Vorstellungen
Filmkritik
Es ist immer wieder verstörend, ein Kind in Tarnfarben gekleidet und mit einem Maschinengewehr in der Hand zu sehen. Hier ist es nur ein Spiel. Maxym ahmt die Schüsse mit ploppenden Lauten nach, während er durchs Gras streift und darin mit seinem Freund Schutz sucht. Die beiden Jungen kennen sich aus. Sie sprechen über Panzertypen, Truppentransporter und Raketenabwehrsysteme. Dann ertönen plötzlich die Sirenen. Nicht nur im Spiel herrscht Krieg, sondern auch in der Realität in der unmittelbaren Umgebung.
Ein intensives Stimmungsbild über das Leben im Krieg
Der in der Ukraine gedrehte Dokumentarfilm „In Case We Never Meet Again“ von Noaz Deshe, Beau Willimon und Petr Verzilov ist aber nicht nur eine Geschichte über Kinder, sondern vielmehr ein intensives Stimmungsbild über das Leben im Krieg ganz allgemein. Eine seiner größten Stärken liegt in der brutalen Beiläufigkeit, mit der Gewalt hier bisweilen zum Ausdruck gebracht wird. „Da drüben ist Blut“, sagt ein Junge einmal, als er mit einer Freundin an einem Park vorbeiläuft. Es wird nicht zu sehen sein. Aber hier zählt eben nicht das, was zu sehen ist, sondern was im Kopf ergänzt wird. Wie ruhig der Junge etwa davon spricht. Und wie alltäglich so etwas bereits geworden zu sein scheint. Ebenso nüchtern reden die Kinder ein andermal über den Selbstmord der Mutter des Nachbarkindes. Und doch werden auch sie später, wenn sie wieder in der Stadt den Krieg der Erwachsenen nachspielen und sich diesen so begreifbar machen, selbst Gewalt ausüben, einen anderen Jungen hart mit Klebeband an den Handgelenken fesseln und in eine Kiste sperren. Obwohl die Kamera stets nah dran ist an den Kindern, wirkt sie für diese unsichtbar.
Diese gefühlte Unsichtbarkeit der Kamera prägt den Film insgesamt. Fast spielfilmartig, fast inszeniert wirkt die Kameraführung, wenn sie den Protagonisten folgt. Den Kindern beim Spielen, den Soldaten, die durch Wälder streifen, Tania, ihrem Mann Roman und den beiden gemeinsamen Kindern in ihren Wohnungen. Die Bilder stellen eine unglaubliche Nähe her zu den Menschen, bleiben nicht auf Distanz, sondern gehen auf Tuchfühlung, ganz nah heran an die Protagonist:innen, an ihre Gesichter, ihre Füße, ihre Körper. Trotzdem gibt es keine verstohlenen Blicke in Richtung Kamera; die Protagonisten agieren mit einer Natürlichkeit, die überraschend ist – und in einer Szene auch regelrecht unangenehm wird.
Über Sehnsucht, Eifersucht und Verlangen
In den Fokus rücken nach und nach Tania und Roman. Tania ist nach Kanada geflohen, um ihre beiden Kinder zu schützen, Roman kämpft an der Front. Immer wieder wechselt der Film zwischen den beiden Schauplätzen, kontrastiert die friedliche Weite Kanadas mit engen Schützengräben und zerstörten ukrainischen Städten. Über Tania und Roman erzählt er, wie der Krieg und die erzwungene Trennung sich auf eine Liebesbeziehung auswirken, über Sehnsucht und Eifersucht, und über Verlangen. Wenn Tania Roman in der Ukraine besucht, wahrt die Kamera ebenfalls keine Distanz. Sie geht quasi mit dem Paar ins Bett, zeigt intime Küsse, Sex und Lust aus nächster Nähe. Schockierend ist das nicht, aber einen Mehrwert hat das auch nicht. Die Erleichterung und das Glück, sich endlich wieder in den Armen zu halten, hat der Film schon vorher beim Wiedersehen am Bahnhof trotz viel größerer Distanz nicht weniger ehrlich eingefangen.
Beispielhaft führt diese Szene vor, wie der Dokumentarfilm immer wieder den Blick für das Wesentliche aus den Augen verliert und sich von Stimmungsmomenten treiben lässt. Auf die Spitze getrieben wird dies, wenn in den Film Elemente einer Theaterinszenierung einfließen, in der die Protagonisten plötzlich auf einer Bühne zu sehen sind. In künstlerischen Posen wird in dieser noch einmal gezeigt, was vorher schon in der Wirklichkeit zu sehen war. Weil diese Inszenierung aber narrativ nicht in den Film eingebettet wurde, wirkt sie eher irritierend und durch die Dopplung des Erzählten eben auch redundant, trotz aller schönen Bilder.
Das Unbehagen und die Bedrohung
So wird „In Case We Never Meet Again“ zu einer widersprüchlichen Erfahrung, weil ihm der rote Faden immer wieder abhandenkommt. Im Gedächtnis bleibt die Stimmung einzelner Szenen und wie er in diesen das Unbehagen und die Bedrohung spürbar macht. Dazu trägt vor allem das teils aggressive Sounddesign bei, das zwischen Ruhe und explosiven lauten Geräuschen, zwischen dem Rascheln von Blättern und Schlägen, Schüssen oder Detonationen hin- und herwechselt. Der Krieg durchdringt die Normalität in nahezu jeder Szene, in den Straßen, in den Wohnungen. Dadurch wird die Stille wertvoll. Als Roman nachts an der Front einmal noch etwas zu viel herumraschelt, mahnt ihn ein Kamerad an: „Sei leise. Alle träumen.“


