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Filmkritik
Das Sprichwort „Die halbe Wahrheit ist auch nur eine ganze Lüge“ ist eines, das sich einwandfrei auf das Historiendrama „Palästina 36“ von Annemarie Jacir anwenden lässt. Mit ihrer fiktionalen Erzählung vom arabischen Aufstand des Jahres 1936 in Nahost will die Regisseurin von der Geburtsstunde der palästinensischen Nationalbewegung erzählen, vom antikolonialen Widerstand gegen die britische Mandatsherrschaft, vom Gründungsmythos und palästinensischen Freiheitskampf, der bis in die Gegenwart hinein seine Fortsetzung findet.
Der Anschein von Wirklichkeitsnähe
Dafür bemüht die Filmemacherin auch Archivmaterial, nachkolorierte Originalaufnahmen aus den 1930er-Jahren, welche das städtische Leben in Jerusalem und in den Gebieten des heutigen Westjordanlandes zeigen. Aufnahmen, deren dokumentarische Authentizität sich mit den fiktionalisierten Bildern der Inszenierung mischen – ein filmisches Mittel, das auch den Imaginationen Jacirs und ihrer kreativen Mitstreiter den Anschein von Wirklichkeitsnähe und historischer Wahrhaftigkeit verleihen soll. Womit bereits das ganze Problem des filmischen Unterfangens offenbar wird.
Jacirs Historienfiktion macht keinen Hehl daraus, eine entschieden subjektive Erzählung zu sein. Das Ansinnen der Regisseurin ist es, einen Film aus radikal einseitiger Perspektive zu schildern – der Perspektive arabischer/palästinensischer Figuren zur Zeit der britischen Mandatsmacht, die besonders in den 1930er-Jahren – aber nicht erst seitdem, sondern damals schon seit vielen Jahrzehnten – von der Einwanderung jüdischer Flüchtlinge nach Nahost geprägt war. Eine einseitige Perspektive ist im fiktiven Erzählen des Kinos an und für sich noch keine gestalterische Sünde. Gerade das Kino darf und soll auch radikal subjektiven Positionen einen Raum verschaffen. Ästhetische Entscheidungen dürfen einseitig, vielleicht auch unfair sein. Das Problem fängt da an, wo eine solch zugespitzte Perspektive als Wiedergabe von Wirklichkeit verkauft wird –sei es durch pseudodokumentarische Bemäntelung oder sei es nur durch die hohe Kunst der Auslassung, welche die Regisseurin Jacir tatsächlich formvollendet beherrscht.
Ein Dorf inmitten der Hügel
So findet sich gleich zu Beginn ihres Films eine Szene, in der eine arabische Mutter gemeinsam mit ihrer Tochter eine Gruppe jüdischer Emigranten bei ihrer Arbeit beobachtet, das karge Land zu bestellen. Die Szene spielt nahe des hauptsächlichen Handlungsortes, eines arabischen Bauerndorfes inmitten der Hügel des heutigen Westjordanlandes. Dort in den biblischen Stätten ließen sich jüdische Flüchtlinge seit den 1880er-Jahren nieder, die vor den Pogromen im zaristischen Russland, später vor der Verfolgung und Vernichtung in Mitteleuropa flohen. Als das Kind angesichts der zum Schutz Eingezäunten – denn wie im Heiligen Land waren Juden in der gesamten Region des Nahen Ostens Verfolgung und Gewalt ausgesetzt – fragt, warum diese Menschen hier seien, erwidert die Mutter: „Ihre Länder wollen sie nicht.“ Als das Mädchen nachfragt, warum das so sei, sagt die Mutter, das wisse sie nicht. In der Folge ist das Auftreten der britischen Kolonialmacht zu erleben: brutal, rücksichtslos, menschenverachtend.
Annemarie Jacirs Film verschanzt sich hier hinter der naiven Sicht einer der handelnden Figuren und dem unschuldigen Mutter-Tochter-Paar. Tatsächlich ist die erzählerische Haltung Jacirs im besten Fall eine des erzählerischen Dummstellens, im schlimmsten eine der bewussten Zuschauermanipulation. Denn auch die Regisseurin dürfte wissen, dass es gute Gründe für jüdische Migration in den Nahen Osten gab, zu denen neben der Verfolgung natürlich auch die jüdischen Wurzeln in der Region zählen. Anders als die arabischen Bewohner, die in Jacirs romantisierender Inszenierung nahe am Kitschbild als Autochthone gezeigt werden, die der heiligen Erde der Region entstiegen zu sein scheinen, wirken Juden in den paar Aufnahmen, in denen sie zu sehen sind, wie importierte Fremdkörper – Eindringlinge, westliche Kolonialisten, die keinerlei natürliche Verbindung zu Land und Region aufweisen.
Ein Aufstand ohne Auslöser
Konsequent erzählt das handwerklich solide und, wenn es sich mit seinem historischen Gegenstand, dem arabischen Aufstand der Jahre 1936 bis 39, befasst, effektiv inszenierte Drama vom Kampf der erwachenden palästinensischen Nationalbewegung gegen die britische Mandatsmacht. Was „Palästina 36“ an dieser Stelle ausspart, ist der Beginn der gewalttätigen Auseinandersetzung, die sich klar gegen die wachsende jüdische Bevölkerung richtete – eine Bevölkerung, die mitnichten nur, wie es der Film darstellt, vor Verfolgung in Mittel- und Osteuropa floh, sondern auch vor Pogromen und Diskriminierung quer durch den Nahen Osten. Jacir zeichnet von diesen Hintergründen nicht nur ein unzureichendes Bild, sie spart die jüdische Perspektive in ihrem Film vollends aus. Außer ein paar Aufnahmen europäisch anmutender Einwanderer kommt in ihrem Kinofilm keine einzige sinnvolle jüdische Sprecherrolle vor. Man stelle sich vor, eine US-amerikanische, deutsche oder gar israelische Produktion machte sich eine derartige Eindimensionalität zu eigen – Kritiker würden wohl monieren, dass arabische respektive palästinensische Stimmen zum Verschwinden gebracht würden.
Jacir verpasst ihren arabischen Zentralakteuren – ein Bauernsohn, den es in die Großstadt zieht, aufständische Kämpfer, ein Großmütterchen, eine Journalistin – ein durchgehend wohlwollendes Bild. Lediglich ein arabischer Verleger, der mit den Zionisten zu paktieren scheint, erhält eine halbwegs ambivalentere Zeichnung. Doch auch er findet am Ende zur guten Sache der palästinensischen Nationalbewegung zurück, deren teils gewalttätige Ausprägung in „Palästina 36" eine Rechtfertigung wie Nobilitierung erfährt. Sinnbildlich eine Szene, in der eine arabische Frau in der Altstadt von Jerusalem einem Jungen zuzischt: „Erschieß ihn, anstatt ihm die Schuhe zu putzen.“ Gemeint ist ein britischer Mandatspolizist.
Politischer Kitsch und überlegte Auslassungen
Jacir zeichnet in ihrem Film eine Ikonografie des gewalttätigen Widerstands, der bis in die Bildsprache der heutigen „Pro-Palästina“-Bewegung inklusive ihrer Slogans reicht. Ihr politischer Kitsch, in den sie bildsprachlich wie ideell verfällt, ist dabei nicht deshalb anrüchig, weil er so hochgradig einseitig ist. Man kann einseitig und dabei doch wahrhaftig erzählen, gerade auch über den Nahostkonflikt – man denke etwa an den israelischen Filmer Samuel Maoz und sein erschütterndes Kriegsdrama „Lebanon“ oder an Yuval Adler und Ali Wakad und ihr vielschichtiges Drama „Bethlehem“. Jacir aber weigert sich, auch nur einer ihrer zentralen palästinensischen Figuren eine fragwürdige, irritierende oder zweifelhafte Facette und Charakteristik zu verleihen.
Auch bei der Darstellung der palästinensischen Führung erweist sich die Regisseurin als großzügig geschichtsglättend beziehungsweise einmal mehr in ihrer Kunst der überlegten Auslassung. Statt des arabischen Anführers Hajj Amin al-Husseini, des Großmuftis von Jerusalem, späteren Hitler-Gasts und Naziverstehers, gibt es bei Jacir lediglich ein nebulöses „Nationalkomitee“, das verantwortlich für die als vortrefflich dargestellte Nationalsache zeichnet. Das asymmetrische Bild, das Jacir von der Gewalt in der Region zeichnet, zeigt jüdische Extremistengewalt gegen Araber, lässt arabische Gewalt gegen Juden jedoch vollständig aus. Gewalttätige Auseinandersetzungen finden ansonsten nur zwischen arabischen Kämpfern und britischen Soldaten statt.
Kopfschüsse, Sprengungen und Morde
Ein Zerrbild von einem Bösewicht liefert Jacir überdies mit dem holzschnittartigen, irren Captain Wingate, dessen reales Vorbild sich tatsächlicher schwerer Verbrechen schuldig gemacht hat. Dass er aber mutwillig einen Unschuldigen per Kopfschuss hinrichtet, ist Jacirs Fiktion, genau wie die Sprengung eines vollbesetzten Busses durch die Mandatsmacht, das In-die-Luft-Jagen eines Heims mit einem alten Ehepaar darin sowie der Mord an einem christlich-palästinensischen Priester, der später von seinem Sohn gerächt wird. Der Landerwerb jüdischer Siedler wird ausschließlich als brutale, militärische Landnahme geschildert und nicht, wie es in der Wirklichkeit war, durch überwiegend legale Käufe, bei denen arabische Bauern ihr Gut an jüdische Einwanderer weitergaben.
Ein tatsächlich der Wahrhaftigkeit verpflichteter Film hätte sich zu dieser Praxis und ihren soziokulturellen wie -ökonomischen Folgen verhalten können. Doch an derartige Feinheiten verschwendet die Filmemacherin lieber keine kostbaren Kameraminuten. Die weiß sie zum Schluss hin stattdessen mit allerlei Agitprop für ein aktivistisch geneigtes Publikum zu füllen – sloganhaft wie fahnenschwenkend.
„Palästina 36“ sei ein Film, sagen Jacir und ihr Produzent Ossama Bawardi in einem Presse-Statement, „von dem wir hoffen, dass er Kindern in Schulen gezeigt wird“. Hoffentlich bleibt das den armen Kindern erspart.










