Vorstellungen
Filmkritik
Es ist sicher kein Zufall, daß der amerikanische Film in den letzten Jahren häufig Zuflucht bei den saturiert-gemächlichen fünfziger und sechziger Jahren sucht. In einer Gegenwart, die in weiten Teilen der USA beherrscht ist von Hektik, Drogensucht und beängstigend eskalierender Gewalttätigkeit, erscheinen die beiden Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg als ein Hort des verlorenen Friedens und der Zuversicht. Der Blick zurück in eine idealisierte Vergangenheit war immer schon ein probates Mittel zur Verdrängung aktueller Sorgen, Nöte und Bedürfnisse. Gern hält man sich etwas darauf zugute, daß diese rückwärts gewandten Filme die dunklen Flecken in der blütenweißen Idylle der -aus heutiger Sicht - so sorgenfreien Jahre nicht unterschlagen. Doch in der angenehm konsumierbaren Zubereitung solchen Konfliktstoffes hat Hollywood seit jeher Routine. Bruce Beresfords "Miss Daisy. . ." schwimmt zur Zeit mit beachtlichem, Oscar-trächtigem Auftrieb auf der Welle der Befriedigung eines frustrierten Bürgertums. Filme dieser Art wenden sich an den Mittelstand, nicht an die Unterprivilegierten, die gemeinhin in den Randbezirken der amerikanischen Großstädte den beträchtlichsten Teil des Kassenergebnisses einbringen. Der Film läuft mit Erfolg in jenen Kinos, die dem "guten Bürgertum" zugänglich sind, das sich auch in seiner wohlrenommierten Gegend inzwischen wundert, wenn nach der Vorstellung das Auto nicht aufgebrochen worden ist.
Hauptfiguren des Films sind Daisy Werthan (Jessica Tandy), eine zu Beginn der Handlung 72jährige, ausreichend wohlhabende Frau jüdisch-deutscher Abstammung, am Rande von Atlanta (Georgia) lebend, und der ihr mehr oder weniger von ihrem Soh aufgezwungene über 60jährige schwarze Chauffeur Hoke (Morgan Freeman). Miss Daisy ist keine Rassistin; wie könnte sie auch, gehört sie doch selbst einer oft angefeindeten Minderheit an. Aber sie besitzt den anerzogenen Hochmut der Südstaatler, die von ihren schwarzen Bediensteten Abstand halten und sie jede Stunde des langen Tages spüren lassen, daß sie eben doch nicht ihresgleichen sind. Der Australier Bruce Beresford, der in seinen Filmen immer schon einen Hang zum dekorativen Detail besaß und nie mehr die unpathetische Genauigkeit seines Soldatendramas "Breaker Morant" erreicht hat, inszeniert die sich über 25 Jahre erstreckende Beziehung der beiden alten Menschen als eine Idylle mit nur leichten, niemals optisch Gestalt annehmenden Störfaktoren. Es ist schön, daß er Hoke allmählich ein bißchen Gelegenheit gibt, seiner Menschenwürde Ausdruck zu verleihen; es ist ebenso schön, daß der Zuschauer Einsicht erhält in die fast undurchschaubar verborgenen tieferen Gefühle der alternden Miss Daisy. Es ist - zumindest für die Zeit, in der der Film spielt - geradezu revolutionär, die alte Frau fragen zu hören: "Hoke, Du bist doch mein bester Freund?". Doch das betuliche Umfeld überwuchert immer wieder jeden aufkeimenden Ansatz kritischer Argumentation. "Driving Miss Daisy" badet förmlich in einem lieblichen Arrangement von heimelig ungestörter Bürgerlichkeit, in einer von Weichzeichnern und Überbelichtungen verklärten "guten alten Zeit", die einem Muße läßt, den Regen aufs Dach trommeln und die Vögel hinterm Haus singen zu hören, und in der man sich noch alle Jahre ein neues dieser monströs chromblitzenden Autos leisten kann, von denen das kaum abgenutzte Gebrauchtmodell sodann für den schwarzen Chauffeur erschwinglich wird.
Die Realität der Rassenvorurteile, der Ausbeutung der Schwarzen, aber auch der Antipathien gegen jüdische Mitbürger kommt immer nur indirekt vor. Keine Kraßheit stört die uniforme Schönheit des Lebens im guten alten Georgia. Hoke erzählt von einem Schwarzen, den sie aufgehängt haben; in einem (damals ganz ungewöhnlichen) Verkehrsstau steckend, erfährt Miss Daisy, daß man nicht weiterkommt, weil in der Synagoge eine Bombe explodiert ist; am direktesten im Bild sind zwei Polizisten im Nachbarstaat Alabama, die in ihrem Verhalten kein Hehl daraus machen, wie sehr sie es mißbilligen, daß eine weiße Lady allein mit ihrem schwarzen Chauffeur auf Reisen ist. Der Zuschauer erfährt solche Details gleichsam am Rande, als atmosphärisches Zubehör, so wie man zum Beispiel auch in einer Einstellung den Industriebetrieb des Sohnes zu Gesicht bekommt oder erfährt, daß die Schwiegertochter einer Frauenorganisation angehört. Mit der Entschuldigung einer privaten Geschichte, die sich erlaubt, ihr Umfeld weitgehend zu vernachlässigen, verweist der Pulitzer-preisgekrönte Autor die politischen und sozialen Faktoren in den Hintergrund, um seine publikumsträchtige Story im milden Zwielicht unzureichender Geschichtskenntnisse, mangelhafter Einsicht und bevorzugter Verdrängung ansiedeln zu können. Die bitter nötige Irritation bleibt aus.
Was nützt es da, daß der Film nach konventionellem Raster solide inszeniert ist, daß die Zweierbeziehung bewegende Momente aufweist, daß Stimmungen und Typen gut getroffen und die wenigen Rollen allesamt hervorragend gespielt sind (am überraschendsten der endlich dem Blödelschema entronnene Dan Aykroyd)? Ein amerikanischer Kritiker hat zu Recht angemerkt, daß die Rührung noch lange nach dem Verlassen des Kinos anhält. Er hat (ungewollt) summiert, wes Geistes Kind der Film ist. Franz Everschor Stellungnahme der Konimission: 25 Jahre im Leben einer alten, starrköpfigen Bürgersfrau jüdisch-deutscher Abstammung und ihres schwarzen Chauffeurs im Georgia der fünfziger und sechziger Jahre. Die gut gespielte, aber auf private Dimensionen reduzierte Geschichte bewirkt mehr Rührung und nostalgische Gefühle als Einsicht in die gesellschaftliche Realität..







