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Filmkritik
Es brodelt im Sognefjord. Die Fische fliehen in Richtung Ozean, die Krabben ziehen sich aufs Land zurück, Fischereinetze werden ans Ufer gespült. Die ersten, die es bemerken, sind zwei Jetski-Touristen. Bevor sie erkennen, was unter dem Strudel lauert, den sie mit den immer enger gezogenen Kurven an der Oberfläche produzieren, sind sie verschwunden. Ein Riesenkraken ist aus den Tiefen des Fjords erwacht.
Für die Investoren wird die Sicherheit ignoriert
Der Grund dafür findet sich ebenfalls nahe der Oberfläche des Fjords. Die örtliche Aquafarm benutzt ein neuartiges Ultraschall-System, um die hier gezüchteten Lachse von den Parasiten zu befreien, die sie befallen. Die für das lokale Ökosystem angeblich verträgliche Frequenz reicht dem Betreiber, einem Bonzen namens Avaldsnes (Øyvind Brandtzæg), bald nicht mehr aus. Er muss eine Gruppe von japanischen Investoren beeindrucken und fährt das Gerät entsprechend weit über den Sicherheitsbereich hoch. Welche Auswirkungen das neue Verfahren auf den Fjord hat, soll Meeresbiologin Johanne (Sara Khorami) untersuchen. Den Protest gegen die Aquakultur und ihre katastrophalen Folgen organisiert die Tochter des Betreibers (Jenny Evensen) gemeinsam mit den anderen Umweltaktivisten der Gegend.
Der Film von Pål Øie braucht einige Zeit, bis er seine Charaktere, das Setting und den thematischen Unterbau beisammenhat. Zu viel Zeit. Denn weder kommt „Kraken“ seinen Figuren wirklich nahe, noch zieht der Film viel Spannung daraus, dass es die Aquafarm ist, die den bisher unbekannten und dem Genre entsprechend gigantischen Kraken anlockt, der sich im regelmäßig von Menschen frequentierten Sognefjord nicht wohl, sondern bedroht fühlt. Die Fakten sind schnell geschaffen, nur folgt eben weder ein spektakulärer Showdown noch ein komplexes/kompliziertes Sozialgefüge, das dem Auftauchen des Krakens einen interessanten Rahmen geben würde. Die Protagonist:innen haben viel zu bereden, kommen dabei aber nie über ihre beruflich determinierte Funktion hinaus. Ob gnadenloser Geschäftsmann, findige Forscherin, unerfahrene Umweltaktivisten: alle haben einen Grund, sich am und im Fjord aufzuhalten.
Drohnenaufnahmen wie im Reise-Werbefilm
Die Meeresarme, die sich Menschheit und Fauna als Lebensraum teilen sollten, sind ein perfektes Thalassophobie-Setting, das Regisseur Pål Øie kaum als solches in Szene zu setzen weiß. Es gibt keine Bilder der kaum fassbaren Untiefen des Fjords, keine Bilder seiner eigentlich malerischen, im Film aber gefährlichen Nähe zur Zivilisation. Stattdessen: Drohnenaufnahmen wie im Reise-Werbefilm und digital gemalte Schatten, die im Wasser verborgene Gefahr andeuten.
Das Monster selbst aber ist das eigentliche Problem des Films. Seine oft nur teilweise Erscheinung ist effizient inszeniert, elegant in einer ungleichen Mischung aus Computeranimationen und kleinen „Practical Effects“ gestaltet. Sein Wesen aber ist eine Leerstelle. Es scheint emblematisch, dass meist nicht der Kranken selbst, sondern seine Parasiten, eine Art von tellergroßen Riesenasseln Jagd auf die Protagonist:innen machen. Das Monster taugt nicht wie Japans Godzilla als Symptom der Umweltvernichtung, ist kein mythischer Leviathan, kein aus den Irrwegen der Menschheit geborenes tragisches Unwesen, keine groteske, außerweltliche Seifenoper-Persönlichkeit und schon gar nicht eines der psychedelischen Ungetüme der späteren Kaiju-Dekaden.
Der Kraken folgt nur der Frequenz
Bestenfalls ist der Kraken eine vage und nie griffige Anklage des menschlichen Raubbaus an den marinen Ökosystemen – die dazugehörige Zerstörung, das dazugehörige Leid mag er weder verkörpern, noch mit vergeltender Kraft in die Zivilisation zurückbringen. Er folgt nur der Frequenz, die ihn aus den Untiefen in die flachsten Stellen des Fjords gelockt hat.







