Vorstellungen
Filmkritik
Gleicht ein Ei wirklich dem anderen? Eher nicht, lernt man gleich zu Beginn von „Lebensansichten eines Huhns“. Der schaurige Ort dieser Erkenntnis: eine Legebatterie als perfekt durchökonomisierte Massentierhaltung. Produziert werden die Eier hier – vorläufig noch – auf altmodisch-biologische Art. Kaum gelegt, rattern sie aber schon über Fließbänder, verfangen sich in Roboterarmen, und landen in Brutkästen. Eier, die dabei weniger gleich sind als die anderen, werden aussortiert.
Einem der überlebenden Eier entschlüpft wenig später ein braunes Küken. Ein dunkler Farbklecks zwischen vielen gelben. Die Selektionsmechanismen haben diese Abweichung nicht verhindern können. Der Film von György Pálfi schlägt sich auf die Seite der Abweichung und hat seine Hauptfigur gefunden: Der Film handelt von den Abenteuern eines braunen Federtiers. Dem folgt man zunächst noch ein bisschen weiter entlang seines vorpräparierten Weges über Fließbänder und Legeeinrichtungen.
Aus der Huhnperspektive
Schon die ungewöhnliche Farbe des Tiers zeigt aber an, dass es Pálfi nicht darum geht, ein exemplarisches Hühnerschicksal darzustellen. Vielmehr hat man es mit den durch und durch außergewöhnlichen „Lebensansichten eines Huhns“ zu tun. Doch allein die Farbe hebt das Huhn, dem der Film eineinhalb Stunden lang folgt, noch nicht hinreichend aus der Masse des Federviehs heraus. Zur Hauptfigur im vollen Wortsinn kann das Huhn nur durch eine eigensinnige Aktion werden. Es muss sich sozusagen selbst auswählen.
Und das tut es, als es durch ein Autofenster hindurch einen Blick auf eine Taube wirft, die am Straßenrand Körner pickt. Der Film zeigt das aus der visuellen Perspektive des Huhns. Aus der Huhnperspektive, die momenthaft zu der des Zuschauers wird. Unmittelbar nach diesem Perspektivwechsel flattert das Huhn, das zuvor auf direktem Weg dem Suppentopf zustrebte, aus dem Fenster und beginnt seine Heldenreise. Verkörpert wurde es dabei, ist zu lesen, von acht verschiedenen Huhnschauspielern. Digitale Technik kam zumindest bei der Huhndarstellung nicht zum Einsatz.
Allzu viele Huhnperspektiven gibt es im weiteren Verlauf des Films aber nicht. Das Publikum mit Haut und Haaren zum Huhn werden zu lassen, gehört nicht zu Pálfis Programm, auch wenn bisweilen ein paar Takte einer hübschen „Huhnmusik“ zu hören sind, die den eigenwilligen Lebensrhythmus dieser erratischen Geschöpfe ziemlich gut trifft. Wenn das Huhn etwa von einem Hahn begattet wird, bleibt die Kamera respektvoll auf Abstand; ab und zu erhält der Hahn freilich eine verliebte Großaufnahme. Dem Huhn folgt der Film nicht so sehr um des Huhns willen; sondern eher, um quasi nebenbei dieses und jenes sichtbar zu machen.
Der Fuchs & ein alter Mann
Die Heldenreise des Huhns führt vom Straßenrand zunächst in einen Supermarkt, wo es um ein Haar von einem Fuchs verzehrt wird; später über Stock und Stein in eine Kleinstadt und in ein Anwesen in einer wunderhübschen griechischen Küstenregion. Ein alter Mann rettet das Huhn aus den Klauen eines Hundes und wird dadurch zur zweiten, menschlichen Hauptfigur des Films. Der Mann ist gegen seinen Willen unter die Räuber geraten. Beziehungsweise unter die Menschenschmuggler. Im Blickfeld des Huhns entfaltet sich bald ein regelrechter Politthriller, wobei das Huhn, das feuerfest ist und sogar seine eigene Beerdigung überlebt, einiges wegstecken muss.
Anders etwa als der geknechtete Esel in Robert Bressons „Zum Beispiel Balthasar“ ist Pálfis Huhn jedoch keine allegorische Figur, die das Leid der gesamten Menschheit auf sich nimmt. Die tierische und die menschliche Geschichte greifen zwar ineinander. Die in Container eingesperrten Flüchtlinge, die im griechischen Nirgendwo stranden, sind zweifelsohne ein Echo auf die Legebatterien zu Filmbeginn. Und die instinktive Brutalität des Fuchses, der das Huhn jagt, spiegelt sich in der Unbarmherzigkeit der Menschen wider, im Kalkül der Gangster, die Flüchtende als Ware betrachten.
Lob des Kreatürlichen
Es gibt natürlich keine Eins-zu-Eins-Entsprechungen. Im Huhn artikuliert sich eine kreatürliche Freiheit, die kein Mensch jemals erreichen kann. Allein das Huhn ist in diesem Film ein Individuum; die Menschen bleiben Schießbudenfiguren. Im Blick auf seine Hauptfigur ist der Film näher an Jerzy Skolimowskis Eselfilm „EO“ als an Bressons „Zum Beispiel Balthasar“. An die Originalität von „Eo“ reicht „Lebensansichten eines Huhns“ allerdings nur in der Anfangsphase heran, genau so lange, wie das vagabundierende, eigensinnige Huhn die alleinige Hauptattraktion ist. Im Folgenden wird dann schlichtweg nicht mehr klar, wozu es das ziemlich holzschnittartig entworfene menschliche Drama überhaupt braucht.









