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Тиха повінь

90 minDokumentarfilmFSK 6
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Szenebild von Тиха повінь 1
Eine geschlossene Religionsgemeinschaft in der Ukraine lebt in der wunderschönen Landschaft am Fluss Dnjestr im Westen der Ukraine, durch die einst die Frontlinien des Ersten und Zweiten Weltkriegs verliefen. Ihr sonniges Dorf ist erfüllt vom Lachen der Kinder. Doch das friedliche Leben der Gemeinschaft wird durch Überschwemmungen wiederholt gestört und vom aktuellen Krieg bedroht. Beide Ereignisse fordern Leben. Die Gemeinschaft schließt sich zusammen, um die Folgen zu überwinden - genauso wie die Überschwemmungen das Land und das Leben der Gemeinschaft verändern, wird beides auch durch den Krieg neu geformt. Gemeinsam mit der Gemeinschaft beobachten wir Wandlungsprozesse, in denen sich der aktuelle Krieg mit den vergangenen Kriegen verwebt - doch das Gefühl von Heimat kann niemandem genommen werden.
  • Veröffentlichung18.06.2026
  • Dmytro Sukholytkyi-Sobchuk

Mützenträger, auf Ukrainisch „Kashketnyky“, werden sie genannt. Aber wohl eher von anderen als von sich selbst. Die Menschen, die der Dokumentarfilm „Silent Flood“ von Dmitro Sucholitkij-Sobtschuk porträtiert, bilden eine geschlossene Gemeinschaft; zwar kein Land im Land, aber doch eine Gesellschaft in der Gesellschaft.

Die Mützenträger leben am Fluss Dnister im Südwesten der Ukrainer. So weit es geht – und nicht zuletzt darum geht es im Film: wie weit genau es geht und ab welchem Punkt es vielleicht nicht mehr geht – führen sie ein von der technologischen Moderne nicht angetastetes Leben. Kein Strom, kein Asphalt, nicht zu viel Bildung, vor allem nicht für junge Frauen, weil die sich sonst nicht um die Familie kümmern könnten. Viele Kinder, viel Gemeinschaft, viel Religion. Christen sind die Mützenträger, der unbedingten Bibeltreue verschworen. Ihr Leben erinnert an die Amish, auch die Mützenträger selbst erkennen sich, so ist in „Silent Flood“ zu erfahren, in ihren amerikanischen Glaubensgenossen wieder.

Alle paar Jahre tritt der Fluss über die Ufer

Wie nähert man sich einem solchen Leben? Sucholitkij-Sobtschuk wählt als Einstieg in die Welt der Mützenträger den Fluss. Die Dnister schält sich zu Filmbeginn nur sehr langsam aus dem Nebel. Ein ewiges, breites Fließen, das das Leben der Gemeinschaft bestimmt. Und das seine eigene Form von Geschichtlichkeit mit sich bringt: Alle paar Jahre tritt die Dnister über die Ufer, zuletzt 2020, die Alten erinnern sich noch an die große Flut von 1969. 

Andere Erzählungen reichen noch ein bisschen weiter zurück: 1914 waren russische Soldaten hier, auf der Flucht, viele von ihnen sind in den Fluten ertrunken. Der nächste Krieg, in den 1940er-Jahren, hat Minenfelder in der Gegend hinterlassen, man muss aufpassen, wenn man die Kühe weiden lässt. Für die Mützenträger, die selbst aus religiösen Gründen jeglichen Waffengebrauch ablehnen, sind Kriege und Fluten miteinander verwandt: Beides kommt von außen über ihre Welt, mit beidem müssen sie sich arrangieren, beides rührt nicht an ihrem grundlegenden Gottvertrauen.

Sucholitkij-Sobtschuk fängt das Leben der Menschen an der Dnister in Tableaus ein, die eher von der Landschaft als von den Menschen her gedacht sind. Eine Welt der Horizontale: Wenig natürliche Erhebungen, schon gar keine hoch aufragenden menschlichen Bauten, stattdessen der Fluss umsäumt von grünem, fruchtbarem, idyllischem Flachland. Gefilmt ist „Silent Flood“ im breiten Cinemascope, und selbst das scheint noch nicht breit genug, der Blick möchte das Bild nach rechts und links verlängern, in eine endlose, ursprüngliche Ganzheit hinein.

Konsequent aus der Außenperspektive

Schwelgerisch-sehnsüchtig filmt Sucholitkij-Sobtschuk diese Welt: gelb wallender Weizen, rötlich schimmernde Wellen im Abendlicht, grüne Weiden, so weit das Auge reicht. Keineswegs allerdings taucht „Silent Flood“ in die Gemeinschaft der Mützenträger ein. Die Außenperspektive des Films hat viel damit zu tun, dass über weite Strecken eine strikte Trennung von Ton und Bild herrscht. Man hört Menschen – die meisten, jedoch nicht alle, sind Teil der Gemeinschaft der Mützenträger – über ihr Leben reden, über den Glauben, über den Fluss, über Krieg. Aber die Redenden sind nicht im Bild, werden nicht zu Individuen. Vielmehr sieht man, fast stets aus einiger Entfernung, anonyme Bauern bei der Feldarbeit, Menschen auf Holzbooten, spielende Kinder. Tatsächlich deutlich mehr Kinder als Erwachsene; vielleicht, weil Kinderspiele überall ähnlich sind und deshalb das Universelle betonen, das die Mützenträger mit der größeren Gemeinschaft verbindet, die um sie herum existiert.

Denn „Silent Flood“ ist nicht nur ein Film über die Mützenträger, sondern auch einer über die Ukraine in Kriegszeiten. Von Anfang an mischen sich unter die Stimmen aus dem Off auch solche, die auf die aktuelle Situation – die Dreharbeiten begannen 2023 – Bezug nehmen. Gedanken über die russische Bedrohung werden formuliert, der Pazifismus der Mützenträger wird mal verteidigt, mal hinterfragt. Wenn alle leben würden wie wir, würde niemand seinen Nachbarn überfallen. Nur: Wenn der Nachbar einen dennoch überfällt, was dann?

Brot für Soldaten an der Front

Die Mützenträger bleiben ihren Überzeugungen treu; aber sie backen Brot für die Soldaten an der Front. Der Film, der vorher eine in sich selbst ruhende, dem zyklischen Wechsel der Jahreszeiten unterworfene Welt beschrieben hat, verändert sich und folgt eine Weile lang dem Weg des Brotes. Das in Plastikfolie eingewickelt und per Auto in Richtung Osten transportiert wird – beides ist ganz und gar nicht vorgesehen im Lebensstil der Mützenträger. Eine Gruppe von Soldaten verspeist die Lieferung und macht sich Gedanken über die seltsamen Vögel im Südwesten, über deren Leben sie auch nicht viel mehr wissen als die Filmzuschauer. Alle sehen sie gleich aus, diese Mützenträger, sagt einer. Vielleicht liegt das ja an den Mützen, lacht ein anderer. Soll heißen: Würden wir welche aufsetzen, sähen wir genauso aus.

Veröffentlicht auf filmdienst.deТиха повіньVon: Lukas Foerster (16.6.2026)
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