Szene aus Nilas Traum im Garten Eden
Filmplakat von Nilas Traum im Garten Eden

Nilas Traum im Garten Eden

98 min | Drama, Dokumentarfilm | FSK 12
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Ich bin in Maschhad geboren und habe bis zu meinem 18. Lebensjahr dort gelebt. Leyla Biouk war eine Mitschülerin. Was mich an Leyla und Nilas Geschichte beschäftigt ist, dass ein großer Teil der Gesellschaft und auch das Gesetz in Iran immer die Frau als schuldig empfindet. Es gibt sogar Gotteshäuser, die für die Zeitehe oder für Prostitution benutzt werden können, aber die Frauen zahlen den Preis dieser Freiräume. Und immer wieder erklären die Familien bei einer Vergewaltigung ihre eigenen Töchter für schuldig und bestrafen diese für das erfahrene Leid. Diese Vorkommnisse wirken surreal und unglaublich und doch ist es die bittere Realität in einer der größten schiitischen Pilgerstätte des Nahen Ostens. Der Film handelt nicht von einer strikten Religion, sondern von einer selbstverachtenden Gesellschaft. Es geht um die tief verwurzelte Doppelbödigkeit und Frauenfeindlichkeit in der iranischen Gesellschaft, welche nicht nur einen religiösen und politischen Ursprung hat, sondern viel mehr kulturell bedingt ist. Über Jahrzehnte wurde eine Tradition des Hasses gegenüber Frauen etabliert und diese bestimmt den alltäglichen Umgang. Der Film offenbart die komplexen Zusammenhänge der iranischen Gesellschaft und dem dahinter stehenden Wertesystem und zeigt die verschiedenen Seiten. (Quelle: Verleih)

Filmkritik

In Maschhad liegt der achte schiitische Imam Reza begraben, was die zweitgrößte Stadt des Irans zu einem religiösen Zentrum macht. Jedes Jahr reisen mehr als 20 Millionen Pilger und Touristen dorthin. Aber nicht alle Besucher des heiligen Schreins suchen spirituelle Erbauung. Viele schauen sich auch nach Partnerinnen auf Zeit um. Denn die nach geltendem Recht legale Sigheh-Ehe erlaubt es schiitischen Iranern, neben ihrer regulären Ehe zusätzliche Zeitehen mit bis zu vier Frauen zu führen. Dabei sind Zeiträume zwischen einer Stunde und 99 Jahren erlaubt. Die eigentliche Ehefrau braucht nicht informiert werden. Per Vertrag müssen hingegen Zeitraum und Mitgift fest vereinbart sein. „Nilas Traum im Garten Eden“ ist ein intimer Film über diese rechtliche und moralische Grauzone.

Leyla Biouk ist eine der Frauen, die solch eine Sigheh-Ehe eingegangen ist. Ihre Tochter Nila ist jetzt sechs Jahre alt und braucht, um an einer Schule aufgenommen zu werden, eine Geburtsurkunde. Doch der Vater hat sich bisher strikt geweigert, eine schriftliche Erklärung zu Vaterschaft und Sorgeverhältnis abzugeben. Leyla schaltet einen Anwalt ein. Doch mehrere Gerichtstermine verstreichen, weil der Zeitehepartner nicht kommt. Als er dann doch reagiert, beschimpft er Leyla am Telefon, droht, sie „mit Säure zu überschütten“ und ihr das Kind wegzunehmen.

Die Drohungen werden konkreter

Regisseurin Niloufar Taghizadeh lebt seit 1996 in Deutschland. Sie hat mehrere Filme und Dokumentationen über iranische Themen gemacht. „Nilas Traum im Garten Eden“ ist ihr bislang persönlichster Film. Mit der Protagonistin Leyla ist Taghizadeh in Maschhad gemeinsam zur Schule gegangen. Jetzt begleitet sie Leyla bei Behördengängen, wird zur Zeugin der Drohanrufe ihres Zeitehen-Ex-Mannes und der Telefonate mit dem Rechtsanwalt. Tatsächlich hält Leyla nach einem endlosen Kampf mit der Bürokratie die Geburtsurkunde ihrer Tochter in der Hand; doch nun droht der Vater immer konkreter, ihr das Kind wegzunehmen.

„Nilas Traum im Garten Eden“, der zum Teil undercover gedreht wurde, blickt hinter die Kulissen des islamischen Gottesstaates. Erwartungsgemäß geht es hier mit Doppelmoral und starkem Druck zu. Die Eindrücke, die Taghizadeh aus dem Iran zeigt, sind aber nicht nur schwarz-weiß. Abseits des öffentlichen Raumes nehmen sich Leyla und ihre Tochter die Freiheit, von einer besseren Zukunft zu träumen. Auf Partys hinter verschlossenen Türen wird verhalten getanzt, der Rechtsanwalt bleibt, wenn auch mit Hilfe von schwarzem Humor, optimistisch. Und zwischen Drohnenaufnahmen vom heiligen Schrein und einem Rundgang über den städtischen Rummelplatz bekommt man durchaus einen Eindruck davon, warum Maschhad für Touristen und Pilger so attraktiv ist.

Immer schwingt eine Portion Angst mit

Doch wenn die Kamera das fast symbiotische Zusammenspiel von Mutter und Tochter zeigt, schwingt stets auch eine Portion Angst mit. Leyla würde alles für ihre Tochter tun, sogar illegal über die grüne Grenze gehen. Allerdings würden sie die Schlepper wahrscheinlich vergewaltigen. Und die Taxifahrerin, die die beiden einmal zur Kirmes bringt, ist auch nicht mehr bereit, „in den Norden“ zu fahren.

Indes reift Nila immer mehr zur Frau heran. Schon bald wird sie „Aufmerksamkeit auf sich ziehen“, was, wie Leylas Zeitehen-Geschichte zeigt, für Frauen im Iran meist von Nachteil ist. Der Film dokumentiert auf einer persönlichen Ebene den Dauerstress im Kampf mit einer empathielosen Bürokratie und einem Gesellschaftsverständnis, das Frauen kaum Spielräume zur Entfaltung lässt. Am Ende sitzen Leyla und Nila auf gepackten Koffern. Doch die Hoffnung bleibt bang.

Erschienen auf filmdienst.deNilas Traum im Garten EdenVon: Bernd Buder (4.4.2024)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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