Salz und Wasser










- Veröffentlichung20.08.2026
- RegieInes Reinisch
- ProduktionDeutschland (2025)
- OriginalspracheDEUTSCH
Vorstellungen
Filmkritik
Von der kühlen Abstraktion zur menschelnden Konkretion. Die ersten Minuten von „Salz und Wasser“ versprechen viel. Ein unbestimmtes Brummen und Wummern, vielleicht „Field Recordings“, vielleicht elektronisch nachbearbeitet. Die Kamera beginnt mit monochromen Bildern in Grau-Weiß. Strukturen geraten in den Blick, Risse und Verdichtungen. Dann Farben: erst grau-blau, dann dank der Schiffsaufbauten grün, rot-orange und gelb. Schließlich morpht der Sound in ein donnerndes metallisches Krachen, wenn Eis vom Schiff gebrochen wird. Eine Totale mit Konturen einer Landschaft, im Dunst ist die Sonne zu sehen. Dazu eine Stimme, flüsternd: „Wir Menschen sind zu weit weg, zu weit weg von allem.“
Auf zehnwöchiger Expedition zu einem Ort der Superlative
Die ambitionierte Montage des Prologs verspricht eine Mischung aus Essayfilm mit pointierten Off-Kommentaren und abstrakten Soundscapes, die einem produktiven Zuschauer etwas von der Faszination der Antarktis vermitteln kann. Doch mit dem Titel „Salz und Wasser“ ändert der Film von Ines Reinisch seinen Tonfall. Zu Klaviermusik hebt ein Flugzeug ab und die Filmemacherin kommentiert aus dem Off, dass sie jetzt gerade zur „größten Reise meines Lebens“ aufbricht. Mit weiteren „93 Seelen“ (Reinisch) geht die Filmemacherin auf eine zehnwöchige Expedition in die Ostantarktis an Bord des Forschungsschiffes Polarstern. Reinisch fragt: „Was werden wir auf dieser Reise erleben? Wird diese Reise mich verändern?“ Sehr besonders sei diese Expedition. „Die Ostantarktis ist wirklich ein Ort der Superlative!“
Schnell wird deutlich: „Salz und Wasser“ ist ein hybrider Film, der essayistisch-impressionistische Sequenzen mit teilweise auch noch kommentierten Interviews mischt, kleine Porträts einzelner Personen einflicht, aber auch didaktische Momente eines Wissenschaftsfeatures zulässt. Der Tonfall changiert zwischen Kurz-Referaten zu wissenschaftlichen oder auch technischen Abläufen, seriösen Reflexionen zur Zukunft des Planeten und einer naiven Begeisterung fürs Dabei-Sein, die mitunter an „Die Sendung mit der Maus“ denken lassen. Da werden dann Besatzungsmitglieder dafür gelobt, „fleißig wie immer“ (Reinisch) zu sein, da werden Bilder von Landschaften von erhabener Schönheit mit einer Musik untermalt, die wenig mehr aussagt, als dass es sich um Bilder von Landschaften erhabener Schönheit handelt.
Angriffe am Eispanzer
Und es gibt ja so viel zu zeigen, zu kommentieren, zu erzählen! Ein erster Helikopter-Flug, ein Besuch im Bauch der Polarstern, ein Besuch auf einer australischen Forschungsstation! Die Forschungsreise der Polarstern gilt der Geschichte und Gegenwart des Antarktischen Zirkumpolarstroms, weil Veränderungen wie eine mögliche südwärtige Verlagerung dieser Meeresströmung den Eispanzer der Ostantarktis angreifen würden, was wiederum globale Folgen in Form eines Anstiegs des Meeresspiegels um circa 50 Meter hätte. Es werden also zu Wasser und zu Land Sedimentproben genommen, dokumentiert und analysiert. Diese „große Erzählung“ der Reise wird im Film runtergebrochen auf eine Vielzahl von mal mehr, mal weniger kommentierten Arbeitsabläufen, wobei die Filmemacherin sehr viel Wert darauflegt, dass die jeweilige Expertise von Wissenschaftler:innen und Besatzungsmitgliedern einander ergänzen und gleichrangig zu bewerten sind.
Als Team agiert hier eine Gruppe bestens ausgebildeter Spezialisten, wobei die Nautiker und Maschinentechniker dafür sorgen, dass die Wissenschaftler:innen ihre Arbeit mit der notwendigen Präzision verrichten können. Am rechten Ort zu sein, bedeutet beispielsweise, dass man die Maschinentechnik der schon älteren Polarstern genau kennt und versteht und in Notfällen auch autonom reparieren kann. Es bedeutet aber auch, als Wissenschaftlerin aus dem Iran Teil eines Forschungsprojekts zu sein, das einem die Möglichkeit und das außerordentliche Privileg verschafft, einen Fuß auf den Boden der Ostantarktis zu setzen. So stehen Momente des individuellen Glücks gegen die Skepsis, was den Befund der Forschungsreise angeht.
Verantwortung für alles
Im Film ist wiederholt von Verantwortung die Rede. Im Sinne von Verantwortung übernehmen und verantwortlich sein. Der Kapitän Felix Lauber findet dafür die Formel: „Verantwortung ist das, was man im Stande ist, zu tun.“ Als Schiffskapitän trägt er die Verantwortung für die Menschen an Bord, für die Umwelt und für das Schiff, was, auch das hat der Film klargestellt, nicht jedermanns Sache ist. Der längere Austausch mit dem Kapitän, der lange nicht vor die Kamera wollte, ist unterfüttert mit Bildern eines sterbenden Gletschers, den es bald nicht mehr geben wird. Ein unübersehbares Zeichen, dass der menschengemachte Klimawandel in der Ostantarktis Prozesse in Gang gesetzt hat, die wohl irreversibel sind.
Bezogen auf das Verständnis von Verantwortung, wie es Felix Lauber formuliert hat, geht es abschließend ums große Ganze mit der Pointe, dass man optimistisch sein kann, dass die robuste Menschheit lernen wird, sich in der veränderten Situation eines zunehmend unangenehmer werdenden Lebens einzurichten. Aus Zwang, es tun zu müssen. Wider diese Einsicht hilft es wenig, wenn die Regisseurin in ihrem etwas zu pathetischem Schlusskommentar noch einmal die losen Enden ihrer Erzählung zusammenführt und der Menschheit den „Schneid“ abverlangt, Verantwortung zu übernehmen.

