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Muxmäuschenstill

89 minDramaFSK 16
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Mux jagt Tempolimit-Überschreiter, Ladendiebe, Über-Rot-Geher, Schwarzfahrer, er versucht einfach alle Menschen zu bekehren. Dann gründet er den Club der Weltverbesserer. (aga)

Zeiten ändern sich. Das etwas überraschende Comeback von Mux (Jan Henrik Stahlberg) nach 20 Jahren Wachkoma will positioniert sein. In „Zeiten wie diesen“, heißt es, sei zu einem „Disclaimer“ geraten worden – und so positioniert sich „Muxmäuschenstillx“ als „Satire“. Das hat den Vor- oder auch Nachteil, dass die Schärfen und Untiefen der „Mockumentary“-Teile gebrochen werden – und das Publikum gut 100 Minuten Zeit bekommt, darüber nachzudenken, was wohl der Gegenstand dieser Satire ist. Mux selbst? Sein Kampf gegen die Windmühlen des Neoliberalismus? Oder der „Muxismus“, das strategisch-theoretische Fundament einer Graswurzelopposition mit Sitz in Elstertrebnitz an der Mulde?

Gegen Wildpinkler und Tagediebe

Vor 20 Jahren, in „Muxmäuschenstill“ (2004), fungierte der engagierte Bürger Mux, eine sehr deutsche Mischung aus Michael Kohlhaas und Blockwart mit selbstermächtigter Exekutivgewalt, im Zeichen einer „Gesellschaft für Gemeinsinnpflege“ für die Einhaltung einer regelbasierten Ordnung, indem er gegen Temposünder, Schwarzfahrer, Parkplatz-Erschleicher, Ladendiebe, Tagediebe und Wildpinkler als selbsterklärter Erziehungsberechtigter vorging. Ideologisch war das Wirken des Philosophiestudenten Mux durch einen Mix aus Idealismus (Kant), Fragmenten des klassischen Bildungskanons (Goethe, Schiller) und der Utopie solidarischen Handels unterfüttert, bigott gebrochen durch das Genießen faschistoider Übergriffigkeit.

Zur Dokumentation seines Wirkens hatte Mux seinerzeit den Langzeitarbeitslosen Gerd (Fritz Roth) engagiert, der mit der Handkamera die Strafaktionen festhielt und aus dem Material gleichzeitig „privat“ sein Vergnügen schöpfte. Gerd fungierte als kommentierender Widerpart zu den moralischen hochfahrenden Ansprüchen seines Arbeitsgebers, dokumentierte aber ganz nebenher auch, wie dessen Mischung aus Selbstgefälligkeit und Arroganz in eine aasige Ambivalenz abglitt. Das verhalf „Muxmäuschenstill“, der als Guerilla-Film ohne staatliche Fördermittel produziert wurde, zu einem überraschenden Erfolg an den Kinokassen.

20 Jahre später sieht die Welt anders aus. In „Muxmäuschenstillx“ versucht sich der Wutbürger Mux (Jan Henrik Stahlberg) einen Reim darauf zu machen. Besser gesagt: Er hat die Jahre der Stille dazu genutzt, ein Manifest des Muxismus zu verfassen, mit dem er jetzt wieder auf die veränderte Welt trifft. Es geht nicht länger darum, individuelle Verfehlungen im Sinne des Gemeinwohls zu ahnden; Mux stellt vielmehr die Systemfrage.

Stahlberg gibt nicht nur den perfekten Mux, sondern zeichnet jetzt auch für Regie und Drehbuch verantwortlich. Der Begriff der „Eigenverantwortung“, den Mux einst ordnungsliebend ins Feld zu führen pflegte, ist mittlerweile im Positiven wie im Negativen zu einer Art von Leitkultur geworden. Jede/r ist eben auch seines Unglückes Schmied und muss sich sagen lassen: „Eure Armut kotzt uns an!“

Ironie zieht im Osten nicht

Mit seinem Langzeitpfleger Karsten (Tilman Vellguth), der erneut auch die Aufgabe des Camcorder-Dokumentaristen bekommt, macht sich Mux auf in die ostdeutsche Provinz, um in Sachsen eine Art von Graswurzelrevolution zu beginnen. Es gilt, so Mux, den Neoliberalismus mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Was sich insofern etwas schwierig gestaltet, als der Gegner konturlos und undefiniert bleibt. Allerdings versteht Mux es auch nicht, sein Anliegen zeitgemäß zu agitieren. Den Erniedrigten und Beleidigten braucht man mit Ironie nicht zu kommen. Was es aber gibt, ist der Augenschein. Es gibt die Opfer des Neoliberalismus, die Erniedrigten und Beleidigten, und es gibt diejenigen, die vom Neoliberalismus profitieren: die Reichen.

Trotz der Perspektivverschiebung auf Klassismus fällt Mux aktivistisch schnell wieder in seine überkommenen Handlungsmuster zurück. Die Agitation in Elstertrebnitz an der Mulde gestaltet sich mühsam. Denn hier, von wo die Reformation im Geiste Martin Luthers ihren Ausgang nehmen soll, zunächst mühsam von Haustür zu Haustür, begegnet man den „Muxisten“, die klingeln, eher reserviert.

Knalliger fallen die Aktionen aus, wenn es Mux gelingt, die Klassengesellschaft konkret in den Blick zu bekommen. Etwa wenn er die Sitzplätze der Bahn kurzerhand „sozialisiert“ und Widerstand als asozial brandmarkt. Oder wenn er die Reichen im Sternerestaurant mit dem Sozialstaat konfrontiert, Steuerhinterzieher erpresst oder Schulkinder damit konfrontiert, dass sie das „Scheißleben ihrer Eltern“ wiederholen müssen, weil auch ihre Lehrerin nicht weiß, was Neoliberalismus ist.

Nicht alles passt zusammen

Durch manche Szenen weht der provokante Geist eines Christoph Schlingensief, der heutzutage aber auch damit rechnen müsste, von Jüngeren als „alter weißer Mann“ beschimpft zu werden oder im Gegenzug die aktuelle Popkultur, ihre Medien und den Marketing-Sprech im Rückgriff auf die abendländische Kultur diskreditieren zu müssen. Hier läuft einiges aus dem Ruder; die Gewaltfrage bleibt stets virulent. Ernsthafte Vorschläge wie das bedingungslose Grundeinkommen oder die Idee von Solidarjobs, die sich durch eine Vermögenssteuer finanzieren, werden durchaus seriös diskutiert. Doch zur Kritik an der Sozialdemokratie gesellt sich der Gesang von Franz Josef Degenhardt.

So überlagern sich in „Muxmäuschenstillx“ unterschiedliche Zeitlichkeiten, die widersprüchlich und unvermittelt bleiben. In Zeiten von Social Media funktioniert Politikvermittlung via Manifest, Megafon und Hausbesuch vielleicht noch in Elstertrebnitz an der Mulde; ansonsten aber hätte man es gerne knalliger, eindeutiger und paroliger. Nur mit seiner anprangernden Kritik der Eliten bewegt sich der Muxismus im Rahmen geschmeidiger Populismen. Mit Mux ist kein Staat zu machen; er ist buchstäblich aus der Zeit gefallen. Bleibt noch Symbolpolitik wie die Referenzen auf Anonymous („V wie Vendetta“) oder der Kniefall auf dem Syntagma-Platz in Athen.

„Muxmäuschenstillx“ ist als Wiedervorlage eines alten Erfolgsmodells auf eine Weise politisch und in seinen resignativen, Mux-kritischen Momenten so schmerzhaft, dass man auf die Idee kommen könnte, dass der Disclaimer zu Beginn eine falsche Fährte legt. Um als Satire durchzugehen, bleibt die chaotische, von multiplen Krisen gereizte Gegenwart im Film aber allzu kenntlich. Was nicht notwendig dem Film vorzuwerfen ist.

Veröffentlicht auf filmdienst.deMuxmäuschenstillVon: Ulrich Kriest (28.7.2026)
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