Vorstellungen
Filmkritik
„Mein Leben, mein Ding“ beginnt im Ungefähren. Mit einer Frau, die vor der berühmten leeren ersten Seite sitzt – in diesem Fall ist diese erste leere Seite der Bildschirm eines Computers. Sie will einen Text schreiben. Einen Roman oder ihre Memoiren oder vielleicht einfach ein Drehbuch, so klar ist das auf Anhieb nicht. Sie tippt ein paar Buchstaben, ein Wort, einen Namen, verwirft das Getippte ein ums andere Mal aber unmittelbar und löscht es wieder.
Noch nicht alt, aber auch nicht mehr jung
Sie redet dabei mit sich selber, hängt dabei aber eher Gedankenfetzen nach, als dass sie ganze Gedankengänge vollzieht. Das Ganze hat etwas Erratisches, auch Verlorenes an sich. Was weiß eine Frau, die mit 55 Jahren noch nicht alt, aber auch nicht mehr jung ist, der Welt schon zu erzählen? Nachgerade eine Frau, die Barberie Bichette heißt, aber zu ihrem Leidwesen von vielen – auch guten Freunden und Freundinnen – nur „Barbie“ genannt wird? Die zwei erwachsene Kinder hat, bei einer PR-Agentur angestellt ist, genug Geld und ihre eigene Wohnung hat, in jungen Jahren zweifellos schön war und noch heute durchaus attraktiv ist?
Ein Telefonanruf lässt Barberie aus ihren Gedanken aufschrecken. Barberie weicht den sehr persönlichen Fragen der Anruferin aus. Gibt ihr an, sie sei im Fitnesscenter beim Trainieren und habe heute noch sehr viel zu tun. Tatsächlich bricht sie noch während des Telefonats ihren Schreibversuch ab. Schaltet den Computer aus, packt ihre Sporttasche und begibt sich ins nahegelegene Fitnesscenter, später am Tag hat sie einen Termin bei ihrem Psychiater.
Es steckt in dieser Anfangsszene ziemlich alles drin, was „Mein Leben, mein Ding“ ausmacht: Wie die Protagonistin sich ihrer eigenen menschlichen Vergänglichkeit bewusst wird. Erste Anzeichen ihrer psychischen Versehrtheit, die sie später in einen Zusammenbruch führen wird. Vor allem aber der Schmerz über das, worauf Barberie, die sich anderen gegenüber zeitlebens immer zurückgehalten hat, verzichtet hat: die Wahrnehmung ihrer eigenen Bedürfnisse, die Realisierung eigener künstlerischen Ideen, in letzter Konsequenz die Führung eines von ihr selbstbestimmten Lebens.
Das Wissen um alles, was human ist
Es steckt in diesem letzten und zugleich persönlichsten Film der 2023 mit 58 Jahren verstorbenen Französin Sophie Fillières viel von dem, was ihr filmisches Schaffen als Regisseurin und Drehbuchautorin kennzeichnet. Ein sehr bodenständig-trockener, oft auch schalkhaft-sarkastischer Humor. Das Wissen um alles, was human ist und was insbesondere Frauen beschäftigt. Nicht zuletzt die Erkenntnis, dass es sich auch spät im Leben lohnt, etwas zu realisieren. Und so wandelt sich die Geschichte um eine Frau mittleren Alters, die sich zu Beginn des Films zunehmend selbst abhandenkommt und in eine tiefe Krise rutscht, in die berührende Geschichte von ihrer Erstarkung, Selbstfindung und Befreiung.
Der Schlüssel dazu liegt in Barberies Fähigkeit zur ehrlichen Selbstreflexion und ihrer Stehaufmännchen-Mentalität, die sie immer wieder durchhalten lässt. Sie gipfelt in der von Barberie ihrem Spiegelbild gegenüber geäußerten Einsicht, dass sie, die in jungen Jahren von Energie und Elan strotzte, das Wohl ihrer Kinder und wohl auch ihres Exmannes jahrelang über das eigene stellte, nun dringend neue Lebensfreude braucht. Sie verabredet sich mit Männern, doch die Dates laufen schief. Sie versucht ihre momentane Schieflage ihrem Psychiater zu schildern, doch der scheint ihr nicht zuzuhören und antwortet nur mit Grunzen und Grummeln. Und dann taucht im Film noch ein Mann namens Philippe Katerine (gespielt von dem gleichnamigen Liedermacher und Darsteller) auf, der Barberie von früher zu kennen scheint, an den sie sich aber mit bestem Willen nicht erinnern kann.
Von Selbstzweifeln und Erinnerungslücken gequält
Agnès Jaoui spielt die schwierige Rolle dieser von Selbstzweifeln und Erinnerungslücken gequälten, zugleich aber verblüffend starken Frau. Sie lässt sie als selbstironisch, oft auch als sarkastisch erscheinen, findet gleichzeitig aber auch zum Ausdruck der tiefen Melancholie einer Frau, die ihre früheren Chancen verpasst hat. Das bringt Barberie dem Publikum in ihrer sperrigen Tristesse näher und lässt sie zunehmend auch liebenswerter erscheinen. Auch gelingt es Jaoui, vor allem gegen Ende des Films, der Barberie auf den Spuren ihrer Vergangenheit nach England und Schottland führt, einen befreiend wirkenden, leichtfüßigen Humor zu behalten.
Sophie Fillières wurde 1964 in Paris geboren und realisierte sieben eigene Spielfilme, war als Drehbuchautorin aber auch für andere tätig. In Deutschland bekannt sind etwa „Der Flohmarkt der Madame Claire“ von Julie Bertuccelli und „Madame Sidonie in Japan“ von Élise Girard. Die Dreharbeiten zu „Mein Leben, mein Ding“ hatte Fillières eben beendet, als sie erfuhr, dass sie ihren Film nicht mehr selbst fertigstellen können würde. Daraufhin vertraute sie die Verantwortung für Montage und Postproduktion ihres Filmes ihren Kindern, Agathe Bonitzer und Adam Bonitzer, an. Das war zu dessen Fertigstellung wohl nötig, ist ihm aber anzumerken. Während die ersten Szenen von „Mein Leben, mein Ding“ auch da, wo Barberie sich in ihren Gedanken und Gefühlen verliert, bis ins Detail präzise strukturiert und in sich logisch sind, fransen spätere Szenen zunehmend aus. Vor allem die in England und Schottland spielenden Teile enthalten Leerstellen und Sprünge, die sich kaum erklären lassen.
Doch wie dem auch sei: Das in der Abgelegenheit des schottischen Hochlands spielende, offene Ende von „Mein Leben, mein Ding“ ist derart befreiend und versöhnlich, dass es nicht nur die Protagonistin, sondern auch das Publikum beglückt.








