Nur ein kleines bisschen Glück










- Veröffentlichung10.09.2026
- RegiePascal Elbé
- ProduktionFrankreich (2025)
- Cast
- IMDb Rating5.4/10 (260) Stimmen
Vorstellungen
Filmkritik
Wie überlebt man eine Okkupation möglichst komfortabel? Wie entkommt man Armut, Arbeitslosigkeit und Fronteinsatz? Der Film „Nur ein kleines bisschen Glück“ versucht darauf eine Antwort: indem man sich als Angehöriger einer zwar neidvoll verhassten, aber auch angeblich cleveren Minderheit ausgibt, die wegen ihrer Netzwerke immer gut davonkommt. Davon ist Jean Chevalin (Benoît Poelvoorde), der 1940 nach nur einem Tag in der französischen Armee desertiert, unter dem Einfluss des grassierenden Antisemitismus überzeugt. Seine resolute Frau Paulette (Audrey Lamy), die mit dem gemeinsamen Sohn Marcel (Louis Lagorce Douce-Doussière) in einem von deutschen Truppen besetzten Gebiet lebt, ist über die Rückkehr ihres drückebergerischen Gatten nicht gerade begeistert. Sie fürchtet Anfeindungen ihrer Nachbarn, Denunziation und eine drohende Verhaftung.
Mit gefälschten Papieren & Judenstern in die freie Zone
Als Jean in einer Gaststätte Gespräche über Juden aufschnappt, die auf dem Schloss einer Adligen versteckt und bei der Flucht unterstützt werden, erscheint es ihm verlockend, durch einen Identitätswechsel in den Genuss solcher Vorteile zu kommen. Auf diese Weise hofft er leichter in die freie Zone zu gelangen. Auch wenn das bedeutet, dass er sich einen Judenstern annähen muss. Der ebenso einfältige wie durchtriebene Opportunist besorgt sich gefälschte Papiere und nennt sich fortan Jacob. Aus Paulette wird Sarah, und aus Marcel Joseph. Durch zufällige Begegnungen mit jüdischen Flüchtlingen gelingt es der Familie, in das Schloss der adligen Helferin zu gelangen. Das riskante Manöver gelingt zwar, entpuppt sich jedoch als Falle, denn es führt ins Zentrum einer Widerstandszelle, die von ihrem neuen Schützling die Ausführung eines Bombenattentats erwartet.
Das gewagte Drehbuch auf den Spuren von „Das Leben ist schön“ (1997) stammt von Pascal Elbé, der auch den jüdischen Friseur Sam Goldstein spielt, den Jean erst hereinlegt und damit die Ursache ist, dass dieser von seinem kleinen Sohn getrennt wird. In der Folge bekämpft Jean aber gemeinsam mit Goldstein wider Willen Nazis, beäugt französische Kollaborateure, die ihm seit der Kindheit bekannt sind, plötzlich als gegnerische Nutznießer, erlernt jüdische Feiertagsrituale und schafft es im Finale auf wundersame Weise bis nach Palästina. Seine Vorurteile legt er allerdings erst ab, nachdem er auf jüdische Menschen getroffen ist, die sich in Kellern versteckt halten und verzweifelt nach Angehörigen suchen, die deportiert wurden.
Absurdität und Situationskomik
Der Humor entsteht durch das Gefälle zwischen der Ahnungslosigkeit der Hauptfigur und dem Wissen des Publikums. Die Absurdität und Situationskomik des Plots erinnern auch an die tschechische Tragikomödie „Wir müssen zusammenhalten“ (2000) von Jan Hřebejk, dessen schwarzer Humor indes im Rahmen einer Holocaust-Erzählung weit besser ausbalanciert war als manche klamottenhafte Szene in „Nur ein kleines bisschen Glück“, wenn Benoît Poelvoorde etwa im Spiegel grimassierend Propaganda-Stereotypen einer jüdischen Physis zu entsprechen versucht. Oder wenn er auf der Flucht auf deutsche Verfolger trifft, die direkt aus dem französischen Kriegskomödien-Klassiker „Die große Sause“ (1966) entstammen könnten.
„Nur ein kleines bisschen Glück“ kann sich auf Benoît Poelvoorde als Antiheld verlassen, der die Wandlung seiner Figur vom hochstapelnden Verlierer zum mitfühlenden Lebensretter mehr als glaubhaft verkörpert. Ohne ihn wäre das Porträt des antisemitischen Frankreichs unter Vichy an der mitunter schwer verdaulichen komödiantischen Umsetzung gescheitert, zumal auch die emotionalisierenden Momente des Dramas zu konventionell inszeniert sind und leisere Töne nur am Rande vorkommen. Als Satire, die Funktionsweisen von Vorurteilen seziert, hätte der Stoff durchaus Potenzial besessen, wenn er dieses aufklärerische Konzept ins Zentrum gerückt hätte. Als Mixtur aus Kriegsfarce, Gesellschaftssatire, Tragikomödie und emotionalem Historiendrama geht der hybriden „Éducation sentimentale“ hingegen frühzeitig die Luft aus.

