Heimsuchung - Eine Jahrhundertgeschichte










- Veröffentlichung15.10.2026
- RegieVolker Schlöndorff
- ProduktionDeutschland (2026)
- GretaUntertitel, Audiodeskription
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Filmkritik
Laut tönen die Streicher, und der Nebel dräut über dem Wasser. Eine Gruppe von Menschen steht am Gestade des Scharmützelsees. Sie alle suchen im Verlauf des langen 20. Jahrhunderts, von der Weimarer Republik bis zur friedlichen Revolution des Jahres 1989, ein ruhiges, abgeschiedenes Leben. Doch es kommt anders: „Das Weltgeschehen hat an den Ufern des märkischen Sees angelegt“, beschwört eine Stimme zu Beginn der Adaption von Jenny Erpenbecks gleichnamigem Roman durch Volker Schlöndorff dessen Erzählwelt.
Das über die Jahrzehnte weit verzweigte Figurenrepertoire, das sich die Leser noch von einem rhapsodisch gefertigten Kapitel zum nächsten erschließen mussten, stellt Schlöndorff gleich in der ersten Szene fein säuberlich nebeneinander. Und auch lässt der Regisseur im Verlauf der folgenden zwei Stunden keinen Zweifel daran, dass er übereifrig nicht nur ein literarisches Werk, sondern zugleich auch dessen Lektürehilfe als Beigabe mitverfilmt hat.
Ein idyllisches Grundstück wird zweigeteilt
Die Geschichte beginnt mit einem von Detlev Buck gewohnt bärbeißig gespielten Schulzen, der seine jüngste Tochter enterbt, als sie unehelich schwanger wird. Ein idyllisches Grundstück am märkischen See, das ihr eigentlich ein Auskommen bescheren sollte, wird zweigeteilt und verkauft. Ein schwungvoller, von sich selbst sichtlich eingenommener Architekt (Lars Eidinger) übernimmt gemeinsam mit seiner Frau (Susanne Wolff) die eine Hälfte des Landes am Ufer. Nach den Vorgaben der Neuen Sachlichkeit lässt er darauf ein aus Holz gefertigtes Haus bauen. Dieses Bauwerk könne gar nicht schlicht genug sein, sagt er. Eine dritte Haut solle es für ihre Bewohner werden, nach jener, die aus Fleisch ist, und der, die aus Kleidern besteht.
Auf der anderen Seite zieht ein jüdischer Tuchfabrikant (Ulrich Matthes) mit seiner Familie ein. Für sie wird das Häuschen am See im Verlauf der sich verdüsternden 1930er-Jahre gleichwohl zu einem volatilen Heim am Wasser – einem nicht lange währenden Rückzugsort im Freien, als Juden durch NS-Bestimmungen zunächst nur der Zugang zu Parks und Schwimmbädern untersagt und dies unter Strafe gestellt wird. Die notwendige Flucht der Familie und die erzwungene Überschreibung des Grundstücks machen im Folgenden den Architekten zum opportunistischen, anpassungsfähigen Gewinnler. Als Mitglied der Reichskulturkammer möchte er zunächst an Albert Speers gigantomanischen Bauplänen mitträumen und wird später, in den frühen Jahren der DDR, schließlich die Berliner Stalinallee bebauen dürfen.
Mit kunstvoller Distanz
Solche Kontinuitäten, die in Erpenbecks stark verdichtetem Roman mit durchaus polemischer Schärfe bis in die heutige Gegenwart reichen, buchstabiert der Film fein säuberlich aus und spart sich geschmackvoll alles Allzu-Dramatische. Eine Vergewaltigungssequenz durch einen Rotarmisten, die bei Erscheinen des Romans im Jahr 2008 erheblich polarisierte und diskutiert wurde, inszeniert Schlöndorff mit kunstvoller Distanz. Doch wie viel Zurückhaltung und kultivierte Achtsamkeit tun der Adaption eines Buches gut, das den kräftigen, deutlichen Effekt nicht scheute?
„Heimsuchung“ wird dabei schnell zu einem Film, der den eigenen Mitteln nicht vertraut und den Zuschauern bevormundend unterstellt, sich nicht eigenständig eine von Auslassungen und Allusionen dominierte Geschichte erschließen zu können. Zur symbolhaft nicht alternden Beobachterfigur eines stillen Gärtners (Wigand Witting) gesellt Schlöndorff deshalb noch eine Erzählerin (Maria Matschke) hinzu, die artig jeden zeitlichen Sprung der Story überbrückt und erklärt. Anstatt die Sprache des Romans in Bilder zu übersetzen, die ihrer eigenen, filmimmanenten Logik folgen können, erschafft sich der Film so nur noch mehr Worte.
Der Scharmützelsee wird immer wieder in ein pastellfarbenes Licht getaucht: eine bernsteinfarbene Tönung, in der letztlich nicht nur die gewaltsame Geschichte des 20. Jahrhunderts konserviert wird, sondern auch der in die Jahre gekommene deutsche Autorenfilm, der in Volker Schlöndorff einst einen seiner handwerklich vitalsten Vertreter hatte.

