerksam machte wie Lotte Eisners „Die dämonische Leinwand“, die von lauter unsichtbaren Stummfilmen berichtete. Was würde man darum geben, diese Schätze zu bergen! Dann folgte das Engagement in der Filmclub-Bewegung, wo es Filme mit Untertiteln zu sehen gab und Begegnungen mit jungen Filmkritikern wie Enno Patalas oder Ulrich Gregor zustande kamen.
Vom Kino-Enthusiasten zum Filmredakteur
Schließlich floh Dütsch aus Marl-Hüls. Erst zur Bundeswehr nach Oldenburg, dann nach Berlin zu den „Freunden der deutschen Kinemathek“ und schließlich nach Köln in die Filmredaktion des WDR. Aus dem Kino-Enthusiasten, der sich erst zur Mondlandung ein Fernsehgerät anschaffte, wurde ein Filmredakteur, der ab jetzt Filme kaufen, Filme ermöglichen, Filme produzieren konnte. Büchners Film arbeitet diese Phase von Dütschs Berufung exemplarisch ab. Als Enno Patalas in der „Filmkritik“ einen Essay über Lubitschs frühe amerikanische Tonfilme publiziert, gefällt dieser Dütsch so gut, dass er Patalas spontan anfragt, ob er nicht einen Beitrag für den WDR produzieren könne. Andere Autoren der „Filmkritik“ wie Harun Farocki, Hartmut Bitomsky, Wolf-Eckart Bühler und Günter Peter Straschek folgen Patalas mit ihren unterschiedlichen Ansätzen auf dieses durchaus lukrative Arbeitsfeld.
Rückblickend ist Dütsch durchaus stolz darauf, den Bildungsauftrag auf eine Art und Weise umgesetzt zu haben, die sich durch und durch aufklärerisch der Emanzipation des Fernsehzuschauers verschrieben hatte. Dütsch ist es, der die die fünfstündige Ausstrahlung von Syberbergs „Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried 1914-1975“ gegen die Kritik, dem Zuschauer würde damit zugemutet, eine eigene Meinung zu entwickeln, verteidigt. Obschon die Einschaltquoten lächerlich und folglich politisch überschaubar gefährlich waren.
Es waren die goldenen Jahre der Öffentlich-Rechtlichen, die Dokumentar-Features kritisch auf das Verhältnis von Bild und Kommentar befragen, aber gleichzeitig auch Retrospektiven zur Filmgeschichte organisieren und ausstrahlen und das Gegenwartskino mit Sendungen zur Filmvermittlung begleiteten. Das Fernsehgerät mutierte zu einer Bildungsinstitution, wo Film anhand von Filmen studiert werden konnte, während an den Universitäten Filmwissenschaft ohne Kenntnis von Filmen und ohne Leidenschaft fürs Kino unterrichtet wurde. Ältere Leser:innen werden sich vielleicht erinnern.
Die Strafe für den jugendlich-naiven Kino-Enthusiasmus
Spätestens Mitte der 1970er-Jahre setzte dann ein Backlash gegen den „Rotfunk“ ein, der sich einer Neudefinition des Kulturverständnisses bediente. Dütsch nennt auch hier Ross und Reiter. Die Kulturabteilung des WDR wurde aufgelöst; die Filmredaktion wanderte zum Fernsehspiel. Dütsch konzentrierte sich jetzt verstärkt auf den Autorendokumentarfilm, dessen „Ernsthaftigkeit“ er hier einmal leicht amüsiert als Strafe für seinen jugendlich-naiven Kino-Enthusiasmus charakterisiert. In dieser Funktion begleitet Dütsch sperrige, aber hochinteressante Filme von Romuald Karmakar, Hartmut Bitomsky oder auch Michael Oppitz („Schamanen im Blinden Land“). Ab 1992 erhält er dann einen Lehrauftrag für Filmgeschichte an der Kölner Kunsthochschule für Medien, der immerhin 23 Jahre erfüllt wird.
Erstaunlich auch, dass Werner Dütsch auf die Zeitläufte seines vielfältigen Wirkens – viele vom ihm geförderte Filme führten dank des „Grimme-Preises“ zurück nach Marl – ohne Nostalgie blickt. Viele Schätze der Filmgeschichte, um die er sich auf die eine oder andere Weise verdient gemacht hat, sind heute auf Trägermedien oder auf Streaming-Plattformen präsent und können von neuen Zuschauern entdeckt werden. Zu viel Optimismus sollte man zwar wiederum nicht riskieren: Das Gespräch mit Dütsch fand im Jahre seines Todes 2018 statt, sein äußerst lesenswertes Buch „Im Banne der roten Hexe. Filme als Lebensmittel“ ist vergriffen und aktuell auch nicht antiquarisch erhältlich. Immerhin erhält ein neues Publikum durch „Erzählungen eines Kinogehers“ jetzt die famose Gelegenheit, sich an Werner Dütsch zu „erinnern“. Welch ein Gewinn!
