Filmplakat von Jungle Cruise

Jungle Cruise

127 min | Komödie, Abenteuer, Action | FSK 12
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Lily reist von London, England, in den Amazonas-Dschungel und nimmt die fragwürdigen Dienste des Skippers Frank Wolff in Anspruch. Er soll sie auf der La Quila, seinem baufälligen, aber charmanten Boot, flussabwärts bringen. Lily ist entschlossen, dort einen uralten Baum mit beispiellosen Heilkräften zu finden. Über ihn wird gesagt, er könne die Zukunft der Medizin verändern. Bei dieser epischen Suche stößt das ungleiche Duo auf unzählige Gefahren und übernatürliche Kräfte, die in der trügerischen Schönheit des üppigen Regenwaldes lauern. Aber während sie die Geheimnisse des verschollenen Baumes aufdecken, steht für Lily und Frank immer mehr auf dem Spiel, und ihr Schicksal – und das der Menschheit – befindet sich in der Schwebe.

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Filmkritik

Lily Houghton (Emily Blunt) hat die Hosen an. Bereit ist dafür im London von 1916 noch niemand. Es ist also ihr Bruder MacGregor (Jack Whitehall), der ihr Gesuch den alten Männern von der Archäologiegesellschaft vortragen muss. Schweißgebadet stottert er sich durch die Worte, die sie für ihn auf einem schier endlosen Stapel von Karteikarten notiert hat, während die feinen Herren dazu genervt mit ihren Stühlen rücken. Die Wissenschaftlerin will eine Exkursion zum Amazonas starten. Mit Hilfe einer antiken Speerspitze, die sich noch im Besitz der angegrauten Gesellschaft befindet, will sie einen legendären Baum finden, dessen Blüten angeblich über enorme Heilkräfte verfügen. Die Menschheit, die sich selbst gerade an den Fronten des Ersten Weltkriegs zerfleischt, könnte sie gut gebrauchen.

Da die alten Archäologen ebenso wenig an die Kraft der Blüte glauben wie an eine Frau in den eigenen Reihen, hat Lily die Aula zu Beginn des Vortrags längst verlassen, um das Artefakt auf eigene Faust abzuholen. Ein paar geknackte Schlösser und eine Flucht mit diversen Leiterstunts später, kommt das Geschwisterpaar schließlich in der Amazonasregion an.

Die filmische Disney-Fahrgeschäft-Adaption eines Klassikers

Als Reiseführer wird Frank (Dwayne Johnson) angeheuert, ein abgebrannter Touristenführer, dessen nicht weniger abgewracktes Dampfboot kurz davorsteht, gepfändet zu werden. „Jungle Cruise“ basiert auf dem gleichnamigen Disney-World-Fahrgeschäft – eine Sequenz, in der Frank bei ein paar Touristen abkassiert, imitiert dessen Attraktionen –, das wiederum auf John Hustons Klassiker African Queen basiert, dessen Grundszenario und Figurendynamik unter Jaume Collet-Serras Regie neu aufgelegt werden. Emily Blunt und Dwayne Johnson geben ein ähnlich gutes Paar ab wie Katharine Hepburn und Humphrey Bogart, zumindest dort, wo der enge Rahmen von Disneys Blockbuster-Produktionsmaschinerie es zulässt.

Es ist nicht so, dass sich Disney hier von den anderen Studios, die noch existieren, unterscheiden würde, doch die progressive Pose, mit der Disney derzeit alle Realverfilmungen (neu) versiegelt, stößt in „Jungle Cruise“ besonders bitter auf. „Frau hat die Hosen an“ ist als wohl klischierteste Mottenkisten-Feminismus-Pose eher eine Bürde für Emily Blunts Figur, die immer wieder ostentativ dort eingreift, wo ein Drehbuch aus den 1930er-Jahren den starken Arm eines Mannes eingesetzt hätte. Während die Schwester also dem Kessel einen mächtigen Tritt gibt, damit das Boot wieder auf Kurs kommt, macht sich der schwule Bruder Gedanken über sein – natürlich unpassendes – Outfit. Natürlich kann auch er, seiner Zartbesaitung zum Trotz, gewaltig zuschlagen, wenn es drauf ankommt.

Seine sexuelle Orientierung aber hat, abseits des Woke-Kalküls, mit dem der Film offensichtlich gegen potenzielle Kritik versiegelt wird, keinerlei Bedeutung für die Handlung. Das ist umso bitterer, weil „Jungle Cruise“ strukturell eben genau das Gegenteil dessen repräsentiert, was hier behauptet wird. Die Boy-Meets-Girl-Geschichte à la African Queen, die sich hier eigentlich abspielt, entlarvt das antiquierte „starke Frau und schlagkräftiger Homosexueller“-Gebaren schnell als mit Kalkül injizierten Fremdkörper.

Die Künstlichkeit ist ein Problem

Tatsächlich ist die Künstlichkeit, mit der weite Strecken der filmischen Wildwasser-Attraktion ausgepolstert werden, das größte Problem des Films. Die Beziehung zwischen Lily und Frank wirkt insgesamt ähnlich steril wie die gänzlich computeranimierte Fauna des Dschungels. Die gänzliche Abwesenheit von Libido und Leidenschaft lässt selbst den Kuss, der die unverkennbare Zusammengehörigkeit letztlich besiegelt, wie einen vertraglichen Handschlag wirken. In den von politischen Fragen weitgehend unberührten Tiefen des Amazonas bringt Collet-Serra dann die Schauwerte des Films zur Geltung. Der katalanische Action-Veteran inszeniert die ausufernden Setpieces souverän, sei es auf dem Fluss, wo ein U-Boot des deutschen Kaiserreichs, das vom wunderbar autoritär-verstockten Jesse Plemons alias Prinz Joachim navigiert wird, zur Verfolgungsjagd ansetzt, oder im Dschungel, wo die in ihn eingewachsenen Zombiekörper von Lope de Aguirre (Édgar Ramírez) und seiner Konquistadoren-Gefolgschaft nach der Blüte greifen.

Dwayne Johnson beweist sich inmitten des Chaos erneut als der wohl familientauglichste Actionkörper Hollywoods, der sich mit wenig Rücksicht und viel Charisma in die moderat gefährlichen Abenteuer der Jahrmarktattraktion wirft. Emily Blunt tut es ihm gleich, auch wenn es dafür noch immer notwendig ist, dass sie die Hosen anhat.

Erschienen auf filmdienst.deJungle CruiseVon: Karsten Munt (28.2.2024)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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