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Filmkritik
„Du hast uns eine Geschichte erzählt“, lobt einer der Juroren den Auftritt von Lea (Frida Hornemann). Die 16-Jährige hat bei der Castingshow die Ballade „Fix You“ von Coldplay tatsächlich ganz hübsch gesungen – gefühlvoll, dabei dezent und nicht zu groß. Aber eine Geschichte hat sie bestimmt nicht erzählt, zumindest keine, die man nicht schon unzählige Male gehört hätte. Aber vielleicht geht es in diesem Moment genau darum: etwas, das in hohem Maße allgemeingültig ist, als etwas Individuelles wahrzunehmen.
„Etwas ganz Besonderes“ kreist auf verschiedenen Ebenen um Geschichten und das Geschichtenerzählen: um Lebensentwürfe, die sich an den bestehenden Realitäten reiben, um Selbstbilder und um die Biografie als vermarktbares Produkt; aber auch um ost-deutsche Geschichte und Gegenwart. Schauplatz ist das thüringische Greiz, eine Residenzstadt mit langer industrieller Vergangenheit. An diesem Ort, umgeben von dichtem Wald, lässt die Filmemacherin Eva Trobisch einen mehrgenerationellen Familienorganismus lebendig und dabei auch etwas chaotisch werden.
Familie als unsortiertes Gefüge
Lebendig bedeutet für diesen Film: Es passiert immer viel, und es passieren viele Dinge oft gleichzeitig. Leas Familie begegnet von Beginn an als unsortiertes, dabei aber noch immer erstaunlich funktionstüchtiges Gefüge. Die Eltern, Matze (Max Riemelt) und die von einem anderen Mann hochschwangere Rieke (Gina Henkel), haben sich gerade getrennt, aber bis sich das Modell Patchwork etabliert hat, läuft die „alte“ Familie noch ein bisschen parallel. Matze, gekränkt, aber dennoch jederzeit ansprechbar für Riekes Krisen, ist vorübergehend zu seinen Eltern in den Hotelbetrieb gezogen, den „Waldblick“. Der Berggasthof mit Reitschule steht kurz vor dem Bankrott, weshalb die Räumlichkeiten auch mal für ein Tagungswochenende an Neurechte vermietet werden.
Für Spannungen nicht nur in der Familie sorgt auch das ambitionierte Projekt von Kati (Eva Löbau), Leas Tante und Matzes Schwester. Nach Jahren im „Westen“ ist sie wieder in die Provinzstadt zurückgezogen, um das örtliche Schloss in ein Museum umzugestalten. Dass sie dafür großzügige EU-Fördergelder zur Verfügung hat, stößt vor allem ihrer Mutter, die bis zur Wende in den ehemaligen Textilwerken gearbeitet hat, bitter auf. Kati wird aber auch von ihrem Sohn Edgar (Florian Geißelmann) ständig attackiert, der mit Leas bester Freundin zusammen ist und sich in der Rolle des Systemkritikers eingerichtet hat.
In diese aufgewühlte Dynamik platzt nach Leas Einladung in die Castingshow ein Fernsehredakteur auf der Suche nach der Homestory: „Was wollt ihr von euch zeigen?“ Seine Frage legt die Fragilität der Selbstentwürfe erst richtig offen. Zugleich bewirkt die Show – als Mobilitäts- und Sentimentalitätsmaschine – ein momenthaftes Zusammenwachsen der in Auflösung begriffenen Familie.
Die Blicke sind in ständiger Bewegung
Die unablässige Bewegung, die bereits Trobischs Film „Ivo“ (2024) auszeichnete, wird in „Etwas ganz Besonderes“ noch einmal potenziert. Mit dem ständigen Hin und Her, Hier und Dort – Gasthaus, Reiterhof, Wald, Hotels, Bühne, Backstage et cetera – geht stets auch eine Bewegung des Blicks einher. Ein Blick (oder vielmehr Blicke, denn in diesem Film ist alles programmatisch multipel), der neben dem eigentlichen Geschehen unzählige Wahrnehmungspartikel aufgreift: Kabelträger oder Mitarbeiter, die ins Handy starren, während sich auf der Bühne vielleicht gerade entscheidet, ob jemand „Popstar“ wird oder nicht, die eifersüchtigen, traurigen Blicke der Cousine, das Bestellritual im asiatischen Restaurant (sagt man die Nummer des Gerichts an oder spricht man es aus?). Trobisch inszeniert das alles mit einem beiläufig daherkommenden Naturalismus, der sich in seiner Fülle an Mikrobeobachtungen jedoch bald erschöpft. Denn darin, dass alles irgendwie bemerkenswert und gleichermaßen interessant gefunden wird, verschleifen sich die Konturen.
Mitunter aber findet der Film in der Gemengelage an Beziehungen und Begebenheiten doch zu konzentrierten Beobachtungen. Etwa wenn Rieke und Matze, verklebt von den Gefühlen bei Leas Auftritt, auf der Reise noch mal eine Nacht miteinander verbringen: eine Begegnung auch zweier Körper, die sich zugleich vertraut sind und doch schon ein bisschen fremd.

