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Filmkritik
Eine Lagerhalle am Hafen wird abgerissen. Das Blechdach, umklammert von den Sortiergreifern eines Baggers, schwebt am Ende davon; über dem Gebäude klafft nun eine Lücke. Der Anfang des Familiendramas „The Love That Remains“ von Hlynur Pálmason ist hochsymbolisch. Eine Familie löst sich auf, doch das Fundament bleibt. In diesem Fall steht das Dach für den Vater, der nicht mehr mit der Familie zusammenlebt. Magnús (Sverrir Guðnason) ist Hochseefischer und von daher ohnehin häufig von seiner Familie getrennt. Im Laufe der Jahre haben er und seine Frau Anna (Saga Garðarsdóttir) sich auseinandergelebt.
Sein Element ist das Wasser, ihres die Erde
Doch das liegt nicht nur an seiner Abwesenheit während der Fangzeit. Ihre Beschäftigungen und Temperamente sind einfach zu verschieden. Sein Element ist das Wasser, ihres die Erde. Als Künstlerin imprägniert Anna ihre Leinwände mit Mustern aus Metall und setzt sie anschließend auf der Wiese den Einflüssen der Natur aus. Annas Arbeit ist physisch, doch sie gestaltet frei. Magnús rackert bei Sonnenschein und Sturm mit seinen Fischerkollegen auf hoher See. Alle Mitglieder der Mannschaft ziehen an einem Strang, achten auf ihre gegenseitige Sicherheit und wollen maximale Erträge erzielen. Er ist Teamarbeiter, sie Individualistin. Er versucht, die Natur zu beherrschen, sie lässt sie walten und erhält dabei immer wieder überraschende Ergebnisse.
Das Wohlergehen der drei Kinder hat für beide jedoch oberste Priorität. Dann raufen sich beide wieder zusammen. Magnús erscheint, wenn er wieder an Land ist, zu Familienmahlzeiten, Opa Pálmi (Ingvar Sigurðsson) ist manchmal auch dabei. Zuweilen machen die getrennten Eltern mit den Kindern sogar einen Familienausflug in die atemberaubende isländische Landschaft. Man merkt, dass Magnús seine Frau gern wiedererobern würde. Doch für sie ist das Kapitel abgeschlossen. Magnús’ wiederholten, in Humor gekleideten Aufforderungen zum Sex widersteht sie. Auch die Avancen eines Kollegen wiegelt sie ab.
Mehr Imponiergehabe als Kunstkompetenz
Überhaupt scheinen Männer in dem Film sehr triebgesteuert – nicht zuletzt die Fischer auf hoher See. In dem sehr maskulinen Umfeld, in dem man sich gegenseitig provoziert, platzt Magnús manchmal der Kragen, da er seit der Trennung von Anna gehässige Bemerkungen ertragen muss. Männer erscheinen in dem Film immer wieder als unreif und egozentrisch, was mitunter durchaus komisch wirkt. Auch ein Galerist, der Annas Bilder in Augenschein nimmt, besticht mehr durch sein Imponiergehabe als durch seine Kompetenz in Sachen Kunst. Er kauft auch nichts.
Pálmasons Film beobachtet die Familie ein Jahr lang im Wechsel der Jahreszeiten. Die unterscheiden sich in Island weniger als in Mitteleuropa, doch die Natur zwischen Meer, Wind, Felsformationen und Pflanzen spielt eine wichtige Rolle. Fische, Pilze, Moos, Gestein in Großaufnahme, aber auch Bilder von Verfall und Tod kennzeichnen kleine Intermezzi, die zwischen die Szenen der Familie geschnitten werden. So ist das Leben: Veränderungen und Konstanten kennzeichnen den Alltag von Magnús, Anna und den Kindern ebenso wie kleine Auseinandersetzungen oder Unfälle.
Willkommene Fluchten in die Fantasie
Im Unterschied zu Pálmasons vielfach ausgezeichnetem Historienfilm „Godland“ geht es hier nie laut oder dramatisch zu. Stattdessen setzt es ein paar willkommene Fluchten in die Fantasie, wenn Figuren überfordert sind oder sich kleine Racheaktionen erträumen. Dann sind die Übergänge zwischen Realität und Imagination fließend und sorgen nicht selten für Comic Relief. Einmal stürzt eine Figur kopfüber eine Treppe hinab, dann wieder fällt ein Flugzeug unverhofft vom Himmel oder jemand treibt mutterseelenallein durch das Meer.
Trotz der Trennung wirkt das Paar noch sehr vertraut, eine andere Art von Liebe ist noch vorhanden. Die kleinen Kabbeleien zwischen den Eltern oder den Kindern gehören zum Familienleben dazu, das im Großen und Ganzen harmonisch ist. Dass es sich auf der Leinwand so überzeugend gestaltet, liegt nicht zuletzt daran, dass die drei Kinder im Film die Kinder des Filmemachers sind. Dennoch offenbaren sich auch im Mikrokosmos der Familie die Mechanismen, die in den Landschaften bereits beschworen wurden.
Die Natur des Menschen ist unberechenbar
Denn die Natur des Menschen und die Natur schlechthin sind trotz aller zivilisierenden Bemühungen unberechenbar, manchmal auch destruktiv. Bei den Zwillingsbrüdern Grímur und Þorgils äußert sich das eher spielerisch. Sie haben eine Stofffigur an einen Marterpfahl gebunden. Im Laufe des Films wird die Figur zum Ritter ausgestattet, und bald benutzen ihn die beiden kleinen Rabauken als Zielscheibe für ihre Übungen im Bogenschießen. Am Ende ist der Ritter von Pfeilen durchbohrt, und ein Geschoss trifft auch ein lebendes Ziel. Dass die Angelegenheit sich klären lässt, spricht für die Gesamtaussage des Films, der nie bitter wird, genau beobachtet und dabei die offensichtlichen und versteckten Emotionen seiner Figuren immer im Blick behält.










