Morgen war Krieg

- Veröffentlichung24.09.2026
- RegieNicolas Ehret
- Produktion2026
- Cast
Vorstellungen
Filmkritik
Das Muster des Sitzbezugs im Linienbus schaut aus wie in der Gegenwart, aber die Menschen, die in „Morgen war Krieg“ von Nicolas Ehret auf den Sitzen Platz nehmen, tragen häufiger Uniform als im deutschen Alltag des Jahres 2026. Der Tonfall der Fernsehnachrichten klingt ebenfalls vertraut, der Inhalt hingegen weniger: von „handlungsorientierter Wehrhaftigkeit“ ist dort die Rede, und von einer politisch erzwungenen Neubesetzung des Bundesverfassungsgerichts.
Der Krieg ist näher herangerückt
Das Langfilmdebüt datiert seine Handlung nicht, ist aber offensichtlich in einer recht nahen Zukunft angesiedelt und denkt einige aktuelle Tendenzen weiter. Der Siegeszug rechter Kräfte in der Politik hat sich fortgesetzt; sie haben die Regierung übernommen und sind dabei, staatliche Strukturen umzubauen. Vor allem zugunsten des Militärs, das auch deshalb immer wichtiger wird, weil der Krieg noch näher an Deutschland herangerückt ist als im realen Jahr 2026.
Deutschland befindet sich inmitten einer Generalmobilmachung. Auch Jonas (Enno Trebs) ist „körperlich fit und wehrtauglich“, wie ihm mitgeteilt wird, während er, eingerahmt von einer Tür, in Unterwäsche in einem Untersuchungsraum sitzt. Die Aussicht, als in scheinbar gesicherten Friedenszeiten aufgewachsener junger Mann plötzlich in staatlichem Auftrag an Kampfhandlungen teilzunehmen, lastet so schwer auf ihm wie sein Kopf beim abendlichen Grübeln auf seiner Hand. Wenig später entzieht er sich dem Einberufungsbefehl und sucht mit seiner Schwester Leonie (Naila Schuberth) bei seinem Vater Stuber (Ulrich Matthes) Unterschlupf.
Dort, in einem Haus am Fluss, wird weiter gegrübelt. Für eine Weile kommt der Film zum Stillstand und wälzt familiäre Probleme; das Verhältnis zwischen Vater und Sohn steht nicht zum Besten, das der beiden zum Großvater ist noch mal deutlich schlechter. Ein wenig Leben kommt in die Bude, wenn Stubers neue Freundin Wibke (Susanne Bredehöft) vorbeischaut, eine resolute ältere Dame, die aber auch die politischen Verwerfungen, von denen der Film erzählt, wieder ins Spiel bringt. Denn Wibke ist Teil einer lokalen Bürgerwehr, die am Fluss einen Grenzzaun hochgezogen hat. In der Erwartung von Kriegsflüchtlingen.
Nur noch mit Schusswaffe vor die Tür
Die lassen auch nicht allzu lang auf sich warten. Mit der Ankunft des ersten Flüchtlings nimmt die Handlung wieder Fahrt auf. Jonas’ Kalkül, im abgelegenen Anwesen seines Vaters dem Schrecken seiner Gegenwart ausweichen zu können, ist offensichtlich nicht aufgegangen. Gemeinsam mit Stuber und Leonie muss er sich einer Welt stellen, in der die Signaturen einer befriedeten Wohlstandsgesellschaft nur noch Fassade sind und in der auch und gerade brave Bürger nur noch mit der Schusswaffe oder zumindest dem Knüppel in der Hand vor die Tür gehen.
Der Film verwendet einigen Aufwand darauf, die Atmosphäre dieser weniger als Science-Fiction denn als zugespitzte Gegenwart gedachten Welt zu evozieren. Die Filmmusik von Birger Clausen ist ein fast schon lückenloser Düsterteppich, der in Verbindung mit dem Blaugrau der kontrastarmen Bilder nicht nur den Figuren, sondern auch dem Publikum die Luft zum Atmen nimmt. Das Ergebnis ist ein permanenter, jeden Winkel des Daseins durchdringender Ausnahmezustand, dessen konkrete gesellschaftliche Hintergründe allerdings diffus bleiben. Welcher Krieg genau zu Filmbeginn an den Grenzen Deutschlands tobt und diese jeden Moment zu überschreiten droht, verrät der Film ebenso wenig wie die Herkunft der Flüchtlinge oder Näheres zur autoritären politischen Wende.
Ganz auf psychologische Einfühlung gesetzt
Der Film konzentriert sich ganz auf Jonas’ Perspektive. Der drohende Krieg manifestiert sich in erster Linie in dem Druck, der auf persönlichen, insbesondere auf familiären Beziehungen lastet. Tatsächlich – das ist eine von dem ausgesprochen ernsthaften und grüblerischen Film sicherlich nicht intendierte Ironie – hat der Krieg zwischendurch sogar positive Folgen: weil er dabei hilft, eingefahrene Alltagsroutinen zu überwinden und die vorher einander entfremdeten Generationen wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. Das Konzept von Nicolas Ehret stößt recht schnell an seine Grenzen. Vor allem, weil der Regisseur, unterstützt von überzeugenden Schauspielleistungen, ganz auf psychologische Einfühlung setzt und auf spekulative Elemente und damit auf ein konkretes Nachdenken darüber verzichtet, wie es mit der Welt von heute weitergehen könnte.
Letztlich blickt der Film genauso paralysiert auf die Verwerfungen der Gegenwart wie sein Protagonist. Um die Imaginationskraft des Kinos und dessen Potenzial, eine andere Welt als die gegenwärtige aufscheinen zu lassen, ist es in Deutschland derzeit nicht gut bestellt. Immerhin ist „Morgen war Krieg“ dafür ein eindrückliches Symptom.

