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Monsieur Vincent

111 minDrama, Historie
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Szenebild von Monsieur Vincent 1
  • Maurice Cloche
  • 6/10 (36) Stimmen

Schon seit mehreren Jahren trug sich Maurice Cloche mit der Idee, das Leben des hl. Vinzenz von Paul zu verfilmen. Nach eingehendem Studium des wissenschaftlichen Quellenmaterials, der Gründung einer eigenen Vereinigung für die Vorbereitung des Films, unter Mithilfe zahlreicher kirchlicher und öffentlicher Stellen wurde der Plan 1947 Wirklichkeit. Nunmehr ist der von allen Seiten gerühmte Film- vorerst freilich noch mit deutschen Untertiteln - auch bei uns zu sehen. Vinzenz von Paul lebte in einer Zeit; als Frankreich auf weiten Strecken Wüste und Trümmerfeld in wirtschaftlicher wie religiös-sittlicher Hinsicht war. 1581 in der ärmlichen Südwestecke seines Landes als Bauernsohn geboren, sollte und wollte er Priester werden zu dem damals üblichen Zwecke, mit einer Pfründe seine und seiner Familie Zukunft sicherzustellen. Als er nach zweijährigem Sklavendasein im mohammedanischen Afrika (von manchen Historikern angezweifelt) im Dienste der leichtfertigen geschiedenen Gemahlin Heinrichs IV. die Verteilung ihrer Almosen übernahm, vollzog sich seine innere Umwandlung. Für eine kurze Zeit übernahm er eine Pfarrei vor den Toren von Paris (Clichy), dann wurde er Hausgeistlicher und Erzieher in der Familie des Galeerengenerals de Gondi.

Mit seiner plötzlichen Flucht aus der Bequemlichkeit des gräflichen Hauses in eine größere apostolische Wirksamkeit im angeblich pestverseuchten Städtchen Chatillon les Dombes in der Nähe von Lyon setzt unser Film ein, um Vinzenz` Liebestätigkeit an Armen, Galeerensträflichen, unehelichen Kindern und Aussätzigen mit den bis heute fruchtbaren Gründungen der Barmherzigen Schwestern und der Lazaristen bis zu seinem Tode in außerordentlich farbigen und eindrucksvollen Szenen kurz zu beleuchten.

Herr Vinzenz betritt seine neue Pfarrkirche. Die impressionistische Art, mit der die Kamera - ganz das Auge des Eintretenden - verwundert und erschrocken den verwilderen) Raum abtastet, den gackernden Hühnern über die herabgestürzten staubigen Heiligenfiguren folgt, verrät die feinfühlige französische Künstlerhand, die diesen großen Film unvergeßlich im nüchternsten Sinne des Wortes macht, obschon er auf jede dramatische Entwicklung verzichtet, vielmehr streng chronologisch aus den Bruchstücken eines Lebens im Dienst der Liebe ein historisches Fresko schafft. Und mit welch sparsamen Mitteln! Minutenlang setzt nach dem Vorspann die Musik aus, um die Wirkung allein dem Bild Und dem Geräusch der knarrenden Stiefel zu überlassen. Und nicht zuletzt der Ausdruskunst des Hauptdarstellers! Pierre Fresnay, der übrigens ebensowenig Katholik ist wie der Drehbuchautor Anouilh Christ, hat sich mit erschütternder Echtheit in den gütig blickenden Heiligen mit der vorgewölbten hohen Stirn, den mächtigen Ohrmuscheln, der massigen Nase, dem breiten Mund und dem vom Schusterbart umrahmten Kinn, in die feinfühlige, bewegliche, demütige, achtunggebietende Seele des priesterlichen Vaters der Armen hineingelegt. Überraschend - und das gilt für alle Heiligenbiographien! -, wenn wir dem abgeklärten achtzigjährigen Greis, den wir nach der üblichen Darstellung in unserer Vorstellung haben, plötzlich in der ungebrochenen, vitalen Kraft des 36jährigen Gascogners beim Aufbrechen einer verrammelten Tür und beim Graben auf dem Friedhof begegnen! Der Höhepunkt des Films ist vielleicht die Unterhaltung des schäbig gekleideten bäuerlichen Priesters mit dem Kardinal Richelieu, dem im Prunkgemach- mit seinen Kätzchen spielenden Aristokraten. Unbarmherziges Licht fällt von dieser kontrastreichen) Aussprache auf das alte Frankreich, in dem gewalttätige Herrenmenschen, weichliche Genüßlinge auf Bischofssitzen, unsittliche und ungebildete Pfarrer, die nicht einmal die Wandlungsworte kennen, einen düsteren Hintergrund bilden gegenüber den wirklichen Wohltätern der Welt: den Heiligen Gottes und der Liebe.

Dieser wundersame religiöse Film, in dem nichts gewollt und nichts gekünstelt ist, den man nach den humorvollen Worten eines französischen Bischofs ansehen kann, obschon er katholisch ist, dem wir deshalb einige Anachronismen (wie das Wort "Menschenwürde" - Anouilh sieht eben in Vinzenz doch nicht ganz den Heiligen, sondern den großen Helden der Menschlichkeit) gerne nachsehen - wird er der Produktion Mut machen zu weiteren Zeitfilmen dieser Art? Die Produzenten in aller Welt messen die Vorbildlichkeit ihrer Streifen an den Kasseneinnahmen. Nun, die Höhe dieser Kasseneinnahmen hängt von uns ab. Werden wir die Chance nützen?

Veröffentlicht auf filmdienst.deMonsieur VincentVon: KB. (29.6.2026)
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