Vorstellungen
Filmkritik
Ein Gassenhauer jagt den nächsten, wenn der Mittfünfziger Rick (Paul Rudd) mit seiner Band eine Hochzeitsgesellschaft zum Ausrasten bringt. Als der Frontmann jedoch als Reminiszenz an seine verhinderte Musikerkarriere einen selbst geschriebenen Song präsentiert, leert sich die Tanzfläche umgehend. Um einen Hit zu landen, scheint dem nach Irland ausgewanderten, in bescheidenen Verhältnissen lebenden US-Amerikaner etwas Entscheidendes zu fehlen. Von seinem Bandkollegen wird Rick deshalb daran erinnert, dass er als Hochzeitsmusiker lediglich eine „menschliche Jukebox“ sei.
Verbrüderung bei Bier, Gras und Musik
Mit dem zwanzig Jahre jüngeren Danny (Nick Jonas) verhält es sich ganz anders. Der war einst Mitglied bei einer erfolgreichen Boyband und obwohl er gerade Startschwierigkeiten bei seiner Solo-Laufbahn hat, zehrt er immer noch vom alten Ruhm. Nachdem er sich als Hochzeitsgast mit Rick spontan die Bühne teilt, verbrüdern sich die beiden Männer anschließend bei Bier, Gras und Musik. Regisseur John Carney widmet sich diesem harmonischen Aufeinandertreffen ungewöhnlich lange und detailliert. Dass der Jüngere schon große Stadien bespielt hat und der leicht verbitterte Ältere denkt, früher wäre alles besser gewesen, ist dabei schnell vergessen. Während sie über musikalische Vorlieben, Schreibblockaden und Frauen sprechen, begegnen sie sich ganz auf Augenhöhe.
Eine Weile glaubt man, „Power Ballad - Der Song meines Lebens“ ginge es tatsächlich nur um eine unterschiedliche Generationen und Lebensentwürfe verbindende sowie explizit männliche Musikbegeisterung. Doch kaum sind der Rausch und die Euphorie verflogen, ist der tiefe Graben zwischen dem nicht einmal von seiner Frau und Tochter richtig ernst genommenen Altrocker und dem in allerlei Abhängigkeiten einer millionenschweren Musikindustrie gefangenen Danny umso sichtbarer. Denn bald läuft im Radio Dannys neuer Solo-Hit, der fast identisch mit jenem Song ist, den Rick dem jungen Musiker in besagter Nacht vorspielte.
Wertschätzung in einer sich verändernden Welt
Fehlte es „Power Ballad“ anfangs noch an einem zentralen Konflikt, versucht der erfolglose Hochzeitsmusiker nun ebenso erfolglos für Gerechtigkeit zu sorgen, worauf er nacheinander seinen Job verliert und seine Ehe gefährdet. Rick und sein Umfeld werden dabei betont bodenständig porträtiert. Es sind Menschen, die nicht ihre großen Träume leben, sondern nach Wertschätzung in einer sich ständig verändernden Welt suchen, die sie oft nicht mehr richtig verstehen. Der Film ist eine nostalgiegetränkte, teilweise sentimentale Feel-Good-Komödie, in der sich Rick schließlich auf einen aussichtslosen David-gegen-Goliath-Konflikt einlässt. Aber ganz so einfach macht es sich Carney dann doch nicht.
Zweifellos liegen die Sympathien des Films eher bei Rick und seinem auf Authentizität pochenden, in die Vergangenheit weisenden Musikverständnis als bei dem von äußerem Druck in die Ecke gedrängten Danny. Wenn der Familienvater gegen eine seelenlose Musikindustrie in den Ring steigt, wirkt das zunächst ein wenig altbacken und selbstgerecht, doch „Power Ballad“ gelingt es zugleich, interessante Fragen aufzuwerfen, ohne eindimensionale Antworten darauf zu geben. Etwa wo Inspiration endet und das Plagiat beginnt. Sogar Rick selbst muss sich eingestehen, dass Danny aus dem geklauten Song etwas Neues gemacht hat und der Film plädiert zwar insgeheim für glaubwürdige Musik, räumt aber ebenso ein, dass Pop immer auch eine Frage der Verpackung ist.
Vor allem die Zwischentöne sind interessant
Vor allem die Zwischentöne in „Power Ballad“ sind interessant, weil sie präzise das jeweilige Dilemma der beiden Gegenspieler betonen. Während es Danny an der Erfahrung oder emotionalen Tiefe mangelt, um einen wahrhaftigen Song zu schreiben, ist Rick unfähig, seine Songwriter-Qualitäten so zu vollenden, dass sie ein großes Publikum erreichen. Zu Beginn gibt ihm Danny einige kleine, aber entscheidende Ratschläge: Statt von einem Vorort, den niemand kennt, soll Rick lieber von Dublin singen und die Kraftausdrücke tilgen, weil ein familienfreundlicher Song ungleich reichweitenstärker ist. Auf der einen Seite steht ein junger Profi ohne Privatleben, auf der anderen ein emotionaler Typ, der seine Familie der Karriere vorgezogen hat. Seine Geschichte spitzt der Film auf solche Gegensätze zu, lässt aber Raum für Widersprüche.
„Power Ballad“ klammert etwa nicht aus, dass Ricks Streben nach authentischer Musik auch überheblich ist, weil er die Kraft von Musikproduktion und Vermarktung unterschätzt. Und folgt seine Arbeit als Hochzeitsmusiker letztlich nicht derselben Marktlogik wie Dannys Radio-Hits, nur eben ein paar Nummern kleiner? Einer der stärksten Momente des Films ist eine Art finales Duell zwischen den beiden Männern, bei dem sie sich ihre Schwächen entwaffnend ehrlich ins Gesicht brüllen. Um das große Glück kann es in so einem Film nicht gehen, vielmehr darum, in einem von Kompromissen geprägten Leben mit sich im Reinen zu sein. Nach all den Streitereien, wie der Hit-Song nun wirklich gemeint ist, lenkt Carney die Aufmerksamkeit am Ende versöhnlich auf die Hörer: Die entscheiden nicht nur über den Erfolg eines Songs, sondern interpretieren ihn auch sehr unterschiedlich.










