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Filmkritik
Helen (Claire Foy) ist eine Forschungsstipendiatin am Jesus College Cambridge und der Universität eng verbunden. Sie doziert und schreibt an ihrer Doktorarbeit; auf ihrem Schreibtisch liegt die Offerte eines renommierten Forschungsinstituts in Deutschland. Die Studierenden und ihre Kollegen mögen Helen; sie hat eine langjährige Freundin und einen Lover, den sie noch nicht lange kennt. Obwohl Helen ihre Familie nicht oft sieht, ist sie dieser verbunden. Ihr Bruder hat eine eigene Familie, ihre Eltern leben im Haus in Camberley, in dem sie aufgewachsen ist. Mit ihrem Vater (Brendan Gleeson), der auch im Alter von 67 Jahren noch täglich auf Fotopirsch geht, steht sie in engem Kontakt. Er ist ein leidenschaftlicher Fotograf und begeisternder Geschichtenerzähler. Für Helen ist er zudem ein zuverlässiger Gesprächspartner, der sie seit ihrer Kindheit auf seine Ausflüge und Expeditionen mitgenommen hat, auf denen sie die prächtigen Landschaften im Südosten von England erkundeten und Vögel beobachteten.
Alles fühlt sich leer und falsch an
Doch dann ruft die Mutter aus dem Krankenhaus an; der Vater war auf der Straße tot zusammengebrochen. Das zieht Helen den Boden unter den Füßen weg. Sie weiß, dass ihr Vater es nicht schätzen würde, wenn sie in Trauer versinken würde. Deshalb kümmert sie sich mit Mutter und Bruder um die Beerdigung, trifft sich mit Freunden, geht zu Meetings und bestreitet ihren Unterricht. Doch das alles fühlt sich leer und falsch an. In der Hoffnung, sich ihrem Vater weiter nahe zu fühlen, legt sie sich ein paar Wochen nach der Beerdigung einen Habicht zu, den sie Mabel nennt, und beginnt, ihn zu trainieren.
„H wie Habicht“ beruht auf dem autobiografischen Roman, den Helen Macdonald in Erinnerung an ihren 2007 verstorbenen Vater, den Fotojournalisten Alistair Macdonald, geschrieben hat. Die Filmemacherin Philippa Lowthorpe hebt diese Erzählung einfühlsam und bildmächtig auf die Leinwand. Buch wie Film tauchen tief in die Kunst der Falknerei ein und ins wunde Seelenleben der Protagonistin. Helen verliert sich immer tiefer in ihrer Trauer und lässt sich gehen. In der Beschäftigung mit Mabel isoliert sie sich gesellschaftlich, macht aber gleichzeitig eine ihre Persönlichkeit stärkende und letztlich befreiende Transformation durch. Erzählt wird dies in intensiven, mit Rücksicht auf den Habicht als Akteur oft langsam entwickelten Szenen, die dem Publikum einiges an Gelassenheit und Geduld abverlangen.
Der aus einer Bauernfamilie stammenden Regisseurin lag viel daran, die Annäherung und Auseinandersetzung von Mensch und Raubvogel möglichst authentisch darzustellen. Sie verzichtete deshalb auf KI und Computertechnik. Stattdessen setzte sie auf die Arbeit mit zwei echten Habichten sowie das schauspielerische Können der menschlichen Darsteller:innen. Allen voran auf das von Claire Foy, die als Vorbereitung auf die Rolle ein intensives Training im Umgang mit Habichten absolvierte. Die Flug- und Jagdszenen mit den Raubvögeln wirken in hohem Grad authentisch und gehören zu den Höhepunkten des Films.
Die Kunst der Falknerei
„H wie Habicht“ zieht mit seiner Mischung aus innigen Vater-Tochter-Rückblenden, atemberaubenden Naturbeobachtungen sowie den die Depressionen der Protagonistin spiegelnden Innenraum-Szenen unmittelbar in Bann. Eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Film wirft allerdings Fragen auf.
Das liegt unter anderem auch daran, dass die ursprüngliche 128-minütige Festivalfassung des Films, in der Helens persönlicher Entwicklung und ihrer oft in der Natur spielenden Auseinandersetzung mit den Falken gleich viel Gewicht zugestanden wurde, fürs Kino auf die Länge von 115 Minuten gekürzt wurde. Das geschah aber nicht gleichmäßig, sondern vor allem auf Kosten der Szenen, in denen Helens sozialer Rückzug, ihre allmähliche Verwahrlosung und ihr Abgleiten in die Depression geschildert wurde.
Die Eingriffe lassen in Helens Biografie jetzt Leerstellen entstehen und verschieben den Fokus auf die Naturbeobachtung und die Falknerei. Auf dieser Ebene aber lässt sich „H wie Habicht“, dessen zu Beginn des 21. Jahrhunderts spielende Geschichte das damalige Verständnis des korrekten Umgangs von Menschen mit Tieren spiegelt, aus heutiger Sicht einiges vorwerfen. So würde man einen Raubvogel inzwischen in einer artgerechten Voliere unterbringen und nicht tagelang mit einer die Sicht raubenden Haube auf dem Kopf auf einem Hochsitz im Wohnzimmer halten.
Eine genuine Majestät
„H wie Habicht“ ist in seiner Originalfassung ein einzigartiger, sehr sehenswerter Film. In der gekürzten Fassung lässt sich das nur mit Einschränkungen behaupten. Claire Foy und Brendan Gleeson brillieren in beiden Fassungen als charmantes Vater-Tochter-Paar. Und die beiden in der Rolle von Mabel agierenden Habichte überzeugen durch ihre eleganten Flüge und eine genuine Majestät, die am stärksten in der Luft erstrahlt.










