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Frost without Snow and Ice

Dokumentarfilm
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Wo Schnee und Eis tauen, schwindet die Illusion von Reinheit. Ohne die Frostschicht offenbart sich die eigentliche Oberfläche der Landschaft. Die Arktis, die Filmemacher Asgeir Helgestad hier findet, ist schwarz. Eine Wüste, verlassen vom Eis und der Fauna, die hier einst lebte.

„Frost ohne Schnee und Eis“ ist ein filmischer Abschied. Bereits der Titel verrät es, obschon seine Doppeldeutigkeit sich erst nach einiger Zeit offenbart. Der Rahmen für die durchaus persönliche Erzählung von Helgestads Dokumentarfilm ist ein Brief. Der Fotograf und Filmemacher schreibt ihn nicht an das Publikum, einen fiktiven Adressaten oder gar sich selbst. Seine Worte richten sich direkt an „Frost“, die Eisbärin, die ihm vor mehr als einer Dekade das erste Mal begegnete. „Frost ohne Schnee und Eis“ erzählt von den Lebensabschnitten, die Helgestad mit der Bärenmutter teilen durfte. Von weiten Reisen durch die zunehmend schrumpfende Polarregion, von Hunger, Gefahr und immer wieder auch von der Liebe, die dazwischen Platz findet. Helgestads Prosa und das dazugehörige Voice-Over sind nicht malerisch, scharf oder gar elegant und halten doch, in ihrer einfachen und kraftvollen Ehrlichkeit mit den Bildern des Films Schritt.

Von den schönsten zu den tragischsten Tagen

Was diese Bilder prägt, ist der wissenschaftlich-pädagogische Ton vieler „National Geographic“- oder BBC-Tierfilm-Format, sondern Asgeir Helgestads eigene Erinnerung. Der Filmemacher erzählt von den Tagen, an denen sich die Wege der Bärin und ihrer Jungen mit seinen kreuzen – viele der frühen Begegnungen gehören zu den schönsten Tagen seines Lebens, viele der späteren zu den tragischsten der Bärin.

Die Gründe sind bekannt: Das Klima ist nicht mehr stabil, die Polarregion erwärmt sich, es bildet sich kein Eis mehr in den Fjorden. Spitzbergen ist nicht mehr von trockener Kälte, sondern zunehmend von wärmerer maritimer Feuchte geprägt. Auch die bekannten Bilder des langsamen Kollapses zeigt der Film: Wasserfälle bilden sich am schmelzenden Eismassiv, riesige Stücke brechen ab, die Eisschollen auf dem Polarmeer schrumpfen zu winzigen Klecksen. Während das Eis und die auf es angewiesene Fauna verschwinden, rückt die Menschheit näher an den Polarkreis heran. Konkret stellt der Film den Klimakollaps entlang der Lebensstationen der Bärin dar. Ihre neugierigen Nachkommen suchen in den Siedlungen nach Futterresten und bezahlen das nicht selten mit ihrem Leben.

Ferne Erinnerungen

Die Jungen der ersten Würfe der Bärin sind zu dieser Zeit – „Frost ohne Schnee und Eis“ ist bereits Asgeir Helgestads dritter Film über die Bärin – längst gestorben, die meisten von ihnen durch Menschenhand. Von vielen der schönen Erinnerungen aus Helgestads Brief ist in der Gegenwart nichts mehr aufzufinden. Bilder von Polarlichtern von früheren Abenteuern, unberührten Vogelkolonien und immer des Eises selbst, das sich scheinbar endlos weit bis an den nördlichsten Punkt der Erde erstreckt, sind in wenigen Dekaden zu fernen Erinnerungen des Filmemachers geworden.

Was diese nicht abdecken, erzählt der Film in pädagogischen Exkursen. Die Jagd auf Eisbären ist seit 1973 nicht nur in Spitzbergen verboten. Von den einst mehr als 28.000 Eisbären sind seit dem internationalen Abkommen zu ihrem Schutz nur knapp 250 geblieben. Dem Rest der arktischen Fauna erging es nicht besser: an den Küsten stapeln sich noch immer die Gebeine von Walen und Walrössern zu gewaltigen Friedhöfen auf. Das Habitat der letzten Eisbären von Spitzbergen ist derweil unwiederbringlich abgetaut. Nur wenige der überlebenden Bären haben die Möglichkeit, die Nähe des Menschen zu meiden.

Die Menschheit wird immer sichtbarer

Je stärker der Film sich dieser Gegenwart annähert, desto mehr Menschheit wird in der Welt des Polarkreises sichtbar. Bilder, in denen die Eisbären dem Menschen begegnen, erinnern an Aufnahmen aus „Mondo“-Filmen, in denen die gewaltigen Tiere hilflos den Helikoptern der Trophäen-Jäger gegenüberstehen. Zugleich findet Helgestad Bilder von arktischen Vögeln, die ihr Überleben sichern, indem sie nahe von Schlittenhunde-Zwingern nisten, die ihren natürlichen Feind, den Polarfuchs, auf Abstand halten. Und schließlich das Gegenbild zur menschlichen Zivilisation, die so fremd erscheint in dieser Welt: Die Fauna als Fremdkörper in der Zivilisation. Tiere, die eine ehemalige sowjetische Kohlekolonie wieder für sich erobert haben, obwohl sie, wie der Filmemacher selbst, hier nicht wirklich als Einheimische durchgehen.

„Frost ohne Schnee und Eis“ dokumentiert nicht larmoyant den Wandel in Richtung des Kollapses, sondern sucht inmitten der unweigerlichen Veränderungen nach der Eisbärmutter Frost, die wieder und wieder entgegen aller Wahrscheinlichkeit einen Weg findet, zu überleben, wenn sie erschöpft und dampfend über das letzte Eis trottet. Aber auch einen Weg findet, zu leben, wenn sie sich in den Schnee gleiten lässt und ihren erst vor wenigen Wochen geborenen Jungen das Signal gibt, sich auf sie zu stürzen.

Ein Verlust von Individuen

Helgestads Film erzählt den Verlust der Arten als den Verlust von Individuen. Die Fauna ist keine abstrakte Gesamtheit, sie ist ein Konglomerat von verschiedenen Völkern, von hunderten, tausenden, abertausenden Individuen. Wer die Fauna so zu sehen vermag, versteht die Tragik des Verlusts, fühlt aber vielleicht auch Helgestads Form von Dankbarkeit. Denn noch gibt es sie.

Veröffentlicht auf filmdienst.deFrost without Snow and IceVon: Karsten Munt (17.8.2026)
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