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Kramer gegen Kramer

100 minDramaFSK 6
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Der Werbefachmann Ted Kramer sorgt nach der Trennung von seiner Frau allein für den kleinen Sohn Billy. Eigentlich geht ihm seine Karriere über alles, aber nach anfänglichem Chaos wächst Ted in die Rolle hinein und entwickelt eine so innige Beziehung zum Kind, dass er selbst den beruflichen Abstieg dafür in Kauf nimmt. Doch dann kommt seine Frau zurück und will vor Gericht das Sorgerecht für das Kind erhalten.

In den Versuchen Hollywoods, das Rollenverhalten von Mann und Frau zu behandeln, erscheint Robert Bentons Film wie eine Antwort auf jene Filme, die von einer emanzipatorischen Selbstfindung der Frau handelten. Während noch in Scorseses "Alice lebt hier nicht mehr" oder "Eine entheiratete Frau" von Mazursky der Aufbruch der Frau zu einem neuen Bewußtsein zentrales Thema war, ist er bei Benton auslösendes Moment für eine andere Identitätsfindung, nämlich der des zurückbleibenden Mannes. Im Mittelpunkt steht der erfolgreiche Werbefachmann Ted Kramer, der bislang so auf seinen Beruf fixiert war, daß ihm wohl nie der Gedanke kam, seine Frau Joanna könne ihn verlassen. Doch schließlich vermag auch die Liebe zum siebenjährigen Sohn Billy die verstörte Frau nicht länger zu halten. Die Ursache solcher Lebens- und Vertrauenskrise mit mehr als mangelnder Zeit des Mannes zu begründen, tut nun die Geschichte nicht, vielmehr konzentriert sie sich vollends auf die neue Situation, mit der Ted als alleinstehender Vater konfrontiert ist. Sein Verhältnis zu Billy wird zu einem Neuanfang: Die anfänglich gereizte und überspielte Hilflosigkeit gegenüber den Empfindungen seines Sohnes weicht immer mehr einem liebevollen Verständnis, und indem es Ted schließlich gelingt, seine Liebe durch Zärtlichkeiten zu artikulieren und zu begreifen, gelingt es ihm auch, Billy und sich selbst Rechenschaft abzulegen über das Versagen der Ehe. Wie sich diese Beziehung entwickelt und für Ted so wichtig wird, daß er sogar seinen Beruf opfert, vermittelt der Film überaus nuancenreich. Wie eine Art "roter Faden" bedient Benton sich hierbei des Verhaltens von Vater und Sohn während der gemeinsamen Mahlzeiten, um ihre Stärken und Schwächen, Wünsche und Ängste aufzuspüren.

Die eindringliche Bildgestaltung vermittelt aber auch ein unberechtigtes Negativbild von Joanna, die aus Sehnsucht nach dem Sohn plötzlich wieder auftaucht. Durch eine therapeutische Behandlung zu neuem Selbstbewußtsein gelangt (was den Film jedoch nicht interessiert), will sie Billy zu sich nehmen. Einstellungen, die sie in den Hintergrund des Bildausschnitts einordnen, sie oft durch trennendes Glas wiedergeben, deuten bereits auf ihre verlorene Position, die sich endgültig in der ausschließlich auf Emotionen hin inszenierten Gerichtsverhandlung um das Sorgerecht für Billy manifestiert. Billy wird zwar seiner Mutter zugesprochen, doch da Joanna inzwischen das (bessere) Verantwortungsgefühl des Ex-Mannes anerkennen mußte, verzichtet sie auf Billy. Indirekt verweigert der Film damit Joannas Lernprozeß und ihrer neugewonnen Stärke die Anerkennung: Indem sie sich einer Konfliktlösung unterordnet, die als die "menschlichere" erscheint, muß die Zeit der Selbstfindung in ihrem Leben als inhuman gegenüber Werten wie der Familie wirken. Eine Akzentverschiebung im Hollywood-Kino, die zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen anregen sollte.

Veröffentlicht auf filmdienst.deKramer gegen KramerVon: Horst Peter Koll (1.10.2026)
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