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Filmkritik
„Du helikopterst rum wie früher“, wirft Les (Mala Emde) ihrem Vater Bert (Christoph Maria Herbst) entnervt vor, als dieser eines Tages bei ihr in Hamburg aufkreuzt und binnen kurzer Zeit ungefragt in ihr Leben einzugreifen beginnt – indem er das Shampoo etwa diskret austauscht, weil die Tochter nicht zu wissen scheint, was ihre Haare vor dem allzu schnellen Einfetten bewahren könnte. Les hat gleichwohl gerade Probleme, bei denen der richtige Griff ins Supermarktregal kaum weiterhelfen würde: Bei ihrer Ärztin plant sie einen Schwangerschaftsabbruch, weil sie ihrem Arbeitskollegen Tyler (Aaron Hilmer) kaum die ungeplante Vaterrolle zutraut und noch weniger Roya (Gina Haller), mit der sie so etwas wie eine offene Beziehung führt (Stoßrichtung: „Ich lasse dir deinen Space und du lässt mir meinen“), ein Leben zu dritt aufdrängen möchte.
Ein zweites Paar Socken, um die Füße nicht zu verkühlen
Gleich bei seiner ersten Szene ist der Schauspieler Christoph Maria Herbst in der Tragikomödie „Sommer auf Asphalt“ von Simon Ostermann ganz in seinem Element. Im karierten Kurzarmhemd und mit unterschwellig trantütigem Blick sitzt er vor dem Hauseingang und zieht sich, kaum in die Wohnung hereingelassen, ein zweites Paar Socken an, um die Füße nicht zu verkühlen. Publikumswirksam und mit jahrelang gut eingeschliffener Manier spielt Herbst seit spätestens Sönke Wortmanns Boulevardtheater-Reigen „Der Vorname“ immer wieder Variationen der gleichen Figur: die des etwas zu peniblen, etwas zu sehr aus der Zeit gefallenen älteren Mannes, der eine willkommene Reibungs- und Projektionsfläche für mehr oder minder zeitaktuelle gesellschaftliche Diskurse darstellt.
Längst hat sich eine gewisse Eitelkeit in sein Schauspiel eingeschlichen, ein genüssliches Zurückfallen in die immer gleichen Gesten und Mienen. Auch „Sommer auf Asphalt“ begnügt sich schnell und allzu deutlich damit, lediglich ein Vehikel für die wiedererkennbaren Manierismen des erfolgsverwöhnten Darstellers sein zu wollen. Als undankbar erweist sich dies in erster Linie für die andere Hauptrolle des Films. Spielte Mala Emde zuletzt mit juveniler Verve bei „Köln 75“ eine 18-jährige Konzertveranstalterin, so muss sie nun die andämmernde Midlifecrisis einer Frau um die dreißig als lediglich zuspielende Darbietung anlegen: sozusagen der lax gehängte Hoodie zum akkurat angepassten Kurzarmhemd.
Formen von überzeugter Selbstausbeutung
Lose an Wolf Schmids Roman „Pedalpilot Doppel-Zwo“ angelehnt, erzählt Ostermann mit der ambitionslosen Gemütlichkeit eines Fernsehfilms von einer Vater-Tochter-Beziehung, in der sich unterschiedliche Temperamente als Generationenstellvertreter nach Drehbuchfahrplan aussöhnen können. Am Rande der selbst gewählten Prekarität arbeitet Les bei einem Fahrradkurierunternehmen, dessen hierarchielose Kollektivleitung eine andere Form von überzeugter Selbstausbeutung darstellt: Wo jeder zeitweise der Chef sein kann, indem er sich symbolisch eine Krawatte um den Kopf bindet, gibt es letztlich niemanden, der sich um Absicherung durch Krankenkassenbeiträge und Lohnfortzahlung kümmert. Als Les so bei einer nächtlichen Fahrt durch die HafenCity (deren seltsam entvölkerte Straßen der Film nur sehr mühevoll als vermeintliches Stadtentwicklungsprojekt der Zukunft verkaufen kann) verletzt wird, sieht sich Bert eigenmächtig gezwungen, die Botenfahrten für seine Tochter zu übernehmen.
„Ich bin heiß wie Frittenfett. Over“, triumphiert er in verkehrsgefahrbewusster Warnkleidung bei seiner ersten Lieferung durchs Funkgerät. So schnell Les’ Kolleg:innen aber den altväterlichen Arbeitsenthusiasmus schätzen lernen, so schnell endet die Fahrt auch für Bert. Den selbst verordneten Urlaub bei der entfremdeten Tochter verbringt er eigentlich aus Angst vor einer unumgänglichen Diagnose: Bei einer Biopsie wird ein Hirntumor attestiert, den zu entfernen nur noch wenig aussichtsreich scheint. Ungelenk wechselt „Sommer auf Asphalt“ schließlich den Gang vom komödiantischen Generationenclash zum Krankheitsdrama.
Ist doch nur Krebs
Aber auch darin spielt der Film letztendlich ganz dem Ausdrucksregister seines Hauptdarstellers zu. Selbst die Art, wie Christoph Maria Herbst dabei mit brüchiger Stimme und mild-verdattertem Blick die emotionale Tonalität wechselt, ist den Zuschauer:innen längst aus anderen Filmen wohlvertraut. „Ist doch nur Krebs. So what.“









