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Filmkritik
Die Evolution, die Katharina Thalbach aus dem Off nacherzählt, klingt wie ein Märchen. Mit ihrer angerauten Altstimme fasst Thalbach ganze Erdzeitalter in kleinen, eingängigen Sinnbildern zusammen und lässt über die Wunder der natürlichen Auslese staunen. Während die Pflanzen zunächst „Sex ohne Berührung“ hatten und ihre Sporen und Samen von Wasser und Wind davontragen ließen, verschaffen ihnen die Insekten eine Sinnlichkeit. Sie trugen die Pollen über die Welt, bestäubten andere Pflanzen und legten damit den Grundbaustein für die unglaubliche Vielfalt des Lebens. Über Jahrmillionen haben Insekten und Pflanzen so die bedeutendste Symbiose in der Geschichte des Planeten geschaffen.
Thalbach erzählt dieses Märchen und Regisseur Nepomuk Pfaff sucht die dazugehörigen Bilder. Im Zeitraffer richten sich Stauden im Sonnenschein auf; Farne entrollen sich in der Wärme des Lichts. Die eigentlichen Stars des Films, die Insekten, werden zunächst nur vereinzelt gezeigt. In Scheinwerferstrahl und in Zeitlupe füllen sie die Leinwand, um die Komplexität ihrer Flugkunst zu demonstrieren oder schlicht die Vielfalt und Farbenpracht zu zeigen, die ihre Körper ziert. Aus nächster Nähe wandelt sich der Körperbau der Insekten von einer Selbstverständlichkeit zur ästhetischen Wunderwelt. Die Chitinschuppen, die man als Staub auf den Flügeln des Tagfalters kennt, werden in den Detailaufnahmen zum präzise gebauten, außerweltlich schimmernden Wunder voller abstrakter Schönheit.
Ein vollkommenes Gleichgewicht
In weiteren Makroaufnahmen wird diese Schönheit dann wieder konkret. Aus nächster Nähe beobachtet die Kamera einen Wiesensalbei, wie er einer Biene sanft den Rücken streichelt, während diese nach seinem Nektar tastet. Anderorts wirbt ein Natternkopf in allen Blautönen um Bienen und Falter, die ihn bald verliebt umschwärmen. Ein vollkommenes evolutionäres Gleichgewicht, dessen Gefährdung und Zerstörung in jeder zeitgenössischen Naturdokumentation thematisiert wird. Auch Paff kommt in „Insekten – Helden im Verborgenen“ nicht umhin, die Geschichte der Vernichtung der Insekten zu beschreiben.
Fast emblematisch erscheint es dabei, dass viele Teile des Films, die sich mit dem Aussterben der Insekten beschäftigen, computeranimiert sind. Es gibt schlichtweg nicht mehr genügend Insekten, um sie ohne Weiteres vor die Kamera zu bringen. Die Bilder, die das Artensterben beschreiben, sind nicht brutal. Ihnen fehlt vielmehr die Faszination der Nahaufnahme und das Pathos von Zeitlupe und Zeitraffer. Hinter dem computeranimierten Tal lauern die Wolkenkratzer der Großstadt. Auf der Tonspur spricht Thalbach vom Anthropozän. Die im Kino eher ungewöhnliche Anrede mit „Du“ hat damit ihren Zweck erfüllt. Denn wer das Artensterben auf der Leinwand sieht, kommt um die im Duzen enthaltene Verantwortlichkeit nicht herum.
Ökolandwirte als heimliche Helden
Dennoch geht es „Insekten – Helden im Verborgenen“ primär nicht um eine Anklage, sondern eher um einen Kompromiss. Im Unterschied zu Naturdokus, die von National Geographic, BBC & Co. produziert werden, ist „Insekten – Helden im Verborgenen“ weniger entlang der Forschung und Beobachtung vom Leben und Aussterben der Flora und Fauna konzipiert, sondern vielmehr entlang eines Appells, der in eine Handlungsaufforderung mündet. Der Film sucht die Hoffnung und findet auch dort Kompromisse, wo die Insekten am systematischsten und brutalsten vernichtet werden. Eine Handvoll Landwirte sind die heimlichen Helden des Films. Menschen, die verstehen, dass sie in die Natur eingreifen, und aus diesem Verständnis heraus Wege suchen, dieser Natur etwas „zurückzugeben“. Mit Gründünger wird der Boden am Leben gehalten, mit der Fruchtfolge wird er geschont. Langsam wird gemäht, damit die Fauna neuen Unterschlupf in den Grünstreifen finden kann. In Mooren, Teichen und Auen findet sich am Rande der Felder der wichtigste Lebensraum.
Im Sinne des Artenschutz-Appells ist der Sprung von der Erdgeschichte in die moderne nachhaltige Landwirtschaft verständlich. Aufklärung, Mahnung, Inspiration, Handlungsaufforderung gehen ineinander über. Ästhetisch ist der Sprung von Weltgeschichte in den Bauernalltag allerdings ein Spagat, bei dem allzu viele Sehnen reißen. Auch wenn ein Landwirt noch so sehr um Nachhaltigkeit bemüht ist, hat er ästhetisch den Jahrmillionen der Evolution nichts entgegenzusetzen. Der Film will darauf aber nicht vertrauen. Die Hummel heißt deshalb Hugo, eine Furchenbiene wird Bianca getauft und das Glühwürmchen zur Gloria vermenschlicht. „Insekten – Helden im Verborgenen“ zieht alle ökologischen Register – für den Artenschutz ein Gewinn, für den Film selbst eher nicht.







