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Filmkritik
Stella (Lesley Manville) und Gerry (Ciarán Hinds) stehen im Winter ihres Lebens. Es ist Weihnachten, doch obgleich beide verheiratet sind und zusammenleben, zersplittert das Fest in Szenen der Einsamkeit: Stella alleine im Gottesdienst, später alleine mit ihren Sandwiches am Küchentisch. Gerry ist längst auf seinem Sessel eingeschlafen, der gemeinsame Sohn und die Enkel kommen nicht. Während Schottland und der Rest der Welt ausgelassen feiern, ist das Gefühl der Isolation und emotionalen Leere bedrückend. Noch in der Nacht bucht Stella kurzerhand eine gemeinsame Reise nach Amsterdam, die sie Gerry am folgenden Tag als Verheißung einer romantischen Auszeit schenkt, aber mit der sie ganz eigene Absichten verfolgt.
Liebe im Winter des Lebens
Regisseurin Polly Findlay, die sich ihren Namen bislang in der britischen Theaterszene gemacht hat, offeriert mit ihrem ersten Spielfilm ein Porträt einer in die Jahre gekommenen Ehe, das in ruhigen Bildern und harten Lichtkontrasten gehalten ist. Ohne in übersentimentale Klischees zu verfallen, erzählt „Midwinter Break“ von einer Leere im späten Lebensabschnitt, die ein unerfülltes emotionales Begehren zurücklässt. Der Film bleibt dabei sehr nah an der gleichnamigen Romanvorlage des nordirischen Autors Bernard MacLaverty, die im Deutschen den Titel „Schnee in Amsterdam“ trägt, und verlässt sich vor allem auf das Schauspiel von Lesley Manville sowie Ciarán Hinds, die den Film fast schon wie in einem Zweipersonenstück tragen.
Das Gefühl der Entwurzelung
Nach einem traumatischen Ereignis im Kontext des Nordirlandkonflikts, der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzung um die staatliche Zugehörigkeit Nordirlands, haben Stella und Gerry Irland verlassen und sind nach Schottland gezogen. Auch wenn das schon viele Jahre zurückliegt, ist da noch immer das Gefühl, aus dem Heimatland entwurzelt und der sozio-kulturellen Identität entrissen zu sein. Das wird besonders deutlich, wenn Gerry in einen „Irish Pub“ in Amsterdam einkehrt und mit dem Barkeeper über seine Vergangenheit als Architekt in Belfast spricht. Oder wenn Stella andeutet, dass sie später einmal in Irland beigesetzt werden möchte, weil das Land trotz allem ihre Heimat ist.
Aber mehr noch führt das persönliche Trauma dazu, dass das Ehepaar ins emotionale Exil der eigenen Ehe driftet und sich zunehmend entfremdet. Stella durchlebt eine Sinnkrise: Einerseits, weil die Gräben in ihrem Eheleben, die sie von Gerry trennen und die schon längst unüberwindbar scheinen, unaufhörlich weiter aufreißen. Andererseits, weil sie sich nach einem frommeren Leben sehnt.
Suche nach spiritueller Sinnerfüllung
So wie die Geschichte Nordirlands mit der Ehe von Stella und Gerry verwoben wird, so läuft die Stadtgeschichte Amsterdams in „Midwinter Break“ symbolisch mit Stellas Suche nach spiritueller Sinnerfüllung zusammen: Sie besucht mit Gerry den Beginenhof in Amsterdam, wo einst unverheiratete Katholikinnen als schwesterliche Gemeinschaft zusammenwohnten und ihren Glauben unter dem Protestantismus versteckt praktizierten, und lernt in einer anliegenden Kirche vom eucharistischen „Wunder von Amsterdam“: einer Legende aus dem Jahre 1345, die von einem kranken Mann erzählt, der seine Sterbekommunion erbrach. Als das Erbrochene verbrannt wurde, überstand die geweihte Hostie das Kaminfeuer.
Stella ist überzeugt, dass es göttliche Intervention sein musste, die sie bei ihrem traumatischen Erlebnis errettete. Weil Gerry nicht an Wunder glaubt, fühlt sie sich ungehört und verspottet. Dabei weiß Stella nicht, dass Gerry seit seinen Erfahrungen mit dem Nordirlandkonflikt, der zwischen Protestanten und Katholiken im Namen des Glaubens geführt wurde, sowohl von einer Skepsis an der Menschheit und Menschlichkeit als auch einem fundamentalen Glaubenszweifel im Problem der Theodizee begleitet wird. Daran schließt sich eine Frage an, die Stellas und Gerry Besuch im Anne-Frank-Haus provoziert: Wie kann und soll man dem persönlichen wie kollektiven Leid angemessen gedenken?
Glaube, Liebe, Hoffnung
Alles in allem läuft „Midwinter Break“ auf eine Hoffnungsallegorie hinaus, von der man sich an mancher Stelle gerne mehr Substanz anstatt Andeutung wünschen würde, damit sich die eigenen Gedanken und Reflexionen festbeißen können. Dennoch wirkt die unaufgeregte Ruhe beinahe meditativ, gerade auch deshalb, weil der Film anstelle eines Arguments vielmehr gedankliche Impulse setzt, die seine Rezipierenden weiterdenken sollen.






