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Ich habe keine Angst

109 minDrama, Thriller, KrimiFSK 12
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Im Sommer 1978 findet der 10 Jahre alte Michele zusammen mit einigen Freunden auf einem verlassenen Bauernhof in einem Erdloch einen angeketteten verwahrlosten Jungen. Er freundet sich mit ihm an, bringt ihm Essen und Wasser. Als er feststellt, dass seine Eltern in die Entführung des Jungen involviert sind, beschließt er ihn zu befreien. Gleichzeitig ist seine Kindheit vorbei, denn er hat einen Blick in die verlogene Welt der Erwachsenen getan. (sir)
  • Veröffentlichung08.02.2003
  • Gabriele Salvatores
  • 7/10 (954) Stimmen

Kinderspiele: Wer ist der Chef, wer gehorcht, wer traut sich was, und wer bleibt auf der Strecke? Der neunjährige Michele, seine kleinere Schwester und ein paar Freunde streifen im heißen süditalienischen Sommer des Jahres 1978 durch die hoch stehenden Kornfelder und entdecken ein halb verfallenes Haus, das frische Spuren menschlicher Anwesenheit zeigt. Michele ist nicht der Chef der Gruppe, aber als er, nach einem Nachmittag der Mutproben, allein zurück bleibt, ist er es, der etwas Ungeheuerliches entdeckt: ein tiefes Erdloch, in dem ein Mensch unter einer Decke liegt. Noch glaubt er an eine Leiche, doch dann bewegt sich dort unten etwas. Michele wird mit einem völlig verstörten und verdreckten Jungen gleichen Alters konfrontiert, dem er von nun an seine Fürsorge zuteil werden lässt – ohne Wissen der Anderen, geschweige denn der Erwachsenen. Erst als er diese eines Nachts belauscht, erkennt er, dass seine Eltern und deren zwielichtigen Freunde etwas mit dem Schicksal des Jungen zu tun haben.

Die Eltern besitzen nicht viel Geld, scheinen aber ein normales Paar zu sein. Erst als die fremden Männer kommen, geht es streng hierarchisch zu im Haus: Ein gewisser Sergio hat jetzt das Sagen, ein Draufgänger, der seine Mitstreiter Feiglinge nennt. Diesmal ist es kein Spiel, das erkennt Michele, und auch, dass er seinen neuen Freund schützen muss, zunächst auch vor sich selbst. Denn der Kleine ist nicht nur kaum imstande zu sprechen, er glaubt auch, tot zu sein, gefangen in der Unterwelt; Michele hält er für einen Engel. Die ersten Begegnungen der beiden Jungen sind ebenso ergreifend wie rätselhaft. Es sind Momente zwischen Spiel und Ernst, zwischen Micheles Einbildungskraft und der des Jungen. Sie erzeugen einen unwirklichen Schwebezustand, den bereits die ersten traumhaften Bilder des Films vorweg nehmen, als die Kinder durch ein Meer von Getreide zu fliegen scheinen. Regisseur Gabriele Salvatores hat die Geschichte derart streng aus Micheles Sicht erzählt, dass er die Bilder in dessen Augenhöhe von einsdreißig aufnehmen ließ. Mit Hilfe des fremden Jungen verändert sich Micheles Blick, dessen wohlbehütete Kindheit auf dem Land so unerschütterlich schien: Zum ersten Mal sieht er in den Abgrund dessen, was man als triste Wirklichkeit bezeichnen mag. Aber Salvatores wirft seinen kleinen Hauptdarsteller nicht ins kalte Wasser, er schafft fließende Übergänge – eine Methode, die auch seine preisgekrönte Kriegsparabel „Mediterraneo“ (fd 29 728) prägte und sich hier in vielen Details niederschlägt. Selbst Sergio, der grobe Klotz, fantasiert Michele gegenüber zunächst von einer Traumwelt, vom Paradies seiner angeblichen Heimat Brasilien, natürlich ist dies nicht einmal die halbe Wahrheit. Auch diverse Symbole und motivische Wiederholungen variieren das Thema, das Salvatores aus der Romanvorlage destilliert hat, die auf deutsch „Die Herren des Hügels“ heißt und deren Autor Niccolò Ammaniti auch Co-Autor des Drehbuchs ist. Am Ende, als das winzige Dorf, in dem die Kinder und ihre Eltern wohnen, plötzlich menschenleer ist, scheint wieder ein Spiel im Gange zu sein, eines, in dem die Kinder plötzlich das Sagen haben. Das wiederum ist dann gar nicht mehr so weit von der Wirklichkeit entfernt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deIch habe keine AngstVon: Oliver Rahayel (8.6.2026)
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