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Femme Fatale

112 minDokumentarfilm, Kurzfilm
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Ein Gaunertrio will bei den Filmfestspielen in Cannes die Diamanten einer Schauspielerin stehlen. Als der Plan nicht funktioniert, ergreift die Diebin Laura mitsamt dem Schmuck die Flucht. Nachdem sie sich erfolgreich in die Staaten abgesetzt hat und Jahre später als Botschafter-Gattin Frankreich bereist, holt sie ihre kriminelle Vergangenheit wieder ein. (sir)

Es ist ganz dunkel, Low-Key und Schwarz-weiß, mitten in Billy Wilders Klassiker „Double Indemnity“: Barbara Stanwyck als „Frau ohne Gewissen“ (fd 27 364) gesteht, dass sie bis vor einer Minute mit dem Versicherungsvertreter Neff nur gespielt habe. Doch was sich innerhalb der letzten 60 Sekunden verändert haben mag, bleibt vorerst unausgesprochen. Die Kamera entfernt sich und lässt den Wilder-Film im Rahmen eines Fernsehapparates zurück. Davor liegt, vom Zuschauer abgewandt, eine halbnackte Frau. Ein Mann, ein Gangster, platzt ins Zimmer, schaltet das Fernsehgerät aus und erteilt der Frau barsch eine Reihe von Anweisungen für einen Diebes-Coup. Wortlos kleidet sich die Diebin an, ohne dass die Kamera ihr Gesicht offenbart. Nackt, stumm und gesichtslos erscheint die Frau am Anfang von De Palmas jüngstem Werk als eine unbeschriebene Projektionsfläche. Nach und nach erhält sie Kleidung, Stimme und Gesicht und übernimmt ihre Rolle der Femme Fatale: Laure. Auf den Filmfestspielen in Cannes verführt sie eine Schauspielerin und raubt ihren diamantenbesetzten Körperschmuck. Ihre Komplizen lässt sie im Stich und macht sich alleine mit der Beute aus dem Staub. Bald jedoch haben die Verbrecher sie wieder aufgetrieben. Nur knapp entgeht sie dem Tod. Bewusstlos wird sie von einem besorgten Elternpaar gefunden, das sie fälschlicherweise für seine vermisste Tochter hält. Als Laure wieder zu sich kommt, liegt sie im Bett im Hause der vermeintlichen Eltern. Wieder schweigt sie, wieder bleibt ihr Gesicht verborgen. Schließlich findet sie den Ausweis ihrer Doppelgängerin Lily und ein Flugticket nach Amerika. Doch kurz danach taucht Lily auf. Sie glaubt das Haus leer, schreibt verzweifelt einen Abschiedsbrief: ihr Kind ist gestorben, sie wollte in Amerika ein neues Leben beginnen, jetzt aber ist ihr Ticket weg und damit ihre letzte Hoffnung. Während Laure sie heimlich beobachtet, hält Lily sich einen Revolver an die Schläfe. Ein Schuss fällt, und kurz danach fliegt Laure mit Lilys Pass nach Amerika. Erst sieben Jahre später kehrt sie als Ehefrau des neuen US-Botschafters nach Frankreich zurück. Es gibt keine Fotos von ihr, und über ihre Vergangenheit ist nichts bekannt. Um das zu ändern, heftet sich der verhinderte Künstler und berüchtigte Paparazzi Nicolas an ihre Fersen. Als es ihm gelingt, ein Bild von ihr zu schießen, setzt er einen scheinbar unaufhaltsamen Mechanismus aus Intrigen und Obsessionen in Gang, der alle Protagonisten zu verschlingen droht. Nachdem er zuletzt vor allem durch Großproduktionen wie „Mission: Impossible“ (fd 32 034) oder „Mission to Mars“ (fd 34 245) von sich reden machte, hat De Palma, dessen Gesamtwerk zwischen dem Ringen um allgemeine Anerkennung und einem Höchstmaß an künstlerischer Autonomie zu changieren scheint, mit „Femme Fatale“ wieder zu seiner eigenen künstlerischen Mission zurückgefunden. In dem Autorenfilm bündeln sich die vielfältigen Einflüsse, die das Repertoire der eigenwilligeren Filme De Palmas durchdringen: die düstere Atmosphäre des Film Noir, in der Sexualität zur Obsession und Körperwaffe im zwischenmenschlichen Machtkampf wird, und Figuren sich zu Identitätsfragmenten depersonalisieren; der unübersehbare Hitchcock-Bezug in den verschachtelten, sich wieder und wieder wendenden Handlungen des Plots; und schließlich die metafiktionale Auseinandersetzung mit dem Medium Film, voller illusionierender Wahrnehmung, Voyeurismus, Wirklichkeits- und Identitätsspiegelungen. Im Zentrum des Films steht die Frage nach dem menschlichen Schicksal: Wodurch wird es bestimmt; ist es unverrückbar festgelegt, ein substanzloses Resultat intermedialer Verweise; sind Identitäten nur auf das leere Selbst projizierte intertextuelle Vorstellungen? Ausgehend von der modernen Gespaltenheit und Orientierungslosigkeit, von denen die Charaktere des Film Noir geprägt sind, gestaltet De Palma mit hohem stilistischen Aufwand das reflexive Zeichenkabinett der Postmoderne. Subjektive Kamerasichten und Splitscreen-Szenen verdoppeln die artifiziellen Wirklichkeitskonstruktionen der Protagonisten. Nicolas, als Latin Lover mit Antonio Banderas ideal besetzt, erfährt seine Welt nur durch den Sucher einer Fotokamera. Aus Tausenden von Aufnahmen puzzelt er sich auf der Wand seines Appartements den Blick aus seinem Fenster zusammen. Laure gelingt es als Femme Fatale, die auf sie gerichteten Männerfantasien nur dadurch gegeneinander auszuspielen, dass sie sich ihnen immer wieder aufs Neue angleicht. Über weite Strecken ist das ausdruckslose Spiel von Rebecca Romijn-Stamos daher Laures starker sexueller, aber mangelnder persönlicher Ausstrahlung durchaus angemessen. Doch auch in den wenigen Momenten, in denen sie aus ihrer Rolle heraustritt, gelingen es De Palma und ihr kaum, Laure Konturen zu verleihen. Der künstlerische Ehrgeiz, mit dem De Palma die Scheinwelten seiner Hauptfiguren auf die Leinwand bringt, ist jedoch unübersehbar. Fast schon zu deutlich schiebt sich eine avantgardistisch anmutende formale Vielfalt in den Vordergrund. Über ihre irritierenden und erkenntnistheoretischen Absichten hinaus tendiert sie dadurch stellenweise zum bloßen Selbstzweck. Auf ähnliche Weise verdoppelt sich der dargestellte Voyeurismus für den (männlichen) Zuschauer zu einem unmittelbar erfahrbaren; ein zwiespältiger Trick, der die Schaulust des Zuschauers bedient, um sie zugleich kritisch zu hinterfragen. Ein oder andere Mal gerät der Kamerablick dabei auf dem schmalen Grad zwischen Lehrmeisterei und Sensationslust ins Wanken, doch immer wieder gewinnt er die Balance zurück. Brian De Palma schlägt mit „Femme Fatale“ einen weiten Bogen von der eingangs zitierten Moderne über postmoderne Welten hin zu einem post-postmodernen Mystizismus mit einem überraschenden Ende, das in Szene setzt, was der Anfang nur andeutet: Eine einzige Minute, eine einzige Entscheidung kann ein Leben verändern. Das ist versiert, wie es De Palma in einem furiosen Finale gelingt, alle Verwirrungen aufzulösen und gleichzeitig mit seiner Antwort auf die Grundfrage nach dem menschlichen Sein ein neues Mysterium zu eröffnen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deFemme FataleVon: Stefan Volk (25.6.2026)
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