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Mein Leben, mein Ding

99 minDrama, KomödieFSK 12
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Barberie Bichette (Agnès Jaoui), die man zu ihrem Leidwesen Barbie nennt, mag schön gewesen sein, eine gute Mutter, eine verlässliche Kollegin, eine großartige Liebhaberin, ja, vielleicht... aber das war, bevor sie unausweichlich 55 wurde (also fast 60 und bald noch älter!) Jetzt erscheint ihr das Leben finster, heftig und absurd. Es macht ihr Angst. Aber wie soll sie etwas ändern, wenn sie immer noch nicht weiß, wer sie ist und was sie will?

„Mein Leben, mein Ding“ beginnt im Ungefähren. Mit einer Frau, die vor der berühmten leeren Seite sitzt – in diesem Fall dem Bildschirm eines Computers. Sie will einen Text schreiben. Einen Roman oder ihre Memoiren oder vielleicht einfach ein Drehbuch – so klar ist das auf Anhieb nicht. Sie tippt ein paar Buchstaben, ein Wort, einen Namen, verwirft das Getippte aber ein ums andere Mal und löscht es wieder.

Noch nicht alt, aber auch nicht mehr jung

Sie redet mit sich selbst, hängt dabei aber eher Gedankenfetzen nach, als dass sie ganze Gedankengänge vollziehen würde. Das hat etwas Erratisches, auch Verlorenes an sich. Was weiß eine Frau, die mit 55 Jahren noch nicht alt, aber auch nicht mehr jung ist, der Welt schon zu erzählen? Eine Frau, die Barberie Bichette heißt, aber zu ihrem Leidwesen auch von guten Freunden und Freundinnen nur „Barbie“ genannt wird? Die zwei erwachsenen Kinder hat, bei einer PR-Agentur angestellt ist, genug Geld verdient und in ihrer eigenen Wohnung wohnt, die in jungen Jahren zweifellos schön war und heute durchaus noch immer attraktiv ist?

Ein Telefonanruf lässt Barberie aus ihren Gedanken aufschrecken. Den sehr persönlichen Fragen der Anruferin weicht sie aus. Gibt an, sie sei im Fitnesscenter beim Trainieren und habe heute noch sehr viel zu tun. Tatsächlich bricht sie noch während des Telefonats ihren Schreibversuch ab. Schaltet den Computer aus, packt ihre Sporttasche und begibt sich ins nahegelegene Fitnesscenter; später am Tag hat sie einen Termin bei ihrem Psychiater.

In dieser Anfangsszene steckt ziemlich alles drin, was „Mein Leben, mein Ding“ ausmacht: Wie die Protagonistin sich ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst wird. Erste Anzeichen ihrer psychischen Versehrtheit, die sie später in einen Zusammenbruch treiben. Vor allem aber der Schmerz über das, worauf Barberie, die sich gegenüber anderen immer zurückgehalten hat, zeitlebens verzichtet hat: die Wahrnehmung ihrer eigenen Bedürfnisse, die Realisierung eigener künstlerischer Ideen, in letzter Konsequenz die Führung eines von ihr selbstbestimmten Lebens.

Das Wissen um alles, was menschlich ist

In dem letzten und zugleich persönlichsten Film der 2023 mit 58 Jahren verstorbenen Französin Sophie Fillières steckt viel von dem, was ihr filmisches Schaffen als Regisseurin und Drehbuchautorin ausgezeichnet hat. Ein sehr bodenständig-trockener, oft auch schalkhaft-sarkastischer Humor. Das Wissen um alles, was menschlich ist und was insbesondere Frauen beschäftigt. Nicht zuletzt die Erkenntnis, dass es sich auch spät im Leben noch lohnt, etwas zu realisieren. Und so wandelt sich die Geschichte um eine Frau mittleren Alters, die sich selbst abhandengekommen ist und in eine tiefe Krise rutschte, in die berührende Geschichte ihrer Erstarkung, Selbstfindung und Befreiung.

Der Schlüssel dazu liegt in Barberies Fähigkeit zur ehrlichen Selbstreflexion und ihrer Stehaufmännchen-Mentalität. Sie gipfelt in der von Barberie ihrem Spiegelbild gegenüber geäußerten Einsicht, dass sie, die in jungen Jahren von Energie und Elan nur so strotzte, das Wohl ihrer Kinder und wohl auch ihres Ex-Mannes jahrelang über das eigene stellte, nun dringend neue Lebensfreude braucht. Sie verabredet sich mit Männern, doch die Dates laufen schief. Sie versucht, ihre momentane Schieflage ihrem Psychiater zu schildern, doch der scheint ihr nicht zuzuhören und antwortet nur mit Grunzen und Grummeln. Dann taucht auch noch ein Mann namens Philippe Katerine (gespielt von dem gleichnamigen Liedermacher) auf, der Barberie von früher zu kennen scheint, an den sie sich aber mit bestem Willen nicht erinnern kann.

Selbstzweifel & Erinnerungslücken

Agnès Jaoui spielt die schwierige Rolle dieser von Selbstzweifeln und Erinnerungslücken gequälten, zugleich aber verblüffend starken Frau. Sie lässt Barberie als selbstironisch, oft auch als sarkastisch erscheinen, findet aber gleichzeitig auch zum Ausdruck einer tiefen Melancholie angesichts der früher verpassten Chancen. Das bringt Barberie in ihrer sperrigen Tristesse näher und lässt sie zunehmend liebenswerter erscheinen. Vor allem gegen Ende des Films, der Barberie auf den Spuren ihrer Vergangenheit nach England und Schottland führt, gelingt es Jaoui, einen befreiend wirkenden, leichtfüßigen Humor zu behalten.

Sophie Fillières wurde 1964 in Paris geboren und realisierte sieben eigene Spielfilme, war als Drehbuchautorin aber auch für andere tätig. In Deutschland sind vor allem „Der Flohmarkt der Madame Claire“ von Julie Bertuccelli und „Madame Sidonie in Japan“ von Élise Girard bekannt. Die Dreharbeiten zu „Mein Leben, mein Ding“ hatte Fillières eben beendet, als sie erfuhr, dass sie den Film nicht mehr selbst fertigstellen würde. Daraufhin vertraute sie die Verantwortung für Montage und Postproduktion ihren Kindern Agathe Bonitzer und Adam Bonitzer an. Das war für die Fertigstellung wohl nötig, ist dem Film aber auch anzumerken. Während die ersten Szenen von „Mein Leben, mein Ding“ auch da, wo Barberie sich in ihren Gedanken und Gefühlen verliert, bis ins Detail präzise strukturiert und in sich logisch sind, fransen spätere Szenen zunehmend aus. Vor allem die in England und Schottland spielenden Teile enthalten Leerstellen und Sprünge, die sich kaum erklären lassen.

Doch wie dem auch sei: Das in der Abgelegenheit des schottischen Hochlands spielende offene Ende von „Mein Leben, mein Ding“ ist derart befreiend und versöhnlich, dass es nicht nur die Protagonistin, sondern auch das Publikum beglückt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deMein Leben, mein DingVon: Irene Genhart (3.7.2026)
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