Saving Spoonie

87 minDokumentation
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Spoonie, der Löffelstrandläufer, wäre ohne Dr. Christoph Zöckler und eine eingeschworene Gruppe aus internationalen Ornithologen längst ausgestorben. Als wäre das nicht schlimm genug, verläuft die Flugroute des spatzengroßen Watvogels, mit dem sonderbaren Löffelschnabel, von Russland über Nordkorea und China bis nach Myanmar – und somit durch diverse Krisenregionen des letzten Jahrzehnts. Die Arbeit der Task Force ist auch eine politische Herausforderung. Sie verlangt diplomatisches Fingerspitzengefühl bei der Abstimmung mit den Ländern auf der Flugroute. So spiegelt sich in der Tragikomödie über Spoonies Schicksal der Kampf um die bedrohte Vielfalt, in einer zerbrechlich gewordenen Welt.
  • Veröffentlichung25.06.2026
  • Till Harms
  • Deutschland (2026)

Ein Blick in die ihm drohende Zukunft ist der Anfang von Spoonies Geschichte. „Saving Spoonie“ beginnt in einem Museum. Ein einziges Präparat seiner Art, des Löffelstrandläufers (Calidris pygmaea), findet sich hier. Das Kabinett nebenan, das der Museumsleiter im Anschluss öffnet, ist hingegen randvoll: hier lagern Präparate bereits ausgestorbener Vögel.

Auch der Löffelstrandläufer steht kurz davor, in das Nachbarkabinett umzuziehen. Der prominenteste Bewohner hier ist ein trauriges Symbol für das Schicksal der Fauna zu Zeiten der menschlichen Dominanz: Die Wandertaube. Sie war einst eine der verbreitetsten Vogelarten der Welt. Dann entwickelte der Mensch Appetit auf ihr zartes Fleisch, bis 1900 der letzte der einst auf fünf Milliarden lebender Individuen geschätzten Vögel getötet wurde.

Ein kleiner Vogel und tausende Wege auszusterben

Dr. Christoph Zöckler schätzt, dass heute noch 200 bis 300 Individuen des Löffelstrandläufers auf der Erde verbleiben. Regisseur Till Harms begleitet den Biologen und Naturschützer auf seiner Mission, entwirft dabei aber weder ein Porträt des Umweltschützers noch eines des seltenen Vogels, den er vor dem Aussterben bewahren will. „Saving Spoonie“ ist am ehesten ein Porträt des Artenschutzes in einer multipolaren, spätkapitalistischen Welt. Das dazugehörige Grundwissen beginnt nicht von ungefähr mit der veralteten Landkarte, die Zöckler vor der Kamera ausbreitet: Millionenstädte sind darauf verzeichnet – aus heutiger Sicht einige Dutzend zu wenig, wie Zöckler schnell zugibt. Er ergänzt die Brutgebiete und Wanderrouten des Löffelstrandläufers. Spoonie brütet ausschließlich am Watt, zieht von Russland entlang der Pazifikküste bis nach Myanmar. Unterwegs finden sich tausende Wege auszusterben. Habitatverlust, Umweltverschmutzung, Wilderei und natürliche Gefahren, die nicht ausreichend erforscht sind.

Was Zöckler und seine Gefährten aus allen Teilen der Welt dem entgegenzusetzen haben, ist nicht allein die wissenschaftsbasierte Zusammenarbeit mit den Regierungen und Umweltorganisationen der Welt, sondern auch immer wieder ein web-öffentlichkeitstaugliches Profil des kleinen Spoonie. Artenschutz bedeutet immer auch ein Buhlen um Sympathie. Große Vögel haben es leichter: Sie sind eindrucksvoller und einprägsamer als der kleine Strandläufer. Und doch: ein paar gute Fotos, ein guter Kosename – Zöckler nennt Spoonie bei seinen Vorträgen in China den „Panda der Küste“ – und das passende Merchandising (traurig dreinblickende Kuscheltiere, Schlafmasken und Kinderbücher) können tatsächlich ein Umdenken anstoßen.

Umweltschutz vor Industrie-Abfällen

Das Paradebeispiel hier ist einmal mehr China: Wo noch vor wenigen Jahren industrielle Großprojekte geplant waren, blicken Zöckler und seine chinesischen Kolleginnen heute auf einen geschützten Küstenstreifen. Dass das nicht viel mehr als ein Teilerfolg ist, illustriert der Film direkt im Anschluss. Zöckler ist sichtbar belustigt, weil er der Einzige ist, der nicht in Gummistiefeln durch das Watt watet. Ob der Boden vergiftet sei, fragt er lachend den Dolmetscher: ein trockenes „Yes“ ist die Antwort.

Auch das Spiegelbild fängt der Film ein: die chinesischen Naturschützerinnen begleiten den deutschen Biologen nach Norderney, lassen ihre Gucci-Sneaker im Dünengras, um einen Blick auf den geschützten Strand zu werfen, der heute unter dichtem Nebel liegt. Der eine Strandläufer, der sich trotzdem zu erkennen gibt, ist schnell verschwunden, als eine der Beobachterinnen vor Freude über seinen Anblick in die Hände klatscht. „Saving Spoonie“ fängt viele solcher allegorischer Situationen mit betonter Beiläufigkeit ein: rostige Reste und die Abfälle der Industrie-Zivilisation stehen oft im Bild, wenn Forscher und Umweltschützer von ihrer Arbeit berichten. Zöckler unterbricht einen seiner Monologe, als ihm ein seltsamer Geruch entgegenweht – ein Reifenfeuer, schätzt er.

Der Naturschützer lebt für die bedrohten Spezies

Bei aller Leichtigkeit, die der engagierte Protagonist ausstrahlt, gibt es nie einen Zweifel darüber, wie ermüdend und niederschmetternd der Artenschutz für all jene ist, die sich ihm verschreiben. Sich mit autokratischen Systemen zu arrangieren – nahezu alle Staaten im Verbreitungsgebiet des Löffelstrandläufers werden diktatorisch regiert –, ist da noch das kleinste Problem. Zöckler ist in der Welt zuhause, weiß die Propaganda, die ein Kollege über den russischen Überfall auf die Ukraine zum Besten gibt, noch elegant mit einigen Fragen ebenso gut zu kontern, wie er Kommentare über Missstände in Deutschland hinzunehmen weiß. Dass ihm der Heimatstaat nicht so nah ist wie Flora und Fauna, sagt er nie explizit, aber immer dort, wo er lange nach dem Vokabular für die politischen Ämter der Bundesrepublik graben muss, wird sehr klar: Zöckler lebt für die Völker, die Arten und die Spezies, die keine Stimme bei der Dominanz des Planeten haben.

Der bitterste Teil eben dieser Berufung ist die Realität der menschlichen Dominanz selbst: Spoonies Chancen stehen inmitten dieser Welt verdammt schlecht. Wieder und wieder kehrt der Film zum scheiternden Brut- und Aussiedelungsprojekt namens „Slimbridge“ zurück. Mit gewaltigem Aufwand versuchen zwei Naturschützer hier einen Bestand des Löffelstrandläufers in Gefangenschaft aufzubauen. Täglich füttern sie die Vögel, die in unterschiedlichen künstlich geschaffenen Habitaten leben. Wieder und wieder werden die scheinbar gesunden Vögel von Pilzinfektionen dahingerafft, sterben wie ihre Verwandten in freier Wildbahn langsam aus. In der Tragik lauert auch eine der schönsten Erkenntnisse des Films: Wer den Vögeln nah genug kommt, sieht nicht mehr nur die Art, sondern auch das Individuum, jedes einzelne unter den letzten 300.

Veröffentlicht auf filmdienst.deSaving SpoonieVon: Karsten Munt (18.6.2026)
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