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Everytime

123 minDramaFSK 12
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Das letzte Foto, das Jessie gemacht hat, zeigt die Sonne über Berlin. Sie hängt da, als wäre nichts geschehen. Aber Ella hat ihre Tochter verloren. Was ihr bleibt, ist Jessies kleine Schwester und die komplizierte Beziehung zu dem Jungen, dem alle die Schuld geben. Das merkwürdige Trio landet in einem Familienurlaub, den es so nie gab. Unter der flirrenden Sonne Teneriffas verweben sich Erinnerung und Gegenwart unauflöslich ineinander. Die Geister sind überall.

Wer sich noch an Sandra Wollners irritierenden Film „The Trouble With Being Born“ (2020) erinnert, wo ein Androidenkind Leerstellen in den Leben von Erwachsenen ausfüllt, wartet in „Everytime“ ziemlich lange auf das Kippen des Realistischen ins Gespenstische. Nur um irgendwann zu verstehen, dass man schon lange mittendrin ist in einer Geistergeschichte und gar nicht so genau sagen kann, wann sie eigentlich angefangen hat.

Um eine Leerstelle geht es auch in „Everytime“, und darum, welche Welten Angehörige sich bauen, um mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen. Noch ganz beiläufig wie in einem Sozialdrama dahingemurmelt wirken die ersten Sätze im Film, wenn die 17-jährige Jessie (Carla Hüttermann) beim gemeinsamen Mathelernen ihrem Freund Lux (Tristán López) die Vorzeichenregeln von Plus und Minus erklärt, während die nervige kleine Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling) die Szene immer wieder unterbricht. Es sind Ferien, die Koffer müssen gepackt werden, denn am nächsten Morgen wollen die Schwestern mit ihrer Mutter Ella (Birgit Minichmayr) in den Urlaub fliegen.

Damit es wieder Plus ergibt

Erst im Nachhinein scheint im fragmentierten dialogischen Anfangsrauschen des Films ein akkurates Wissen gespeichert zu sein über das, was kommt, was war und was von der üblichen Erzählrichtung abweichen muss, um wieder Plus zu ergeben. Geredet wird fast nur in wiederkehrenden, reduzierten Formeln wie „Komm“, „Hallo“, „Was macht ihr“ oder „Guck mal“, Sprech-Pixeln, die Welten bedeuten können. So wie man in „Minecraft“, dem Lieblings-Computerspiel der Schwestern, Landschaften aus unzähligen Würfeln erschafft.

Ein Jahr später steht Ella vor Jessies Grab. Sie trauert, sagt das Bild. Doch als sie sich umdreht, sieht und hört man, dass sie mit einem Arbeitskollegen ein pragmatisches Telefonat über Fehlbuchungen und Fehlzeiten führt. Menschen sind im selben Moment anwesend und abwesend, auf dem Friedhof und bei Wollner gilt das für die Lebenden wie für die Toten. Die in Deckung bleibende Kamera von Gregory Oke lässt Jessies Grab und Ella hinter dem gleichen Grün verschwinden.

Schon in ihrem Debüt „Das unmögliche Bild“ (2016) suggerierte die Österreicherin im dokumentarischen Stil Alltagsrealismus, nur um diesen durch Ellipsen zu untergraben und ein verblüffendes Oszillieren innerhalb langer Kamera-Bewegungen. Immer wieder erzeugt Wollner eine Verunsicherung darüber, ob die Kamera gerade den Blick einer Figur wiedergibt, den einer übergeordneten Erzählinstanz oder gar den einer unheimlichen Entität.

Auf dem Hochhausdach

So geschieht es auch in der blendend präzise inszenierten Schlüsselszene von „Everytime“. Jessies Tod kommt jäh, obwohl mit ihm längst zu rechnen ist. In einer mehr als sechsminütigen Einstellung zoomt die Kamera zunächst langsam über die morgendlichen Dächer Berlins, dann – aus einem Kilometer Entfernung, wie Wollner im Presseheft erklärt - auf die zunächst kaum zu erkennenden winzigen Gestalten Jessie und Lux. Nach einer durchtanzten Nacht liegen sie zugedröhnt auf einem Hochhausdach. Ihr kichernder Dialog ist trotz der großen Distanz nah zu hören.

Es beginnt ein schwindelerregendes (Ab-)Gleiten: Jessie fotografiert, was sie zu sehen glaubt. Wie bei Rotkäppchen der Wolf habe ihr Freund plötzlich riesige Ohren und ein Gesicht wie ihre Großmutter, lacht sie. Ihre Bilder, es werden die letzten ihres Lebens sein, sieht man jedoch erst später. Die Kamera, die beide beobachtet, schweift ab, über die noch schlafenden Häuser, hin zur aufgehenden Sonne. Weiter ist dabei aus dem Off Jessie zu hören, wie sie zwischen Pausen sagt: „Schau mal, die Sonne. Wow.“ Als man gerade nicht hinschaut, sondern vermeintlich mit ihr die Stadtlandschaft betrachtet, gerät Jessie über die Dachkante. Ihr Fallen geschieht schnell, lautlos und nur am Rande, wie in jenem berühmten Renaissance-Gemälde „Landschaft mit dem Sturz des Ikarus“, das Pieter Bruegel dem Älteren zugeordnet wird: Es zeigt den jungen Himmelsstürmer als winzige Figur am Bildrand, halb schon im Meer versunken. Auch er war der Sonne zu nahe gekommen.

Nach dem Unglück schneidet Wollner auf das letzte Handybild und dann in eine sommerliche „Minecraft“-Hügellandschaft. Hier sind Wolken, Berge, Bäume und die Sonne würfelförmig, auch der steile Abgrund am Ende. Wer spielt hier gerade, und zu welcher Zeit? Bei „Minecraft“ gibt es einen Cheat, also ein Kommando, mit dem sich die Zeit anhalten lässt. „Everytime“ wird sich an diese Möglichkeit erinnern.

In seinem medial hochgerüsteten Umkreisen von Verlust und Trauer ähnelt Wollners Werk dem Erinnerungskino Atom Egoyans: Beide interessieren sich dafür, wie Video, Foto oder Sprachaufnahmen den Trauerzustand überhaupt erst strukturieren. Doch das Gespenstische, das daraus erwachsen kann, wirkt bei Wollner völlig unpathetisch und selbstverständlich. Mit großer Unverfrorenheit zieht sie das Irritierende auf allen ästhetischen Ebenen durch. Wie die Synthesizer-Arpeggien aus dem Videospiel, die sich zunehmend in die reale – wirklich die reale? – Welt fräsen; oder wie die wiederkehrenden Orange- und Grüntöne, etwa in Streulichteffekten, „Ghost Flares“ genannt, wie man sie beim Betrachten von Handyvideos auszublenden gewohnt ist.

Als die Patchwork-Familie zu Jessies Gedenken an den Strand ihrer Kindheit reist, der aus den alten Homevideos bekannt ist und der bald ins Licht einer nicht untergehenden, würfelförmigen Sonne getaucht wird wie im Computerspiel, wird eine grüne Plastiktüte zum beiläufigen Echo der alten Kindheitsbilder, zum „Ghost Flare“ oder Geisterbild, das sich im Realen verfangen hat.

Ein Traum auf Droge?

Für Melli scheinen diese Grenzziehungen zwischen den Sphären überwindbar zu sein. Sie schreibt der toten Schwester weiterhin Glückwünsche per Messenger, und die drei Punkte, die anzeigen, dass geantwortet wird, bewegen sich zu ihrer Überraschung einmal tatsächlich. Oder nicht? Auffällig wie von Kinderhand gemalt sehen die Torten- und Luftballon-Emojis aus, die Melli an Jessie geschickt hat. Ist womöglich der ganze Film nur ein (gemeinsamer) Traum auf Droge? Schließlich kosteten alle von demselben Zeug: Lux, um seine Schuldgefühle zu betäuben, Ella, um besser zu verstehen, welchen letzten Weg ihr Kind gegangen ist, und Melli aus Versehen – sie spuckt die halb angeknabberte Pille, die sie aus Lux’ Tasche gemopst hat, wieder aus.

Auf dem gemeinsamen Trip kehrt Jessie als kleines Mädchen zu ihren Angehörigen zurück, im selben Bild, mit denselben roten Haaren und im selben T-Shirt mit orangener „Teneriffa“-Aufschrift wie in den Homevideos. Mutter und Schwester wundern sich nicht, sondern gehen auf ihren Sonnenliegen sofort zu ruhigen Alltagshandlungen über, während in genialer Umkehrung der Trauererfahrung der Rest der Welt um sie herum in Panik verfallen ist: Zwei Kinder sind verschwunden – Melli und Klein-Jessie. Wer sind hier die Gespenster?

In seiner Beschwörung der Wiederkehr geliebter Menschen erinnert „Everytime“ an „Petite Maman - Als wir Kinder waren“ von Céline Sciamma (2021), und in seiner virtuosen Verschachtelung unheimlicher Blick-Regimes auch an Ayşe Polats Mystery-Thriller „Im toten Winkel“ (2023). Nicht zufällig kommt auch in diesen beiden Filmen der Figur des kleinen Mädchens eine Schlüsselrolle im Erkennen des Wahren zu. Lotte Shirin Keiling füllt in „Everytime“ diese Rolle mit einer Mischung aus altersloser Abgeklärtheit und kindlicher Hingabe aus, mit einer ernsten und freien Präsenz, die mit Sciammas Zwillingen aus „Petite Maman“ mithalten kann.

Bei aller Trauer viel Humor

In der Montage der langen Einstellungen von Hannes Bruun vollziehen sich jene Übergänge, die jenseits eines ausbuchstabierten Plots vom Tod wissen und zugleich von seiner Rücknehmbarkeit fantasieren. In Dämmerungen geschieht das oft, beim Wachliegen, beim Schwimmen. Am Strand von Teneriffa, wo eine Mauer die Badenden vor der tödlichen Brandung schützt, rennen Kinder weit draußen auf den Felsen herum; ein Mädchen aus der Gruppe schießt mit Leuchtmunition auf die Sonne. Die wird daraufhin ein gigantischer „Minecraft“-Würfel und verharrt über dem Horizont. Die Erde bleibt stehen, wenigstens für eine Weile, so, wie sich das fürs Universum gehört, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist.

In „Everytime“ schlummert bei aller Trauer auch viel Humor. Das Leben und die Be-Geisterung dafür suchen sich ihren Weg, Medien und Körper bieten einige oft übersehene Durchlässigkeiten. Und sei es ein Darmwind, der alle, die vorher vereinzelt trauerten, für Momente im Lachen vereint.

Veröffentlicht auf filmdienst.deEverytimeVon: Cosima Lutz (30.7.2026)
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