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Filmkritik
Die Westautobahn führt von Wien über St. Pölten und Linz nach Salzburg. Bei normaler Verkehrslage lässt sich die knapp 300 Kilometer lange Strecke in drei bis dreieinhalb Stunden bewältigen. Bobby, ein echter „Road Type“, fährt sie einmal pro Woche, manchmal auch öfter. Um Kosten zu sparen, nimmt er meistens Passagiere mit. Sein Auto ist komfortabel, leise und gut gedämpft. Es gleitet. Wenn die Kamera aus der Windschutzscheibe heraus frontal auf die Fahrbahn gerichtet ist, lässt sich für einen Moment vergessen, dass ein Mensch hinter dem Steuer sitzt. Die Bilder wirken körperlos und fast wie geträumt. Man kann dabei auch an die Phantom Rides des frühen Kinos denken.
Das Auto als quasi-therapeutische Anordnung
„London“ von Sebastian Brameshuber spielt mit Ausnahme weniger Bilder – kurze Pausen auf Raststätten und Parkplätzen – durchgehend im Auto. Dabei ist das Auto weniger ein funktionales Transportmittel, das Menschen von A nach B befördert, als vielmehr eine quasi-therapeutische Anordnung. Während Bobby mit seinen Fahrgästen den Gesprächsraum teilt, sind sie im Bild getrennt. Die fixe Kamera ist entweder auf die Straße, auf den Beifahrersitz oder auf den Platz am Steuer gerichtet. Schuss, Gegenschuss, sprechende und zuhörende Gesichter: Das visuelle Konzept ist minimalistisch und öffnet sich zugleich in die Weite.
Draußen ziehen Landschaften vorüber. Im Wechsel von Tages- und Jahreszeiten ändern sich Wetterverhältnisse, Licht und Umgebung. Warme Sommertage, Nebel und Schnee, Tag und Nacht. Der Innenraum aber wirkt trotz äußerer Veränderungen und sich wandelnder Besetzung ruhig und konstant. Bewegung und Statik sind in „London“ wie durch ein Scharnier miteinander verbunden.
Von Bobbys Fragen angestoßen, kommen die Gäste, die alle um Jahrzehnte jünger sind als er, ins Reden. Die Unterhaltungen streifen Feinkosttheken oder das „unabsichtliche marxistische Meisterwerk“, „Avatar“ von James Cameron, und berühren nicht selten die existentiellen Dinge des Lebens: Beziehungen, Arbeitsleben, Fragen nach Verantwortung und Gewissen. Eine anhaltende Präsenz sind die vergangenen wie gegenwärtigen Kriege, die die Biografien der Mitreisenden oder der ihrer Familien geprägt haben – nicht zuletzt in Form von Migrationsbewegungen; mit dem russischen Überfall auf die Ukraine sind sie wieder in die Mitte Europas gerückt. Ein Wehrdienstleistender des Österreichischen Bundesheers, der mit Cola und Pommes zusteigt, meldet Zweifel an, ob er im Ernstfall bereit wäre, sein Land zu verteidigen.
Eine Vielzahl politischer Räume
„London“ durchquert eine Vielzahl politischer Räume und zeichnet so auch ein Porträt des heutigen Europas. Eine queere Aktivistin aus dem ehemaligen Jugoslawien, die für ein besseres Leben nach Wien zog und bald heiratet, erzählt davon, wie sehr es sie schmerzt, dass das Thema ihrer sexuellen Identität in ihrer Familie umgangen wird. Nur bis zur nächsten Raststätte dauert die Fahrt mit einer rumänischen Frau, die als Arbeitsmigrantin in Brüssel ihr Geld verdient und ihrem verpassten Bus hinterherfährt.
Aber auch Bobby, der im Gegensatz zu seinen Gegenübern auf sein Leben zurückblickt, hat eine Geschichte, die von Gespräch zu Gespräch stärkere Konturen gewinnt. Als Heranwachsender flüchtete er vor der Enge seines Elternhauses und seinem vom Krieg beschädigten Vater nach London, um Musik zu machen. Doch vor allem der Anlass für seine regelmäßigen Autofahrten sind ein wiederkehrendes Gesprächsthema. In einem Salzburger Spital liegt ein alter Freund, den Bobby vierzig Jahre lang nicht gesehen hat, nach einem Schlaganfall im Koma. Viele Dinge zwischen ihnen blieben ungesagt.
Das Dazwischen, das die Topografie des Films ausmacht, bestimmt auch die Form. „London“ ist ein Studiofilm, in dem reale Personen sich selbst verkörpern. Bobby Sommer ist aus Jem Cohens „Museum Hours“ (2012) bekannt, er war dort als Museumswärter zu sehen, der bei der Arbeit die Bekanntschaft mit einer Kanadierin macht, deren Geschichte in „London“ widerhallt. Eine andere Wiederbegegnung ist der aus Nigeria geflüchtete Automechaniker Cliff, Protagonist in Brameshubers Dokumentarfilm „Bewegungen eines nahen Bergs“ (2019). Und auch der US-amerikanische Expat Ted Fendt, Regisseur des Films „Auslandsreise“, der vor dem Abbau der historischen Brückenpfeiler der Aurach-Brücke Fotos machen will, ist kein Unbekannter. In „London“ hat er die Aufgabe eines Westautobahnhistorikers, der auf die Verflechtung von Architektur und Geschichte hinweist. Obschon die Planungen für die Autobahn in Österreich schon vor der NS-Zeit begannen, wurde das Design maßgeblich von den Nazis entworfen – immer im Blick auf ein imposantes Landschaftsbild: „Das, was wir gerade sehen, ist das, was ein Nazi wollte, was wir sehen.“
Lauter befristete Begegnungen
Irgendwann ist tiefer Winter und das Sprechen über Arthur, mit dem Bobby wohl mehr als eine tiefe Freundschaft verband, treibt ihm die Tränen in die Augen. Jetzt, wo er für seine Gefühle eine Sprache gefunden hat, erreichen sie den Freund nicht mehr. „London“ ist auch ein Film über den Abschied – und über die besondere Schönheit zeitlich befristeter Begegnungen.







