Vorstellungen
Filmkritik
Ganze 120 Jahre ist es her, dass die französische Filmpionierin Alice Guy in ihrem Stummfilm „Les résultats du féminisme“ (1906) genüsslich die patriarchal geprägten Geschlechterverhältnisse ihrer Zeit auf den Kopf stellte: In nur sieben Minuten entfaltete sie eine Welt, in der forsche Damen süß-schüchterne Jungmänner stürmisch verführen, die Herrin des Hauses entspannt im Sessel pafft, während Gatte und Sohnemann brav bügeln und nähen, und Frauenrudel in Kneipen klüngeln. Dass ein ähnliches Szenario 2026 immer noch den Stoff für eine Filmkomödie abgeben kann, ist eigentlich zutiefst frustrierend: „Ladies First“ setzt als „Verkehrte Welt“-Fantasie darauf, dass misogyne Rollenmuster und unfaire Gender-Machtverhältnisse auch im 21. Jahrhundert noch präsent genug sind, um deren Umkehrung als erheiternde Revanche beziehungsweise als satirisches Den-Machos-den-Spiegel-Vorhalten wahrzunehmen. Leider bleibt das von Thea Sharrock inszenierte Remake der 2018 entstandenen französischen Komödie „Kein Mann für leichte Stunden“ aber etwas zu harmlos, um wenigstens ein bisschen in Wut darüber zu geraten.
Fiona Shaw lässt den Macho raushängen
„Ladies First“ will lediglich amüsant sein. Und das schafft der Film auch durchaus. Was nicht zuletzt einem bestens aufgelegten Schauspiel-Ensemble geschuldet ist. Das Ansehen lohnt sich schon wegen vortrefflicher Nebendarsteller:innen wie Fiona Shaw, die sich als gutmütig-kokette Rezeptionistin einer schicken Werbeagentur zunächst von Sacha Baron Cohen anflirten lässt, als wäre er 007 und sie Moneypenny, um nach dem Switch der Genderverhältnisse die CEO eben jener Agentur zu geben und Cohen ihrerseits herrlich breitbeinig-schmierig Avancen zu machen. Oder um zu bewundern, wie Kathryn Hunter, erst die Büro-Putzfrau, nach dem Switch als Agentur-Eigentümerin beim abendlichen Absacker mit den um ihre Gunst wetteifernden Untergebenen im „Mad Men“-Stil um die Wette säuft. Und um zu erleben, wie Charles Dance, ursprünglich Senior-CEO und Schwerenöter alter Schule, zum demütigen Assistenten in Wollweste mutiert und von seiner Vorgesetzten liebevoll-herablassend als „mein Kaschmir-Engel!“ gelobt wird.
Wo King’s Cross Queen’s Cross heißt
Festgemacht wird das alles an einem Fantasy-Szenario, in dem die von Cohen gespielte männliche Hauptfigur Damien – im Prolog kompakt als „Arschloch“ und überheblicher Erzmacho charakterisiert – mittels magischer Intervention die Chance bekommt, sich zu bessern. Zunächst ist die Figur als urbane „Borat“-Variation angelegt, die in einem männlich dominierten Agentur-Arbeitsumfeld karrieremäßig auf der Überholspur ist, bald zum neuen CEO werden soll und die qualifizierte Kollegin Alex (Rosamund Pike) mit lässiger Geringschätzung behandelt. Dann aber erwacht Damien nach einer schmerzhaften Kollision mit einem Laternenpfosten in einer Realität, die zwar aussieht wie sein gewohntes London-City-Habitat, in der aber allüberall die Frauen an den Schalthebeln sitzen. Eine Päpstin steht „im Namen der Mutter, der Tochter und des Heiligen Geistes“ der katholischen Kirche vor, der King’s Cross heißt Queen’s Cross und in der Chefetage seiner Agentur tummelt sich eine eingeschworene Damen-Clique in eleganten Anzügen, die einen Mann höchstens dann an den Konferenztisch lässt, wenn es nach außen hin so zu tun gilt, als würde die männliche Perspektive im Unternehmen wenigstens eine kleine Rolle spielen.
Damiens einzige Chance, aus dieser höllischen Parallelwelt zu entkommen, in der ihn wildfremde Frauen abschätzig „Schätzchen“ nennen und ernsthaft von ihm verlangt wird, sich einer Ganzkörperenthaarung zu unterziehen, ist, das Spiel unter den veränderten Vorzeichen mitzuspielen: Wie ihm ein heruntergekommener Fremder (Richard E. Grant), den vor Jahren dasselbe Schicksal ereilte, eröffnet, gelangt er nur in „seine“ Welt zurück, wenn ihm der Aufstieg durch die gläserne Decke gelingt. Und so entspinnt sich in der Werbeagentur zwischen ihm und Alex, die nun ihrerseits der Überflieger auf der Karriereleiter ist, ein Konkurrenzkampf um die vakant werdende CEO-Stelle, bei dem die Frau klar im Vorteil ist. Und bei dem sich, weil der Film lieber versöhnlich als bitter schmecken will, irgendwann widerwillige Zuneigung einstellt, wenn sowohl das weibliche als auch das männliche Möchtegern-Alphatier merken, dass ein selbstbewusstes Gegenüber auf Augenhöhe eine reizvollere Sache ist als jemand, dem man eingebläut hat, das „schwächere Geschlecht“ zu sein.
Kein zeitgemäßer Biss
So launig das Darstellerensemble dabei aufspielt – und Sacha Baron Cohen und Rosamund Pike als Gegenspieler-Paar komödiantische Funken schlagen – lässt sich allerdings doch nicht verhehlen, dass der Stoff keinen wirklich zeitgemäßen Biss entfalten will. Angesichts der Bösartigkeit, mit der seit Jahren die „Manosphere“ den emanzipatorischen Fortschritten den Kampf ansagt und (nicht zuletzt in den USA) politisch an Einfluss gewinnt, angesichts von TradWives-Trends und anhaltend deprimierenden Statistiken zu fortbestehenden Gender-Pay-Gaps, Gender-Care-Gaps und Gewalt gegen Frauen wirkt der „Kampf der Geschlechter“, den „Ladies First“ im Stil einer romantischen Workplace-Comedy à la „Die Waffen der Frauen“ oder „Was Frauen wollen“ entfaltet, nur wie Ringelpiez mit Anfassen. Und die Läuterung des Bad Boys zum reuigen Frauenversteher glatt wie eine rasierte Achselhöhle.
