Vorstellungen
Filmkritik
Nicholas Ray spielte in Wenders` "Der amerikanische Freund" (1977 (fd 20376)) einen Bilderfälscher, der als tot gilt - eine süffisante Rolle für einen der wenigen amerikanischen Regisseure, die es verstanden, Geschichten mit (Kino-)Bildern zu erzählen. Dieser Film war wohl auch eine Reminiszenz an Ray, vor allem an dessen bewußt angewandte Farbdramaturgie, ein Umspielen der alarmierenden Signal-Farbe Rot. Aus der gemeinsamen Arbeit dieser Zeit war eine Freundschaft entstanden, die man über das Medium Kino erahnen kann. Auf der einen Seite der Hollywood-Veteran, der sich innerhalb der Filmindustrie stets als ein Fremder fühlte und sein Mißtrauen in zerbrechlichen, bedrohten Kinofiguren formulierte, auf der anderen Wenders, der sich als ein ebenso sensibler Beobachter von menschlichen Verletzlichkeiten und Ängsten erwiesen hat. Als beide im April 1979 zusammentrafen, wußten sie, daß dies die letzte Begegnung sein würde: Ray war an Krebs erkrankt, hatte drei Operationen hinter sich und nur noch wenige Wochen zu leben. Aber er hatte nicht die Absicht, in seiner New Yorker Wohnung den Tod zu erwarten, sondern beschloß, gemeinsam mit Wenders einen Film zu drehen. Dieser Film im Angesicht des Todes wurde für Ray zu einer Rekapitulation, zur endgültigen Suche nach Selbstachtung. Darüber hinaus wurde dieser letzte Versuch, eine Geschichte zu erzählen, zu einer grüblerischen Auseinandersetzung mit Bildern, die auch stets Momente der unmittelbaren Wirklichkeit erkennen lassen. Daraus erwächst für den immer verwirrteren Wim Wenders, konfrontiert mit dem Sterben seines Freundes - Vorbild und Vaterfigur -, ein besonderes Verantwortungsgefühl.
"Nick`s Film" versucht, die Geschichte Rays als eigene Kinogeschichte zu thematisieren. Dabei kommt der Film mit wenigen Handlungsfäden aus, beschreibt Wenders` Ankunft in New York, Gespräche in Rays Wohnung, einen Vortrag Rays in einem College, Rays Arbeit an seinem Film " We can`t go home again" und an einer Kafka-Adaption fürs Theater, Gespräche mit ihm im Krankenbett. Als Summe ergeben sie ein irritierendes Mosaik unterschiedlicher filmischer Einflüsse, das zwar jederzeit den Eindruck bewußter filmischer Gestaltung vermittelt, diese aber stets in Frage stellt. Inwieweit es möglich ist, sich durch eine fiktive Geschichte Distanz zur persönlichen Betroffenheit zu verschaffen, wird zur zentralen Frage des Films. Jene Sequenzen, die eindeutig als die von Wenders inszenierten zu erkennen sind, scheinen dabei die Geschichte um Ray auf diese weitere Ebene zu heben. Wenders umgeht die Gefahr, Rays Sterben als Voyeurismus auszubeuten und bekennt sich zu seinen eigenen Schwierigkeiten im Umgang mit der Inszenierung von Bildern, die die bisher gesteckten Grenzen überschreiten. Der Film beginnt mit einer Einstellung, die (fast identisch in Kamerawinkel und Farbgebung) ebenso am Anfang von "Der amerikanische Freund" steht: Vor einem Haus in New York hält ein gelbes Taxi, aus dem aber nicht Dennis Hopper, sondern Wenders selbst steigt. Sein Ziel jedoch ist der selbe Mann, Nicholas Ray. Es folgen kontraststarke, farbintensive Bilder, die sich oft auf Rot konzentrieren. Plötzlich wird diese Sicht der Geschichte unterbrochen, als das unscharfe Bild einer Videokamera einmontiert wird, die nun Rays Gespräch mit Wenders beobachtet. Solche Brüche bestimmen die Organisation des Films.
In erster Linie ist "Nick`s Film" zwar eine Auseinandersetzung mit der starken Persönlichkeit Rays, der den Arbeitsprozeß als große Erleichterung betrachtet. Seine Krankheit und der durch sie verursachte Verfall machen betroffen, aber Rays Konzentration angesichts des nahen Endes bewirkt ein Gefühl der Anerkennung und Bewunderung. Aber der Film ist darüber hinaus auch ein Film über Wenders, seine Auseinandersetzung mit seinem Vorbild und über seine neuen, teils schmerzhaften Erfahrungen durch diesen Film. Sein Subjektbegriff scheint dabei geprägt durch seine Rolle innerhalb der amerikanischen Filmindustrie, für die er jetzt arbeitet ("Hammett") und zu deren Apparat er Distanz sucht. Es wird interessant sein, nach dieser beeindruckenden Kraftanstrengung Wenders amerikanische Filme zu sehen.

