Vorstellungen
Filmkritik
In der ersten Szene von „Soft & Quiet“ bekommt man zunächst Mitleid mit Emily (Stefanie Estes). Auf der Toilette blickt sie auf ihren Schwangerschaftstest und fängt an zu weinen. Mit ihrem Ehemann versucht sie schon so lange, Nachwuchs zu bekommen, doch es möchte einfach nicht gelingen. Die Grundschullehrerin lässt sich von ihrer Verzweiflung nichts anmerken. Doch innerlich hat sie ein Reservoir und Frust und Groll angesammelt, das irgendein Ventil braucht. Bald danach rät sie einem ihrer Schulkinder, sich bei der Hausmeisterin mit Migrationshintergrund darüber zu beschweren, dass sie bereits kurz nach Schulschluss die Böden wischt. Man könne schließlich ausrutschen und sich verletzen.
Krudes Kaffeekränzchen
Die Information mit dem mutmaßlichen Migrationshintergrund ist keine Randnotiz. Emily mag keine „People of Color“. Aus dem Mitleid, das man anfangs mit ihr hat, entwickelt sich zügig Befremdung. Die weiße Mittelstandsfrau lädt regelmäßig in das örtliche Pfarrhaus zu einem ideologisch aufgeladenen Kaffeekränzchen ein. Emily teilt mit anderen Frauen rechtsradikales Gedankengut. Sie sind zusammengekommen, um ihre demagogischen Denkweisen zu ventilieren. Neben Kaffee, Donuts und Cupcakes schneidet Emily einen Apple Pie an, in dem ein Hakenkreuz eingebacken wurde.
Es sind solche Irritationsmomente, die den Ton von Beth de Araújos Film setzen. In Echtzeit konzipiert und als „One Take“ gedreht, manövriert die Kamera von Greta Zozula durch die erschreckend ausgelassene Gesprächsrunde. Ein ironischer, aber von Alltagsrassismus triefender Spruch hier. Verschwörungsmythen rund um das Judentum da. Durchgehend hegt die Gruppe Ressentiments gegen Einwanderer, Inklusionspolitik und die LGBTQ-Bewegung. Manche der Frauen sind frisch dazugekommen, andere haben sich schon länger radikalisiert. Sie nennen sich „Daughters of Aryan Unity“.
„All Live Maters“ setzen sie der „Black Lives Matter“-Bewegung entgegen und „Femine not Feminist“ skandieren sie. Die erste Hälfte ist die Inszenierung damit beschäftigt, das Weltbild der Teilnehmerinnen herauszustellen. Recht plakativ wird diese rechtsradikale Ideologie dargestellt, man scheut sich vor keinem Thema und lässt die Zuschauerschaft mit dem Kopf schütteln. Fraglich bleibt dabei, wem diese filmische Konfrontation etwas bringt.
Schaulust und Schockmomente
Als der Priester der Kirche, deren Räumlichkeiten die Gruppe nutzt, diese menschenverachtenden Versatzstücke mitanhört, setzt er die Frauen vor die Tür. Emily möchte das Treffen verlagern, sie lädt zu sich ein, um mit Wein weiter auf die Parolen anzustoßen. Zwischen Tür und Angel machen zwei Teilnehmerinnen den Hitlergruß – wieder ist man auf einen Schockmoment aus.
Es bleibt aber nicht bei den verbalen Entgleisungen. Schließlich stellt der Film auch handgreifliche Gewalt gegen Minderheiten zur Schau, denen die Gruppe auf ihrem Weg begegnet. Durch die gegenseitige kollektive Bestätigung ihrer Ideologie wird die Situation aufgeladen. Die darauffolgenden, schwer aushaltbaren Momente sind dicht und beklemmend inszeniert, durch die filmische Konzeption unmittelbar, aber sie erliegen auch einer zweifelhaften Schaulust.
Wenig Raum für Ambivalenzen
Man kann „Soft & Quiet“ mit seinem Porträt eines Frauenzirkels, der sich mehr und mehr einer Hass-Spirale überlässt, als bittere Bestandsaufnahme des gegenwärtigen gesellschaftlichen Klimas in den USA sehen, seiner rassistischen Tendenzen und der zunehmenden Radikalisierung. Wie der Titel andeutet, erwächst die Saat der Gewalt klammheimlich mitten auf gutbürgerlichem Boden, bei gemeinsamen Kaffeekränzchen oder Familientreffen, alles unter vermeintlicher Stütze einer religiösen Institution.
Doch durch seine vereinfachte Darstellung, die wenig Raum für Ambivalenzen lässt, macht es den Zuschauer:innen allzu leicht macht, die Protagonistinnen als verabscheuungswürdig wahrzunehmen und sich selbst auf der richtigen Seite zu wähnen. Anstatt nachhaltig zu verstören und die fragwürdigen Tendenzen in uns allen heraufzubeschwören, legt uns der Film schlicht nahe, die rechtsextremen Protagonisten zu hassen –während wir die namenlosen Opfer, deren Leid ästhetisiert wird, längst wieder vergessen haben.



