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Flowers of Freedom

96 minDokumentarfilm, BiographieFSK 0
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Szenebild von Flowers of Freedom 1
Szenebild von Flowers of Freedom 2
Szenebild von Flowers of Freedom 3
Vier Jahre lang begleitete die Kölner Filmemacherin Mirjam Leuze eine außergewöhnliche Gruppe von sieben kirgisischen Frauen, die sich in ihrem Engagement für eine regionale Umweltgruppe weder durch staatliche Repressalien noch durch die in ihrem Dorf herrschenden gesellschaftlichen Konventionen einschüchtern ließen. Sieben Jahre nachdem ein mit Zyanid beladener LKW aus der nahen Goldmine in den Fluss stürzte und durch das vergiftete Wasser viele Menschen erkrankten, begannen die Frauen mit diversen Aktionen, für die Opfer einzutreten, die sie bald zu lokalen Berühmtheiten und Vorbildern für die Menschen im Ort werden. Und den unabhängigen Frauen gelingt es tatsächlich, sich politisch Gehör zu verschaffen. (v.f.)
Doch die Kirgisin Erkingül und andere mutige Frauen beginnen, um Schadensersatz für die Opfer des Giftunfalls zu kämpfen. Sie schaffen es tatsächlich, 3,7 Millionen US-Dollar an Entschädigung zu erhalten. Nach dem Sturz des Präsidenten Bakijew im Jahr 2010 bekommt Erkingül bei den ersten demokratischen Wahlen einen Sitz im Parlament. ¿Humorvoll und mit großer Nähe zu den Aktivistinnen zeigt der Film das politische Engagement der Frauen, ihr Ringen um Gerechtigkeit und das Leben und Überleben in einem kirgisischen Dorf.¿(berlinale.de)
  • Veröffentlichung26.03.2015
  • Mirjam Leuze
  • Deutschland (2015)

„Mirjam, willst Du auch mal gucken?“, fragt Erkingül von der Umweltorganisation KAREK (Pupille) und reicht das Fernglas weiter. Es ist das einzige Mal, dass Regisseurin Mirjam Leuze ins Bild setzt, wovon bislang nur die Kolonnen von LKWs zeugten, die sich durch die staubigen Straßen pflügen. Vergrößerungsgläser und Kameralinse werden eins und zeigen, wie mehrere Trucks ihren Geröll einen Abhang hinunterstürzen, während Erkingül zu erzählen beginnt: Von den Firmen, die sich in die Gletscher ihrer Heimat Kirgistan fräsen, um das dort eingeschlossene Gold mittels Sprengladungen und hochgiftigem Zyanid herauszulösen. 1998 gelangte die Chemikalie nach einem Unfall in der Kumtor-Mine ins Trinkwasser der kleinen Ortschaft unterhalb der Berge. Sechs Menschen starben unmittelbar, unzählige später. Es ist einer jener weltweiten Skandale, die zwangsläufig auftreten, wenn die Förderung von Rohstoffen mit großen Belastungen der Umwelt einher geht und der Aufschrei der Bevölkerung durch Korruption zum Schweigen gebracht werden soll. Die KAREK-„Mädchen“ um Erkingül, die 2005 trotz aller Einschüchterungsversuche gegen die Betreiber der Kumtor-Mine demonstrierten und auf Entschädigung klagten, sind anders – schon allein darin, wie sie ihre ruhigen, in so großem Kontrast zum Krach der LKWs stehenden Stimmen erheben. Mit ihren bunten Kopftüchern sind Erkingül, Sakisch, Asel und Tamara die „Blumen der Freiheit“, die immer noch „Mädchen“ genannt werden wollen, obwohl sie eigentlich ziemliche „Spätblüher“ sind. Fest verwurzelt scheinen sie trotzdem nicht, weder im Dorf noch im Eheleben, von dem nicht einmal der Pass der Frauen erzählt. „Ledig“ steht dort, weil eine religiöse Heirat, aus Angst vor Alimenten, die staatliche oft ersetzt, wie beim Mann von Asel, der sie „gemäß der Tradition“ entführt, vergewaltigt und geschwängert, aber nicht offiziell geheiratet hat. Ob sie als „wilde Kirgisen“ dargestellt werden sollen, wird Leuze eingangs noch von zwei Dorfbewohnern gefragt. Der Ethnologin, die in den späten 1990er-Jahren in Kirgistan forschte, geht es aber nicht um „Wilde“, sondern um unzivilisierte Konzerne und um das politische Engagement der Frauen, die sie zwischen Kochen, Nähen und ihren „Männerjobs“ als Fahrerin oder Schafzüchterin einfängt – und wie nebenbei Facetten der Unterdrückung ans Licht bringt. Dass das Porträt erst im Frühjahr 2010 einsetzt, macht den Film selbst zu einer Art „Spätblüher“. Kurz nach dem Umsturz des Bakijew-Regimes bleiben nur noch Videoaufnahmen, eine Animation, in der sich die Haare der Frauen in einen unbändigen Fluss verwandeln, und die skurril anmutende öffentliche Nachstellung der blutigen Proteste, um dem Widerstand ein Gesicht zu geben. In der Post-Revolutions-Ära der ersten parlamentarischen Demokratie Zentralasiens erhalten die Dorffrauen Orden für ihre Rolle beim Umsturz, und Erkingül einen Sitz im Parlament. Raus aus der Opposition, rein in die Realpolitik. Nun sitzt sie im Büro, um die Inspektion der Kumtor-Mine in die Wege zu leiten, während draußen die Anführerin einer anderen Gruppe mit dem Megaphon einen anderen Stillstand anprangert. Zu Filmbild werden Erkingüls Bemühungen jetzt nur noch partiell. Was aber nicht weiter stört, das der Verdienst des Debütfilms nicht in den respektablen Aktionen, sondern in der respektvollen Distanz und dem damit einhergehenden Vertrauen besteht, durch das die interviewten Frauen ihre Solidarität und eine neue Selbstbestimmung offenbaren können, ohne ihren Glauben oder ihre Traditionen zu verraten. Am Ende ist es Asels Idee eines Abschiedsgrußes, der die Schönheit der kirgisischen Bräuche zeigen soll und zugleich wie eine Umkehrung ihrer aus Tradition erlittenen Zwangsheirat wirkt: „die Mädchen“ treten in traditionellen Kostümen nacheinander aus einem Jurte-Zelt, drehen sich um die eigene Achse und reiten stolz auf ihren Pferden davon – Erkingül im weiß strahlenden Hochzeitskleid ganz vorneweg.

Veröffentlicht auf filmdienst.deFlowers of FreedomVon: Kathrin Häger (1.8.2024)
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