Vorstellungen
Filmkritik
Etwas inkonsequent springt einem vom Plakat neben den Namen der beiden Hauptdarsteller der Name Godards in Auge, denn weder im Vor- noch Nachspann des Films wird ein Regisseur, bzw. Autor genannt. Godard sieht sich eigenem Bekunden nach nur als Organisator des Filmmaterials und der Zitate. Denn alles, was im Film zu hören ist, stammt aus seinen Lieblingsromanen und denen seines Assistenten. Hinzu kommen Sätze, die er irgendwo aufgeschnappt und behalten hat. Nun hieß es, die Zitate mit den Bildern zu kombinieren, in die Geschichte einzubetten, und die ist sehr dünn: Eine schöne, reiche, junge adlige italienische Großindustrielle liest auf der Landstraße ein Unfallopfer auf (oder war er einfach nur vom Wandern erschöpft?), nimmt ihn mit nach Hause, stellt ihn ein und macht ihn zu ihrem Geliebten. Aber da er ihrer Liebe gegenüber eher gleichgültig bleibt, läßt sie den Nichtschwimmer bei einem Bootsausflug ertrinken. Wenig später steht sein Zwillingsbruder (oder ist er es selbst?) vor der Tür. Das Spiel beginnt von neuem. Nur ist diesmal er der Dominierende. Und wieder gibt es einen Bootsunfall, nur fällt sie ins Wasser - und er reicht ihr nach einigem Zögern die rettende Hand. Natürlich erzählen weder die Bilder noch die Schauspieler diese Geschichte, sie läßt sich mehr zwischen den Zeilen erahnen. Godard hat hier mit letzter Konsequenz seine Not, nicht inszenieren zu können, zu einer Tugend hochstilisiert, was für den Zuschauer zu einem verwirrendenden Rätselspiel wird. Der Meister wirft einen Stein ins Wasser und wartet ab, welche Kreise er zieht. Das sieht und hört sich dann so an: Die Gärtnersfrau putzt die Fenster, während sie den schönen Satz spricht: "Sie ist versprochen, zum Glück, doch was für eine Unterfangen, bei einer Versprochenen Liebhaber zu sein." Ein Schalk, der Tiefsinniges dabei denkt, denn Godard läßt ihren Mann irgendwann die Antwort sagen: "Laß für einen Augenblick die Dinge ohne Namen." Ein Zwischentitel macht es noch deutlicher: es sind die Dinge und nicht die Worte. Und die Dinge, das sind eine Villa in einem gepflegten Garten, luxuriöse, schicke Interieurs, Luxuslimousinen, Bäume, ein See, aber auch die Menschen, die ähnlich wie in der Schlußszene von Truffauts "Fahrenheit 451" Literatur deklamierend durch die Gegend laufen - nur, daß sie hier nicht wissen, was sie sagen, daß es selten einen Zusammenhang zu ihrem Verhalten, geschweige denn zu der rudimentären Handlung hat. Die Personen, selbst der mit traurigem Dackelblick wie sein eigenes Denkmal durch den Film geisternde Alain Delon, wirken lebloser als die Kamera, die fast zur Hauptperson in diesem "Kreuzworträtsel" wird. Wie sie elegant durch die Wälder gleitet, die Personen wie ein Weggefährte begleitet, immer wieder die im heutigen Kino so ungewöhnlich gewordenen Totalen sucht, das hat schon eine optische Faszination, auch wenn es wie am Reißbrett entworfen aussieht. Die Worte stören da eher, es sei denn, man schließt die Augen, überhört die Banalitäten und wartet auf die Poesie: "Die Erinnerung ist die einzige Hölle, zu der wir in aller Unschuld verdammt werden." Dann bringt die dreimalige Anfrage des Chauffeurs "Wurden Sie schon einmal von einer toten Biene gestochen?" (zitiert nach Howard Hawks` "Haben und Nichthaben") den Zuschauer auf die Nonsense-Ebene des Godardschen Konzepts zurück.
Godard, der Ende der 50er Jahre die "Nouvelle Vague" mit aus der Taufe gehoben hatte, der angetreten war, die Improvisation in die Regiekunst einzubringen, der Inszenierung und Dokumentarismus versöhnen wollte, markiert nun den nur noch selbstgefällig und bisweilen arrogant wirkenden intellektualisierten Endpunkt einer Entwicklung, die am Zuschauer vorbei Formen um ihrer selbst willen zelebriert. Aber wie der Meister so schön selbst sagt: "Eins, zwei, drei, die Kunst ist frei."

