Vorstellungen
Filmkritik
Die Euphorie ist gewaltig. Wie hypnotisiert hängen die Zuschauer an den Lippen des Mannes im Scheinwerferlicht. „Spürt ihr die Schwingungen?“, ruft Matthieu Vasseur, für seine Anhänger einfach nur Coach Matt, in den Raum, und wie aus einem Mund erschallt die zustimmende Antwort. Der Life-Coach hat seine Fans jederzeit im Griff, und was ihm nicht sein Instinkt über die Einzelnen verrät, flüstern ihm Mitglieder seines Teams per In-Ear-Kopfhörer ein – schließlich haben die Besucher vor der Show detaillierte Fragebögen ausgefüllt. Unweigerlich findet Matt ein zunächst unsicher herumdrucksendes Objekt, an dem er seine Motivationsmethoden so eindrucksvoll demonstrieren kann, dass danach ein Mensch mit neuem Selbstbewusstsein vor ihm steht und ihm ringsum Wellen der Bewunderung entgegenschlagen. Matts Mantra ist so simpel wie einprägsam: „Was du willst, kannst du sein!“ Es brauche nur den Bruch mit hemmenden Aspekten in Leben, etwa einem schlechten Job. Von da an, so sein Versprechen, soll es nur noch aufwärtsgehen.
Stil und Sprüche sind vertraut
Der französische Regisseur Yann Gozlan stellt in „Guru“ einen charismatischen Selbstdarsteller vor, dessen Stil und Sprüche vertraut vorkommen. Angetrieben durch die Verbreitungsmöglichkeiten der sozialen Medien, boomen Ratgeber, die ein besseres Leben durch ihre speziellen Methoden versprechen, wie nie zuvor; an realen Vorbildern für Coach Matt herrscht kein Mangel. Dabei erinnert sein Auftritt jenseits von den Online-, Buch- und Live-Influencern jeglicher Spielart durchaus auch an andere Zeitgenossen, die sich als sendungsbewusste Anheizer großer Massen gefallen, egal ob man nun an Oprah Winfrey, Stefan Raab, Greta Thunberg oder an Politiker bis hin zu Donald Trump denkt. Und schließlich hat auch das Kino schon oft die Faszination für Menschen mit der Gabe zum mitreißenden Auftritt bezeugt, sodass von „Das Gesicht in der Menge“ über „Network“ bis zu Tom Cruises Macho-Motivator in „Magnolia“ auch zahllose filmische Vorgänger zusammenkommen.
Doch während sich unter diesen Vorbildern so manche finden, bei denen hinter den ekstatischen Auftritten nicht ausschließlich noble Motive, sondern vielmehr Gefallen am Rausch der Macht und finanzielles Kalkül stecken, ist Coach Matt von einem anderen Schlag. Zwar durchaus auch geschäftstüchtiger Leiter eines expandierenden Unternehmens, glaubt Matt doch aufrichtig an den positiven Effekt seiner Motivationsarbeit. Umso mehr, als er den Wert von optimistischem Ansporn am eigenen Leib erfahren hat und nach wie vor die Worte seines Idols aufsaugt: Der Amerikaner Peter Conrad (Holt McCallany) hat mit vollmundigen Sprüchen bereits seit Jahrzehnten Erfolg, populistische Ausfälle gegen Politiker und „Intellektuelle“ gehören zum Konzept.
Matt dagegen ist zuerst kein Gegner des politischen Systems, eine Einladung vor den französischen Senat, der über den Umgang mit Life-Coaches beschließen will, empfindet er gar als Ehre. Doch seine Erklärung, man könne schließlich nicht von jedem Coach ein staatliches Diplom verlangen, kontern die Politiker unbeeindruckt mit: „Warum nicht?“ Ein Schock für Matt, denn ein entsprechendes Gesetz wäre das berufliche Aus für ihn und seinesgleichen.
Eine ausgesprochene Kreatur der Dunkelheit
Die Sequenz im Senat ist in warmes Licht getaucht und steht als visuell hellster Moment von „Guru“ im Kontrast zur winterlichen Trübheit der Außenszenen, den vielen Nachtsequenzen und dem Neon-Zwielicht bei den Auftritten von Matt. Gozlans Protagonist ist eine ausgesprochene Kreatur der Dunkelheit, was visuell eher überbetont wird. Zu der Studie eines Charakters, der sich mehr und mehr in dem Netz verfängt, an dem er selbst mitgesponnen hat, passt die düstere Farbpalette wiederum recht gut, zumal der Film mit Pierre Niney einen glaubhaft charismatischen Hauptdarsteller hat, der das Getriebene an Matt ebenso verdeutlicht wie den knallharten Geschäftsmann. Allerdings schwenkt Regisseur Gozlan nach dem Auftakt bald auf ein erprobtes Genre um und lässt „Guru“ zum Psychothriller mit Paranoia-Note werden.
Dabei gerät die Kritik am Life-Coaching in den Hintergrund, schwerer für die Wirkung des Films wiegt jedoch, dass Gozlan und sein Co-Autor Jean-Baptiste Delafon die Spannung dadurch antreiben, dass ihre Hauptfigur sich über den politischen Gegenwind hinaus ohne große Not noch zwei Feinde kreiert. Zum einen ist dies Matts älterer Bruder Christophe (Christophe Montenez), den der Jüngere öffentlich als Peiniger seiner Kindheit brandmarkt – eine Lüge, wie die Filmzuschauer wissen, und eine wenig glaubhafte Eskalation der zuvor zu erlebenden brüderlichen Konkurrenz. Zum anderen erweist sich der junge Einzelgänger Julien (Anthony Bajon), dessen Geschichte zuerst einer von Matts Triumphen ist, als sein größter Fehlschlag. Statt sein neues Leben zu genießen, drängt sich Julien seinem Wohltäter auf und veröffentlicht nach der Senatsanhörung ein Video mit wirren Tiraden gegen „das System“. Als Matt den lästigen Fan zurückweist, richtet dieser postwendend seinen Zorn auf das Idol – mit tödlichen Folgen.
Der Lehrer lernt das Grauen vor seinen gelehrigsten Schülern
In der Entwicklung einer Psychose bei dem zu Beginn so selbstsicheren Coach hat „Guru“ auch weiterhin effektvolle Momente, und wenn der Lehrer das Grauen vor seinen gelehrigsten Schülern lernt, setzt der Film hintersinnige, böse Pointen. Die Handlung verrennt sich aber auch immer wieder in erzählerischen Sackgassen, während die Chance, etwas zu verwerflichen Phänomenen der Gegenwart zu sagen, ziemlich verpufft. Am Ende erliegt „Guru“ doch sehr der eigenen Faszination für seine schillernde Hauptfigur.






